Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1873)
- Date
- 1873-07-29
- Page
- Seite 508 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Jeuilleton. Ausflüge nach verschiedenen Stationen. III. Tie Franzosen haben unzweifelhaft einen Vorzug, in welchem sie nicht übertroffen werden. Er besteht in der Eleganz, v. i. der Anmuth und Annehmlichkeit, welche sie jedem Dinge zu geben verstehen, ohne Rücksicht auf den inneren Werth und Gehalt desselben. Schade, daß sie sich von diesem Vorzüge selbst blenden lassen, darum dem inneren Werthe und Gehalte wenig Würdigung schenken, und sich so für die erste Nation der Welt halten und erklären. Dieses Vorzuges wegen besitzt aber ihre Hauptstadt-eine große Anziehungskraft, sie ist vornämlich die Stadt des Plaisirs, und die große Zahl der Vergnügungsreisenden wendet sich am Liebsten ihr zu. Auch wir wollen ihr heute einen Besuch abstalten, doch nicht um sie und das Leben in ihr kennen zu lerne«, auch nicht um des PlaisirS willen, sondern nur um einer eigenthümlichen Scene beizuwohnen. Wir stehen auf dem Place de la Concorde. Er ist sicherlich einer der schönsten in den Städten der Welt. Man befindet sich am Fuße des aus Aegypten geholten, unter Ludwig Philipp aufgerichteten Obelisken von Luxor mit trefflichen Springbrunnen zu beiden Seiten, umgeben von den Marmorstatuen der acht größten Städte Frankreichs, wenigstens des Frankreichs vor 1870, und im weiteren Greife von großartigen Gebäuden. Hinter sich blickt man durch den Garten der Tuilericen auf diesen Palast, der freilich jetzt zum Theile in Ruinen liegt, vor sich durch die Champs Elisöes auf den imponirenden Triumphbogen; rechts sieht man durch eine breite gerade Straße auf die un griechischen Stile aus weißem Marmor crbauete Madelainekirche, links über eine Seiuebrücke nach dem Palaste der ehemaligen Deputirtenkammer, der seit 1870 leer steht, da in Folge des Aufstandes der Commune die Nationalverfanmtlung nach Versailles übersietelte, und sich noch nicht entschließen konnte, Paris mit ihrer Gegenwart zu beglücken. In diesen Palast kehren wir ein. Ein orientalischer Herrscher, um dessen Abhängigkeit jetzt große europäische Mächte im Streite liegen, und jede derselben deshalb um die Gunst und hohe Meinung dieses Herrschers buhlt, aus dessen Staaten aber nichts als Zammerrus und Wehgefchrei der Bevölkerung nach Europa tönt, ist gegenwärtig in diesem Palaste einquartirt. Die Oualitälen dieser Persönlichkeit und die Beschaffenheit seiner Mißregierung werden von den europäischen Machthabern unbeachtet gelaffen; man umringt ihn mit den Zeichen größter Ehrerbietung mit aller Pracht europäischer Paläste, bestürmt ihn mit den kostspieligsten Festen, und strebt vor Allem ihm eine große Meinung von der Macht des betreffenden Staates beizubringen und so viel Vergnügen wie möglich zu machen. Ob man das Letztere immer erreicht, und dem morgenländischen Monarchen nach seiner Art nicht öfter mehr Beschwerden als Annehmlichkeiten schafft, sei dahingestellt. Ist es doch bekannt, vaß die prächtigen Feste der Höfe, und überhaupt die Gesetze der Etikette nicht zu den leichtesten Bürden der Herrscher und ihrer Umgegebungen gehören. Za, diese Fremdlinge aus dem Morgenlande werden von uns nicht mit freundlichen Blicken angesehen, anch wir wissen, was die Gastfreundschaft fordert. Dies aber kann uns nicht verhindern, bei, dem Anblicke Jener an das unsägliche Mißgeschick zu denken, dem die Bewohner ihres Landes unterworfen find. Hier hat sich der Hungertyphus einheimisch gemacht, nicht bloß der Armuth wegen, sondern auch weil es an CommunicationSmitteln gänzlich fehlt, so daß oft an einem Orte großer Ueberfluß ist, während man eine Strecke weiter verhungert, weil man von einem zum anderen die Vorräthe nicht zu schaffen vermag. Die Noch res Volkes wird von den Regierungsbeamten selbst benutzt, um Kornwucher zu treiben; an Unterrichtsanstalten donkt Niemand, und die Rechtspflege liegt gänzlich darnieder. In einem Puncte sind die Armen besser daran als die Neichen; die letzteren nämlich sind keinen Augenblick sicher, daß ihnen der Kopf abgeschlagen werde, um ihre Habe 'einzuziehen. Haben sich die Pascha's vom Schweiße des Volkes voll gesogen, so erwartet sie dasselbe Schicksal, um ihre Reichthümer in den Schatz rer Vezire, und schließlich des Schah's fließen zu lassen. Person und Eigenthum haben keinen Schutz vor Denen, welche die Gewalt haben, und Dies ahmt das Volk nach, so daß überall "Räuberbanden das Land unsicher machen. So berichten die Reisenden, und ra sie darin übereinstinnnen, so haben wir kein Recht, daran zu zweifeln. Wir stehen nicht an, mit diesen fremden Gästen zugleich den Palast des „gesetzgebenden Körpers" zu betreten, und ihnen in die prächtig ansgestatteten Räume zu folgen. Die kleine Schaar, ihren unumschränkten Gebieter an der Spitze, kehrte eben von einer Heerschau zurück. Wir würden es für indiscret halten, wollten wir die Persönlichkeiten beschreiben, und was sie nach ihrer Rückkehr vorgenommen haben. Auch haben die Zeitungen darüber so viel berichtet, daß es sehr überflüssig wäre. Wir sagen daher Nichts davon, wie rer große Herrscher es sich bequem gemacht, auf deut kostbaren Teppich hockend sein Mahl mit den Händen zum Munde geführt hat, nachdem man den Hammel vor ihm geschlachtet, so, daß das Blut auf Teppich, Tapeten und köstliches Geräth unihergespritzt ist. Nachdem er das Verlangen nach Speise und Trank gestillt hat, spricht er zu dem hinter ihm stehenden Großvezir, der ihm sorgfämg die Hände abgewischt hat: „Was sind dies doch für Barbaren, diese Leute, die sich für die gescheidtesten auf der Erde ausgeben, und wie quälen sie mich! Wäre ich doch erst wieder im Lande der Sonne! Da muß ich still halten, um die unaufhörlichen Hausen ihrer buntgeputzten Soldaten vor mir vorbeilaufen zu sehen! Wenn ich hundert von