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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-22 · Heft 30 (22.7.1873) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 30 (22.7.1873)
Date
1873-07-22
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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484 das in seiner ganzen Furchtbarkeit für den Menschen und seiner Ueberzähmbarkeit geschildert wird. Der Dichter versenkt sich hier überall in eine wahre Verhöhnung der Anmaßung und jener hohlen Selbstüberschätzung des Menschen, und heben wir nur als Beispiel die folgenden das Crocodil betreffenden Verse hervor (40, 25 ff.): „Ziehest Tu das Crocodil am Hamen, senkst seine Zunge in die Schnur? legst Du ein Rohr durch seine Nase, durchbohrst den Kiefer ihm mit einem Ringe? Wird es Dich änslehen viel, sanft zu Dir reden? Schließt es einen Bund mit Dir, daß Du zu ewigem Knechte es nehmest? Spielst Du mit ihm gleich einem Vogel, und Lindest es an für Deine Mägdelein? Können Gesellen ihm nachstellen und unter Käufer es vertheilen? füllst Du mir Stacheln seine Haut, mit Fischerhaken seinen Kops? Leg' Deine Hand an es! gedenk' des Kampfes — Du thucst cs nicht wieder!" Man laste also endlich ab, derartige veraltete Ansichten in der Bibel wiederfindcn und aus ihr erweisen zu wollen! Klar und unzweideutig erkennt die heilige Schrift an, daß in der Natur ein allgemeiner Zweck in jedem einzelnen Wesen und Dinge der Selbstzweck des Daseins, des Bestandes vorhanden, und dieser Zweck nach Art des Wesens und des Dinges in angemestenster Weise verwirklicht sei; sie weist dem Menschen die höchste Stelle unter den Geschöpfen der Erde an, und schätzt seine Fähigkeiten hoch, durch welche er sich der Dinge aus Erden bemeistern und sie sich dienstbar machen kann. Hiermit aber meint sie auch nicht im Entferntesten, daß die Dinge um des Menschen willen geschaffen und dieser'der eigentliche Zielpunct der Schöpfungsei. Wenn Spinoza und viele folgende Männer den Wahn bekämpften, so haben sie nur für die Anschauung der Bibel gekämpft, und auch diese von der ihr insinuirtcn Verkehrtheit frei gemacht. Im Fortgange freilich tritt die Gegnerschaft dieser Männer gegen die Weltanschauung der heiligen Schrift hervor, und diese wollen wir nunmehr beleuchten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 10. Juni. So eben erschien die „Glaubens- und Pslichtenlehre für israelitische Schulen von. Dr. S. Herxheimer" in der zw ei und zwanzigsten Auslage. Diese ungewöhnliche Erscheinung bei einem jüdischen Schnlbuche überhcbt uns jeder kritischen Mühewaltung. Der greise Verfasser bemerkt in den Vorreden, daß er, wenn auch ungern, um keine Störung bei dem Unterrichte durch den Gebrauch verschiedener Auslagen zu verursachen, Verbesterungen unterlassen habe, daß er aber sich Vorbehalte, wenn er die fünsundzwanzigste Auslage, also die Jubelansgabe seines Schristchens, erleben sollte, die beabsichtigten Verbesserungen ausführe. Wir hegen den lebhaften Wunsch, daß dies in Erfüllung gehe. — „Die schöpferischen Ziele unserer religiösen Bewegung. Predigten, gehalten an den ersten Tagen des Peßachsestes 5633" von l)r. Neubörger, Rabbinatssubstitut, bei Gelegenheit der Ausstellung einer Orgel in der Hauptsynagoge zu Fürth.?Fürth, Löwensohn, 1873.) Aus die Frage, welche in dem Titel dieser beiden Predigten ausgesprochen liegt, giebt der Redner die Antwort: diese schöpferischen Ziele unserer religiösen Bewegung liegen eineStheils „in der gedanklichen Durchdringung deS Judenthumes mit der fortgeschrittenen Erkenntniß unserer Zeit," und anderentheils in der Wiederherstellung einer reineren und erhebenderen Gestalt des öffentlichen Gottesdienstes, wodurch der Redner dann auf den eigenthümlichen Gegenstand res Tages, die Einführung der Orgel, kommt. Matl erkennt schon hieraus, daß der junge Redner sich aus die höchsten Standpuncte zu setzen vermag, um von da aus die Specialfragen zu betrachten. Auch erkennen wir gern an, daß er diesen schwierigen Weg mit Geistesschärfe zurückzulegen versteht. Schwierig nennen wir ihn besonders deshalb, weil der Volksredner ihn nicht für sich selbst als Denker, sondern zugleich für das Volk, die Hörer, zurückzulegen hat. Dies ist cs, was wir ihm noch ferner zu entwickeln als Aufgabe stellen, womit wir nicht gesagt haben wollen, daß es ihm nicht auch schon in den vorliegenden Predigten ziemlich gelungen sei. Will man eine bleibende Einwirkung erlangen, so darf man bei dem Publicuur nicht all zuviel Leichtigkeit des Verständnisses voraussetzen. Immerhin jedoch ist das Streben eines Redners anzuerkennen, seine Zuhörer allmälig herauszuheben, als sich in Gemeinplätzen herumzutummeln. Wir erhoffen daher von dem Versaster viel Gutes. — „Das Verhältniß zu Gott, ein unauflösliches, aus sittlichen Grundlagen beruhend. Predigt, gehalten in der Synagoge zu Mainz am Sabbalh vor dem Wochenseste '1873 bei Uebernahme seines Amtes als Prediger und Religionslehrer daselbst von Dr. Julius Für st." (Mainz, Zabern, 1873). lieber Hoseä 21,22, einfach klar und beredt. — „Aus der Zeit auf der Kanzel. Erstes Heft. Kleinere Predigten von Rabbiner Dr. L. Donath." (Fulda, Hammer.) Wir können es nur sehr'billigen, wenn auf der jüdischen Kanzel über die Fragen, welche die heutige Zeit bewegen, aus dem Gesetze und dem Alrerthume unserer Religion in treffenden Bildern geantwortet wird, und so die Joeeen wahrer Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie in unserer Religion wurzeln, fern von aller Nebertrcibung und Ueberstürzung, in der Gemeinde zum Bewußtsein gebracht werden. Wir glauben hierfür die Bahnen schon vor dreißig Jahren eröffnet zu haben, und hierüber auf den zweiten Band unseres „Siteah" verweisen zu können. Der Verfasser des vorliegenden Heftchens bespricht: „die Arbeiterfrage und ihre Lösung vor dreitausend Jahren;" „das Kriegs- und Armcewesen (besser wohl Heerwesen) im Geiste der Thora;" „Die Freiheit auf Grund der Familie." Er giebt zutreffende Gedanken und Auslegungen, aber freilich, wie sie hier stehen, sehr aphoristisch. — Hieran schließt sich am nächsten: „Die sociale

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