Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1873)
- Date
- 1873-07-22
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
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488 aus. Ec sagt, die Juten Rumäniens seien in der letzten Zeit nicht sehr belobt Worten hinsichtlich ihres Eifers Schulen zu gründen, er spielt hiermit aus den Tadel an, welcher ihnen Seitens des wiener Eomitö's zu Theil wurde. Bald heißt es bei ihnen, sagt der Eorresponrent, wir brauchen kein Geld von Paris, bald daß die Action des deutschen Eomitö's in Wien den Rumänen verdächtig ist. Ich möchte diese drei Puncte berühren/ sie vom Gcsichtopnnctc rer Wahrheit beurtheilen, und endlich das Büttel angcben, um das Schulwesen bei den Juden Rumäniens zu heben. Ich bin ganz competent hierfür, denn ich habe die Schulen von Bukarest und Jassy lange Jahre dirigirt, und die der übrigen Städte inspicirt. I. Die Juden sind in letzter Zeit wegen ihres Eifers für Schulen nicht belobt worden. Schon in der brüsseler Eonfereuz hörten wir sehr harte Auslassungen über die Juden Rumäniens. Ich, und noch einige rumänische Abgeordnete, wir standen für sie ein, wie ich cs auch jetzt thuc. Ich konnte nicht läuguen, daß manche Gebrechen au ihnen haften, fügte aber hinzu, daß ähnliche Gebrechen überall, wo orthodoxe und reformatorische Juden beisammen wohnen, sich treffen, und daß die Juden Rumäniens mindestens so hoch als die ungarischen und galizischen Juden stehen. Ucberhaupt drehte sich die ganze brüsseler Eonfereuz in einem ciroulus vitiosus, aus welchem einige rumänische Abgeordnete, worunter ich, der ich deshalb derbe Erwiederungen einstecken mußte, herauszuführcn suchten. Sie glaubte nämlich, daß die Juden Rumäniens wegen ihres angeblichen sehr niederen Eulturgrades verfolgt werden, eine Annahme, die so grundfalsch ist, daß gerade fast das Gegenthcil wahr ist. Und in der That wurde mir einst von einem hochstehenden nichtjüdischen Rumänen gesagt: „So lange die Inden anspruchslos waren, und ihnen ihre Unwissenheit nicht erlaubte Beamten-, Professoren-, Advocatenstellen zu beanspruchen, konnten wir uns ihrer noch zienckich erwehren, jetzt aber, da sie nicht nur unseren Handel und unsere Besitzthümer an sich ziehen, sondern durch ihre an fremden Universiräten herangebilteten und der rumänischen Sprache kundigen Söhne jene Stellen einnehmcn wollen, die wir bis jetzt ausschließlich inne hatten, und die uns erlaubten, sei cs durch Gesetze, sei cs durch autoritäre Willkür gegen sie, das Gleichgewicht zwischen unserer zersetzenden Trägheit und der Alles zusammenrassenden Thätigkeit der Juden hcrzustcllen, jetzt müssen wir sie uns mit Keulcnschlägen vom Halse schassen, oder wir gehen unter der Wucht der Juden und der Deutschen, deren Thätigkeit mit unserer Nachlässigkeit wächst, unter." Sie verstehen wohl, hochgeehrter Herr Doctor, waö aus dieser Sprache, die die Lage kennzeichnet, hervorgehl: Die Judensrage in Rumänien ist eine rein ökonomische; die rumänische Trägheit fühlt, und nicht mit Unrecht, daß, wenn sie sich nicht ermannt, oder bis sie sich ermannt, was weder heute noch morgen stattsinden wird, die deutsche und jüdische Thätigkeit ihr das Heft aus den Händen winden wird. Gegen die Deutschen ohnmächtig, kehrt sie ihre ganze Wuth gegen die Juden, die sie, durch Verfolgungen, entfernen oder Niederdrücken möchte; und um ihren Zweck zu erreichen, sinken die Rumänen die Juden eher zu sehr als zu wenig gebildet; jüdische Bildung ist ihnen ein Dorn in den Augen. Deshalb thuen sie auch alles, um die Gründung jüdischer Schulen zu erschweren, indem sie zu dem Eintreiben der Eultusbeiträge den Juden die Hand nicht reichen wollen, obschon sie sich bei jeder Gelegenheit den Anschein geben, als sähen sie gern die Gründung jüdischer Schulen, und als verfolgten sie die Juden ihres niederen Moral- und Eulturstandes wegen. — Ta aber trotz dieser Auseinandersetzungen die Eonfereu; daraus bestand, die politische Lage der rumänischen Juden durch Schulen zu bessern, nahmen wir Abgeordneten Rumäniens das willig an, weil wir mit Recht dachten: Run, Schulen werden aus jeden Fall Ersprießliches wirten; ist jüdische Bildung den Rumänen ein Dorn in den Augen, so ist cs dennoch unsere Pflicht, sie möglichst zu befördern, wenn wir auch wohl wissen, daß deshalb unsere politische Lage sich um kein Iota bessern wird. Und nun die Frage: Wollen die Juden Rumäniens in der That Nichts für Schulen thun? Das ist falsch. Die Juden Rumäniens sind leider wie überall in Orthodoxe und Reformatoren getheilt, und die einen und die anderen, ja die ersteren noch mehr als die letzteren, sind für Schulen thätig. Nur wollen die ersteren das profane'Wissen, und die letzteren das jüdische Wissen, das die Kenntnis; der Bibel überschreitet, darin als Nebensache behandelt wissen. Imle irae.. Sie sehen schon .im Voraus, was da geschieht: Je nachdem die einen oder die anderen am Ruder sind, oder die Majorität im Gemeindeverstande erlangen, ruht die andere Partei nicht eher, als bis die bestehende Fleischtaxe, von der die Schulausgaben gedeckt werden, aufgehoben ist. Hätte die Majorität die Stütze der Regierung zum Eintreiben der Gemeindesteuer, wäre es noch gut, denn profanes Wissen, wie wenig es auch sei, wird doch von den orthodojischen Schulen nicht ganz ausgeschlossen. So aber liegt, ohne Gemeindesteuer, nicht mir die Schule, sondern auch noch das Spital brach da, wie es z. B. in Jassy sehr oft statlsindet, während Bukarest bis jetzt am Allerwenigsten an diesen Umständen gelitten hat. Kann man aber bei solchen Umständen behaupten, die Juden Rumäniens seien den Schulen abgeneigt? Eine jede Partei kämpft aufrichtig (wenn auch Schurken manchmal diese Zwistigkeiten ausbeuteni für ihre religiösen Ueberzeugungcu; die eine sieht den Untergang Israels im Aufblühen neugestalteter Schulen, die andere im Fortbestehen der alten. Bedauern kann man, daß dadurch Israel, wie der Mann, dem die junge Frau die weißen, die alte Frau die schwarzen Haare ausreißt, am Ende kahl bleibt, aber sicherlich nicht Mangel an Eifer kann da zum Borwurf gemacht werden. Wäre der Eifer geringer, oder wäre er der besseren Sache zugewendct, so würde man sich zwar verständigen, einen Mittelweg cinschlagen, wie er