Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1873)
- Date
- 1873-07-22
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
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482 Standpunct möglichst festzuhalten, wenigstens diesen Boden nicht ganz zu verlieren strebte; wohl aber Spinoza, der wahre Begründer der neueren Philosophie, suchte zu erweisen, daß es weder in der Natur noch im menschlichen Handeln einen Zweck gebe. Den eigentlichen Ursprung dieses LäugnungSvcrsuches erkennen wir darin, daß Spinoza doch nur den Zweckbegrisf in der Natur bekämpft, indem er die Haltlosigkeit jener Ansicht, daß Alles lediglich um des Menschen willen geschaffen sei, nachweist, und dieses damals noch allgemein verbreitete Borurtheil Verspotter. Uns, denen jetzt diese Ansicht fast kindisch erscheint, komnrt es beinahe komisch vor, den großen Denker sich so nachdrücklich mit ihrer Bekämpfung abmühen zu sehen, und wie er mit der Beseitigung derselben den Zweckbegrisf aus der Natur wesentlich verbannt zu haben vermeinte. Schwer war jenes aus dem Grunde des kepernikanischen Systemes schon damals nicht mehr. Wir werden später sehen, daß seine Läugnung eines Zweckes im menschlichen Handeln im Grunde keine Läuguung ist, sondern nur aus eine andere Definition hinausläust. Immerhin erkennen wir aus diesen Vorgängen Zwiefaches; einerseits, daß der Gegensatz zu einem vorhandenen Borurtheile zum anderen Extreme führt, und nun wieder zu einem Vorurtheile wird, wie es die grundsätzliche Feindschaft gegen jede teleologische Erkennmiß in der Naturwissenschaft ist; andererseits wie schwer cs ist, ein lange vorhandenes Vorurrheil ganz aus der Welt zu schassen, denn selbst aus einem Theile der sogenanmen gebildeten Welt ist die Ansicht, daß alles ein Zwcckverhälrniß zum Menschen habe, noch heute nicht ganz geschwunden, und man durchtränkt damit wenigstens die Kinderwelt, die man erst durch spätere Belehrung davon befreien muß. Erhalten wird sie nämlich noch durch die orthodoxe Theologie, die ihrer nicht.entbehren kann, wie wir bereits mit dem Hinweise auf die christlichen Dogmen.angedeutet haben. Wie gewöhnlich, stützt diese sich dabei auf die Bibel, indem sie in derselben finden will, was sie sucht. Ganz allgemein ist daher die Meinung, daß die Bibel es sei, welche lehre, daß alle Dinge der Natur um des Menschen willen geschaffen seien, und in ihm ihren Zweck haben. Es ist daher nicht über flüssig, ein Mal vor dem größeren Publieuur zu untersuchen, ob ries begründet, oder eine jener Andichtuugen sei, reuen man die Bibel so vielfach unterworfen hat. Tic Bibel ist bekanntlich kein theoretisches Lehrbuch, und will kein philosophisches Lehrgebäude ausstcllen. Wohl aber prägt sie ihre Anschauung in bestimmten Aussprüchen aus, die nur drwch irrige oder erkünstelte Auslegung verdunkelt worden sind, irrig, weil man die Sprache nicht immer verstand, erkünstelt, weil man von Voraussetzungen ausging, und diese in der Bibel bestätigt finden wollte. Prüfen wir daher unparteiisch, was wir in der Bibel über unseren Gegenstand finden. Das Nächste bietet uns selbstverständlich die Schöpfungsgeschichte. Hier finden wir fast bei jedem einzelnen Schöpfungsobjecte den Zusatz: „Und Gott sah, ras; cs gut sei," und wiederum nach Vollendung der Schöpfung: „Und Gott sah Alles, was er gemacht, und siehe, es war sehr gut." Der Ausdruck „gut" kann nur bedeuten: es war zweckmäßig, jede einzelne Wesengattung entsprach „nach ihrer Art" in der Ausführung dem Zwecke, für den cs geschaffen war, und die ganze Schöpfung war zweckmäßig, entsprach dem Gesammtzweckc, für reu sie geschaffen worden war. Welcher dieser Zweck sei, wird nicht specialistrt, aber es ergiebt sich aus der ganzen Fassung, daß er in dem Bestände der Dinge selbst, der Einzelnen wie des Ganzen, enthalten sei. Dreimal wird der Zweck bestimmt angegeben. Vers neun heißt es: „Gott sprach: Es sammelen sich die Wasser unterhalb des Himmels an Einem Orte, daß sichtbar werte das Trockene." Die Sammelung rer Wasser an eitlem One, ras Meer, sollte also den Zweck haben, das Trockene, d. i. das Festland, frei zu lassen, damit, was gleich darauf folgt, Pflanzen und Thiere darauf werten iinb bestehen könnten, wie wiederum rem Wasser andere Thiere gegeben werden, die darin bestehen können. Bei der Schöpfung der Sonne und des Mondes wirr hinzugefügt: „Zu scheiten zwischen dem Tage und der 'Nacht, und sie seien zu Zeichen und zu Zeiten und zu Tagen und Jahren, zu leuchten auf der Erde u. s. w." Auch hiermit ist der Zweck inbestimmter Weise angegeben. Endlich bei rer Schöpfung res Menschen «Vers 26) wird sofort hiuzngcfügt: „sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, und über das Geflügel des Himmels, und über das Vieh, und über die ganze Erde u. s. w." Was-wird hierinit ausgedrückt? Sicherlich nicht, daß Alles nur um des Menschen willen geschaffen sei, sondern nur, daß der Mensch das höchste, das mit den größten Fähigkeiten ausgerüstete Geschöpf der Erde sei, lind dadurch die Kräfte habe, die anderen Geschöpfe der Erde zu überwältigen nur sich dienstbar zu machen. Aus dem Ausdrucke „über sie herrschen," schließen zu wollen, daß damit gesagt sei, sie seien nur um seinetwillen geschaffen und vorhanden, gliche ganz dem Schlüsse, daß, wenn einer über ein Volk herrscht, das Volk nur um seinetwillen vorhanden sei. Die monarchische Verfassung verleiht dem Monarchen das 9«echt und die Macht, das Volt zu beherrschen, um es in Frieden und möglichster Freiheit bestehend zu erhalten. Das Volk ist um seiner selbst da, nicht aber um des Herrschers willen. Hat nun auch die „Herrschaft" des Menschen über die Ereenwesen nicht den Zweck, für den Bestand derselben zu sorgen, sondern für sich und seine Entwickelung so vielen Nutzen aus ihnen zu ziehen, wie seine Kraft und seine Einsicht vermögen, so ist eben der Begriff „herrschen" hierauf beschränkt, und um so weniger fließt daraus die Vorstellung, daß sie um seinetwillen vorhanden sind und bestehen. Wenn ich Iemanteut die Erlaub-- niß gebe, sich aus meinem großen Vorrarhe Etwas;u wählen, was er brauchen kann, so sage ich hiermit am Wenigsten: Alles dies ist nur um Deinetwillen gemacht und vorhanden. Dies geht auch aus dem Allsdruck Vers 28 hervor „mit» unterweist sie" und Vers 30 wird den Thieren in völlig gleicher Weise d