Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1873)
- Date
- 1873-07-22
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
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489 schon in manchen Gemeinden angebahnt ist. Aber ist eö denn so leicht, daß Orthodoxe und Neuerer sich mit einander verständigen? Seht, was in Deutschland vorgeht. Zn Deutschland hat man gut reden, dort werden die Gemeindesteuern von rer Regierung, wenn cs nöthig ist, eingetrieben. Sollte aber daö Gesetz, das Sie mit Recht in Ihrer Zeitung bekämpfen, und welches daö legale Bänd der Gemeinde ganz lockern würde, durchgehen, so daß Niemand mehr gezwungen werden kennte, bei der leichtesten Attsrede die Steuern zu bezahlen, so wurden Sie vielleicht noch eine größere Verwirrung als in Rumänien entstehen sehen, nur daß in Deutschland sronnne Stiftungen sind, die Vieles retten würden. II. Ich komme nun zum zweiten Puncte. Da ich aber den ersten zu sehr ausgedehnt habe, so werde ich nur Weniges über diesen zweiten und den dritten Punct sagen. Durch das Eingreifen des wiener Eomitö's lautet dieser Punct, werden die zu gründenden Schulen als deutsche verdächtigt. Dieses muß Ihnen noch einleuchtender sein, nachdem ich -Ihnen auseinantergesetzt habe, daß die ganze rumänische Judenfrage aus Lrorneid, auf der Superiorität rer Deutschen und der Juden beruht, und daß das sieche Rumänenthum mit Recht befürchtet, wenn es sich nicht ermannt-, unter der Wucht des fremden Fleißes erdrückt zu werden. Es fürchtet schon die Juden allein, wie viel mehr noch den Judenkaftan mit deutschem Futtertuche. Diese Angabe ist also keine Ausrede der Juden Rumäniens, sondern aus der Realität gegriffen. III. Tie rumänischen Juden geben vor, sagt endlich noch der Correspondent, kein Geld vom Auslande zu benöthigen. Das ist wahr. Ich selbst wurde von der jassyer Gemeinte beauftragt, der Eonferen; zu erklären, daß sie kein Geld von den Fremden verlange, daß ihre Hülfsmittel mehr als hinreichend sind, wenn nur die Gemeindesteuer eingetrieben werden kann. Ich verlangte deshalb auf's Dringendste von der Eonferenz ihren ganzen Einfluß dazu einzusetzen, um für uns die Stütze der Negierung zu diesem Behufe zu erlangen. Sie erklärte aber, daß dieses höchst schwierig sei, wie auch jedes etwaige Verwenden in diesem Sinne ebenso unfruchtbar blieb, als »reine eigenen zahlreichen und nachdrücklichen Versuche durch persönliche Schritte bei einigen Ministern Rumäniens, die ich persönlich kannte. Ta diese Stütze nun aber fehlt, was ist zu rhun? Sollen die ziemlich vermögenden Juden Rumäniens, weil sie keine Gemeindesteuer in vielen Orten eintreiben können, bei ihren ausländischen Brüdern betteln, und deren Almosen annebmen? Das wäre schändlich und empörend. Was zu thun ist, will ich mit wenigen Worten noch auseinandersetzen. Da ein harmonisches Vorgehen in Schulen in den meisten Städten unmöglich ist, oder wenn es einige Momente gedauert, stets wieder in die Brüche geht, so müssen sich überall, wo die Elemente dazu vorhanden sind, besondere reformatorische Gemeinden bilden, ohne jedoch, bei Leib und Leben, sich gänzlich von der großen Gemeinde loszureißen; das Band muß geknüpft bleiben, und eS muß eine Gemeindesteuer fortbestchen zur Deckung aller Ausgaben, hinsichtlich welcher keine Entzweiung statlsindet. Was die Schulen nun betrisst, so wie auch, in manchen Gemeinden, den Prediger, so muß eine jede der beiden Gemeinden eine besondere Schule und einen besonderen Prediger oder Rabbiner haben, für deren Ausgaben und Besoldungen eine jede für sich zu sorgen hat. Freiwillige Beiträge taugen Nichts; denn nach einiger Zeit bleiben sie theilweife aus, und das ganze Räderwerk kouunt in's Stocken. Deshalb muß entweder ein jeder der beiden Bruchtheile eine besondere Fleischbank haben, wo sie die nöthige Fleisch, steuer erhebt, oder, was praktischer ist, eS existirt nur eine Fleischbank, eine Steuer, und mau zahlt der kleineren Gemeinte von dieser Steuer einen Dheil oder das Ganze ihrer Ausgaben für Schule und Prediger; auf jeden Fall hat die kleinere Gemeinte das Recht, die Hälfte der von ihr geleisteten Steuer zurückzuverlangen, um ihre Ausgaben ganz oder theilweife zu decken. Das ist, mir nach, daö einzige Mittel, Alles ausznglcichen. In vielen Gemeinden können die Schulen noch Zusammengehen, aber für die so unentbehrlichen Prediger ist kein Einverständniß möglich. Man kann noch ein Einverständniß hinsichtlich der Eantoren erzielen, weil das Volk ja den Gesang versteht und liebt, aber für einen Prediger giebt man nicht gern in gewissen Kreisen einen rothen Heller, eher noch den Grünspan, der darauf ist. Antoine Lövy, grad. Großrabbiner. Türkei. Candia, im Juni.*) Tie Gemeinde von Eanea zeigt an, daß an diesen! Orte am 25. Mai ein VersolgungSversuch stattgefunden, und zwar in Folge des Verschwindens eines Kindes, von dein man behauptete, es sei von Inden gestohlen worden. Die Menge hatte sich in dem am meisten von Juten bewohnten Viertel versammelt und wollte mit Gewalt in zwei italienische Häuser eindringen, wo sie das Kind verbergen glaubte. Indessen Dank der Tazwischenknnft des GeneralgonvernenrS, welcher sich mit dein französischen Eonsnl sofort an Ort und Stelle begab und sogleich energische Maßregeln traf, Dank auch der Polizei, welche die ganze Nacht strenge Wacht hielt, konnte keine Gewaltthat verübt werden. Am folgenden Tage wurde eine beträchliche Anzahl Verhaftungen vorgenommen und eine Untersuchung angestellt. Was das Kind betrifft, so ist es von der Ortsbehörde in einem Dorfe der Umgebung aufgefunden worden, und aus seinen Antworten crgiebt sich, daß es von *) Canca ist eine beträchtliche Hasenstadt ans der Insel Candia (Kreta», und wird die Zahl itwer Einwohner aus 10,o<io angegeben, worunter 2>U») Griechen und »Oo Juden. Redact. :;v