Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1873)
- Date
- 1873-07-15
- Page
- Seite 475 (sequence 11)
- Language
- German
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475 Splügen nicht hinaiireichcn, oder von Osten kommend, die Eisenbahn über den Brenner benutzen. ES steht ihrer Wahl frei. Freilich wer zugleich eine ächte Gebirgsreise damit verbinden will, dem könnten wir einen besonderen Rath crthcilen. Er mag über das „schwäbische Meer", d. i. den Borensee fahren, und von Rorschach auf der Eisenbahn bis Landquart, und von da aus links durch daS Prättigau und die daveser Landschaft wandern, den einsamen Flüelipaß auf der höchsten Kunststraße in der Schweiz übersteigen, durch ras Innthal nach Samaden ziehen und, selbstverständlich nachdem er die herrlichen Naturscenen genoffen hat, die'sich ihm hier überall in reichster Fülle an Höhen, Thälern, Gletschern und Seeen bieten, auf dem Malojapaß durch das unstreitig schönste Alpenthal, das Bcrgell, an das Ufer des Eomerseees hinabsteigen, an dessen westlichem Südende er in Eomo das italienische Eisenbahnnetz erreicht. Wie gesagt, überall die persönliche Freiheit hochschätzend, stellen wir unseren Mitreisenden die Wahl ganz frei, und ebenso, auf welchem Wege sie zu der „ewigen" Noma gelangen wollen, wenn sie dahin nur zum 20. Juni d. I. sich cingefunden hätten. Man wird mir einwenden, dass es eine Thorheit sei, mitten in der Sonnenhitze nach Italien zu reisen, wo wir von derselben so viel zu leiden hätten, und nach wenigen Morgenstunden bis zum späten Abend doch nur der Ruhe an irgend einem kühlen Plätzchen pflegen könnten. Aber der Zweck unserer Reise zwingt uns dazu. Es komntt uns diesmal auch gar nicht darauf an, Italien, seine landschaftlichen Schönheiten, seine Kunstschätze und Alterthümer kennen zu lernen, und selbst von Nom irgend eine Kenntniß zu erlangen. Wir müssen vielmehr am besagten 20. Juni im Baticane gewesen sein. Reisen wir ja auch nicht in Wirklichkeit, sondern nur im Geiste, weshalb wir diese Fahrt auch jetzt noch machen können, nachdem der 2o. Juni bereits weit hinter uns liegt, und cs auch unseren zukünftigen Lesern — wir hoffen, das; es nns daran nicht mangeln wird — nicht schwer fallen wird, uns zu begleiten. Nebenbei gesagt, wünschen wir, daß ihnen die Gunst des Glückes bescheiden möge, eine solche Reise auch wirklich zu machen, wenn dann auch in angemessenerer Jahreszeit und nicht zu einem solchen bestimmten Zwecke. Wir müssen nämlich am 20. Juni einer Audienz der beiden Abbös Lemann bei dem Papste beiwohnen, indem wir darin dem pariser Monde vom 20. Juni folgen, einem in nltramontanen Dingen zuverlässigen Führer. Wir stehen also am 2o. Juni zur festgestellten Zeit — wir haben unsere streife genau hiernach eingerichtet — vor dem Portale des Baticanes. Nur einen kurzen Blick werfen wir über den großen Petersplatz mit dem ägyptischen Obelisk und den beiden mächtigen Springbrunnen zu dessen beiden Seiten, auf die massenhaft emporsieigende Peterskirche, die doch im Inneren noch colossaler erscheint als von außen, auf die Arcaden, die von beiden Seiten der Kirche auSlaufen. Wir stehen vor dem Baticane, diesem weitläufigen, zum Theil wunderlichen, aus den verschiedenartigsten Werken der verschiedenen Jahrhunderte zusammengesetzten Baue, von welchem wir dreist behaupten können, daß auS keinem ankeren Menschenbaue die Geschicke der Völker und Staaten öfter beherrscht, verwirrt und in die furchtbarsten Erschütterungen und Kämpfe gestürzt worden seien. Hat doch schon Karl der Große hier gewohnt. Seitdem ist cs fast zu einem Stadttheilc gewachsen mit 20 Höfen. 2 Hm Gemächern, l0,216 Zimmern! Wir unternehmen cs nicht, dieselben zu durchwandern, ja auch nur einen Blick auf die nnernn'ßlichen Kunstschätze, auf die von den größten Meistern ausgemalten Ea pellen, Loggien, Sälen, u. s. w. zu wersen. Hier also ist es, wo einer der merkwürdigsten Päpste wohnt, der so großen Wechsel in seiner eigenen Gesinnung, wie in seinen Schicksalen erfahren hat, der von der einen Seite die weltliche Herrschaft seinen Händen nach und nach entfallen sah, bis sie ihnen vollständig entrungen worden war, von der anderen Seite das Dogma der Unfehlbarkeit durch die Kirchenfürsten feierlich verkünden ließ, und dadurch die geistliche Herrschaft über die ganze römisch-katholische Kirche in unbedingtem Maße erlangte — hier wohnt er nach' der längsten Regierung eines Papstes, im hohen Greisenalter von schweren körperlichen Leiten heimgesucht, aber ungebrochener Geisteskraft, wohnt hier, wie seine Anhänger sagen, als Gefangener, in Wirklichkeit nur als freiwilliger Gefangener, da Niemand Um hindern würde und dürfte, sich zu begeben wohin er wolle, zu augenblicklicher oder zu dauernder Entfernung. ' Die beiden Ab bös Lemann durchschreiten das Portal, zeigen den bunt auSstassirten Schweizersvldaten, die hier Wache halten, ihre .Karten vor, und schlüpfen rechts durch eine Pforte in den Theil des (Gebäudes, der zu den Gemächern des Papstes führt. Wir folgen ihnen ohne Schwierigkeit, und betreten nicht die kostbaren Treppen, die zu dem sogenannten königlichen, und noch höher zum sogenannten herzoglichen Saale hinausführen. Und nun lassen wir zunächst die wertlicke Uebersetznng des Berichtes des Monde folgen: „Die Herren Abbös Lemann, diese beiden nnermüdlichen Apostel der jüdischen Nation, welche ausäugt die Augen dem Lichte zu öffnen und sich zu bekehren, sind in Nom. Sic haben am 20. Juni eine besondere Andien; bei dem Papstkönige gehabt. Unser Correspondent theilt uns rührende Details über diese Andien; mit: Man wird hier die ganze Zärtlichkeit sehen, welche der Papstkönig für Frankreich hegt, die ganze Hoffnung, welche er ans dasselbe setzt, und die Freude, die ihm die glänzenden Zeichen seiner Rückkehr zum Glauben bereiten." „Als er die beiden Brüder eintreten sah, rief der Papst aus: „Ah, meine Söhne, kommet, sprechen wir von den Israeliten." „Allerhciiigster Vater, sagten sie, indem sie sich auf da« Knie warfen, Eure Heiligkeit sagte vor einigen Tagen in einer