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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-29 · Heft 31 (29.7.1873) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 31 (29.7.1873)
Date
1873-07-29
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
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502 verdienter ist, als, wie man uns schreibt, 200 Petitionen von der gegnerischen Teile gegen die Errichtung deS RabbinerseminareS bei dem Ministerium eingelaufen waren. Während also die Herstellung einer jütisch theologischen Farullat in Wien, obschon beschlossen, noch immer ihrer Berwirklichuug entgegen sieht, hat ras ungarische Unterrichtsministerium durchgegrissen. Freilich ist Ties dadurch unterstützt, das; es die Geldmittel in dem jüdischen Landesmaffasente bereit hat, während man in Wien seine Zuslncht zu Staatsmitteln nehmen muß. Da die Grundlinien der Organisation der neuen Anstalt in dem obigen Erlaffe vorliegen, und wir anch ausdrücklich von jüdischer Seile in Ungarn aus dazu aufgesordert sind, wollen wir unsere Ansicht darüber nicht zurückhalten, wenn auch nur vorläufig,, da das zu beurtheilende Material eben nur auf diesen Erlas; bis jetzt beschränkt ist. Tie ganze Anstalt erhält also den Charakter einer Schule oder eines Seminares im engeren Sinne dieses Wortes. Wir brauchen unseren Lesern nicht erst zu sagen, das; wir zwar hinsichtlich rer unteren Abtheilung, r. i. der ein Sberghmuasium vertretenden Berbereitnngsschnle hiermit übereinstimmen, nicht aber betreffs der eigentlichen Abtheilung sür die Bildung der Rabbiner. Für riese verlangen wir die Einrichtung nur den Charakter einer theologischen Facultät, leine Elassencintheilung keine Beisetzungen von einer Elasse in die andere, keine jährlichen oder halbjährlichen Prüfungen, sondern nnr am Schluffe zur Erlangung der betreffenden Würde und Befugnisse, Rach der Anlage ist wenigstens ein zehnjähriger Enrsus angenommen, und da die Forderung der Kenntniffe ans einem Untergymnasium gestellt werden, kann man das Lebensalier vom vierzehnten bis vierundzwanzigsten Fahre als das Mindeste für die Besucher des Seminares annehmen. Wenn aber ein junger Mann das zwanzigste bis ztveiundzwanzigste Fahr überschritten, das Unterghnmasinm und den sechsjährigen Enrsus der unteren Abtheilung durchgemacht hat, so muß der Schulzwang aufhören, und ihm eine gewisse Freiheit in den Studien gelassen werden, um der Entwickelung seiner eigenihümlichen Geiftesrichlung und den eigenen Studien den nöthigen Spielraum zu lassen. Tie Erfolge sind sonst höchst einseitig, wie sich dies ja durch die Erfahrung hinlänglich bewährt hat; Alles wird, wie man zu sagen pflegt, über einen -lamm geschoren, über einen Leisten geschlagen, Alles verfällt in Schlendrian, und die wissenschaftliche Entwickelung bleibt vor der praktischen Einschulung zurück. Diese Letztere ohne die Erstere gehr aber selbst mir der Zeit immer weiter zurück. Diese von den bewährtesten Männern getragene Ansicht müßte bei der Organisation der höheren Abtheilung wohl berücksichtigt werden. Hierbei kommt weder Orthodoxie noch Reform in Betracht, aus den GesichtSpuneten beider gilt hier derselbe pädagogische Grundsatz. — Hierfür spricht auch $ I, der die Zöglinge der Oberabtheilung hinsichtlich der anderen wissenschaftlichen Diseiplinen aus die pester Universität verweist. Bei einer völlig schulmäßigen Einrichtung werden aber die Zöglinge gar nicht die Gelegenheit haben, Borlesungen an der Universität zu hören, da in der Zeit Schule und Borlesungen collidiren werden. — Auch das halten wir für unumgänglich, auch solchen jungen Männern, welche die untere Abtheilung nicht besucht haben, den Zutritt zu der Oberen zu gestatten, vorausgesetzt, daß sie bei der Maturitätsprüfung den Besitz der erforderlichen Keunmisse Nachweisen. — Ob es nach $ 2 gelingen werde, Religionstmd Talmudthoralehrer aus der unteren Abtheilung hervorgeheu zu sehen, bezweifeln wir, denn, die jungen Männer, die bis zum eimmdzwanzigsien Fahre und darüber die Schule freguentirt haben, werden auch die obere Abtheilung besuchen wollen, um sich auch zu Rabbinern zu gualtsieiren. - Gegen die Einsetzung eines Direetvrs der Anstalt, der die Leitung des Fnstitntes unter sich habe, und geborener Präsident des Profefforeueollegmmö sei, erheben sich die wesentlichsten Einwendungen. Hierdurch wird eine solche Anstalt auf Generationen hin einseitig und ihr eine individuelle Tendenz eingeprägt, was besonders betreffs der oberen Abtheilung äußerst schädlich ist. Während also die untere Abtheilung unter der Leitung eines Tireetors stehen mußte, ums; sür die obere das Professerencotleginm — vorbehaltlich der Bestätigung Seitens des Anisichtsrathes — sich jährlich seinen Borsitzenden zu wählen, das Recht haben, der dann die Direetorialgeschäfte mit verwaltet. Dadurch wird von .vom herein ein überwiegender Tireetorialeiusluß, die Herrschaft einer Persönlichkeit, in deren Wahl so leicht ein Fehlgriff gemacht werden kann, vermieden. — Ties sind die kurz vorgelragenen Bedenken, die wir über diesen allgemeinen Organisationsplan hinsichtlich des Ganzen hegen, indem wir eingehendere Fragen oder solche von geringerem Gewichte*, übergehen, bis die detaillirten Pläne uns vorliegen. Daß wir die Ausführung und die Herstellung der Anstalt mit hoheru Interesse und den lebhaftesten Wünschen begleiten, brauchen wir nicht auszusprechen. *> So B. empfiehlt cs sich schwerlich, sämmtlichc «vielleicht über zwölf) Professoren in einem Gebäude cinznlogiren. Abgesehen von dem erforderlichen Umfange des Gebäudes, von der Verschiedenheit der Bedürfnisse für jede Familie, ist die dadurch herborgcrufeuc gegenseitige Bcaussichtignug. vielleicht auch die des Direetvrs, so lästig und dem Frieden gefährlich, daß sich bedeutende Eapaeitäten, deren man doch bedarf, nicht weht diesem Zwange unterwerfen werden.

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