Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1873)
- Date
- 1873-07-15
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
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472 Sitzung des Eentralwahlc omitv's der Juden Galiziens wurde folgender, an fämmtliche israelitische Wähler Galiziens zu richtender Aufruf angenommen. Die Unterzeichneten, durch Wahl aus der Mitte einer Notatlenverfamnilung ihrer Glaubens- und Parteigenossen hervorgegangen, haben sich als CentralwahlcomitL der Juden in Galizien censtituirt, um bei den bevorstehenden, zum ersten Male stattsindendcn unmittelbaren Wahlen in den östrcichischen ReichSraLh der politischen Ueberzeugung ihrer Mandanten Ausdruck zu geben. Weit davon entfernt, confefsionelle Interessen oder wie immer geartete Sonderbestrebungen vor Augen zu haben, fühlen wir uns als treue, gleichberechtigte Söhne des Vaterlandes, dessen Wohl wir mit fördern wollen, und als loyale und treue Bürger des Gesammtreiches, unter dessen glorreicher Dynastie wir glücklich und zufrieden leben. Wir wollen ein großes, starkes, einiges und freies Oestreich, das im Stande wäre, nach Außen seine Macht und sein Ansehen kräftig zu vertreten, und nach Innen alle seine Länder und Völker ruhig und gleichmäßig zu immer größerer materieller und geistiger Vlüthe auf der Basis der bestehenden Verfassung sich entfalten zu lassen. Wir betrachten die Grundrechte dieser Verfassung, das Product des Geistes der Freiheit und des erleuchteten Gerechtigkeitssinnes, als heilig und u n a n t a st b a r, und begrüßen die unmittelbaren Neichsrathswahlen mit Freuden, weil wir dieselben für das geeignetste Mittel halten, die Gesinnung der Wähler zum unverfälschten AuSdnicke zu bringen, und die ersehnte Einigkeit im Staate vollslcmdig wieder herzustellen. Wir wünschen ferner, daß den Interessen und politischen Anschauungen der mehr als Guo,0«0 Inden in Galizien durch Wahl einer entsprechenden Anzahl von würdigen und fähigen Repräsentanten in den NeichSrath Rechnung getragen werde, deren Aufgabe es sein soll, am heilsamen Werke der Verjüngung Oestrcichs und seiner Länder auf dem Wege ununterbrochener freiheitlicher und gesetzlicher Entwickelung theilzunchmen. Wir wünschen dieses besonders auch aus dem Grunde, damit so der Gleichberechtigung praktisch vor den Augen des Volkes Ausdruck gegeben werde, um dadurch die im socialen Leben noch so vielfältig vorhandenen Schranken und Vorurthcile, die den Geist der Trennung und Absonderung nähren, zum Frommen der Gesauuntbevölkerung unseres Vaterlandes beseitigen zu Helsen. Diese Ansichten und Ziele haben uns bei unserer Eeustituirung zum Comitö vorgeschwebt, und werden aus alle unsere Beschlüsse .bestimmend einwirkeu. Wir wollen daher durchaus nicht abgesondert handeln, wir haben vielmehr das Land und seine Interessen als Thcil im Kaiserstaate vor Äugen, und sind gern bereit, mit Allen, welche der Fahne der Reichscinheit, der Freiheit, der Gleichberechtigung, des Liberalismus und des verfassungsmäßigen Fortschrittes folgen, Hand in Hand für die speciellen Bedürfnisse dcö Landes, und die Interessen des Reiches uneigennützig einzntrcten, nnd in diesem Geiste bei den bevorstehenden Wahlen vereint zu wirken. Sie werden demnach höflichst ersucht, im Sinne des beiliegenden Schreibens unser Eoruitö durch Namhaftmachung von Männern Ihres Vertrauens zu verstärken, sich überhaupt mit demselben zu gemeinsamer Action in dem oben angegebenen Rahmen zu vereinigen, und alle nöthigen Daten und Auskünfte schleunigst geben zu wollen. Das Streben unseres Coniite's ist ein solches, das jeder ehrenhafte Patriot, welcher politischen Ansicht er immer angehören mag, als ein gerechtfertigtes betrachten muß, und wir können darum auch mit Zuversicht erwarten, daß Sie im Angesichte der bevorstehenden Wahlen dasselbe mit Energie und Besonnenheit unterstützen werden, damit durch solidarisches Vergehen auf legalem Wege die Wünsche einer so bedeutenden Fraction der Bevölkerung Galiziens realisirt werden. Wien, ‘1. Juli. lPrivatmitth.» Ich meldete Ihnen jüngst, daß in Folge eines gegebenen Falles dem Ministerium die Frage zur Entscheidung vorliege, ob Rabbiner als Gemeinde- oder als Privatbeamte zu betrachten seien. Wie ich nun höre, hat sich das Ministerium des Inneren für die letztere Anschauung ausgesprochen. Die Sache ist zwar damit noch nicht abgeschlossen, da das Ministerium für Cultus und Unterricht noch sein Votum abzugeben hat. Wahrscheinlich dürfte cs jedoch in demselben Sinne sein. Verlockend ist diese Aussicht für Beamte jüdischer Gemeinden gerade nicht; aber Diejenigen, die ein derartiges Amt autreten wollen, werden gut thun, sich in dieser Beziehung vorznschen. - Sie widmen dem Gesetze, betreffend den Austritt aus der Kirche in Preußen und dem in dieser Angelegenheit vorliegenden Anträge LaskerS, eingehende Betrachtungen. Würden unsere Orthodoxen nickt so ganz von Haß geblendet sein, so würden sie einsehen, daß sie mit einem zweischneidigen Schwerte spielen; denn sobald der Zustand rrry vrra ‘v^rn stk eintritt, so werde sich auch die Anzahl der Mitglieder dieser Gemeinde lichten. Doch für diese Herren ist Vernunft Unsinn. Herr Professor S. Hammerschlag hat sich veranlaßt gesehen, auf sein Amt zu resiguiren. Tie Schule verliert an ihm eine tüchtige bewährte Kraft. Ter Vorstand, indem er die Resignation annahm, anerkannte in vollstem Maße die gediegenen Leistungen des Herrn Hammerschlag. Wien, im Juli. Jüngst ist von Zwistigkeiten gemeldet worden, welche wegen Erhebung der Eultuöstcuer zwischen der hiesigen israelitischen Eultusgemcinde und einigen Gemeindemitgliedern ausgebrochen sind, und daß gegen letztere, da sie die Zahlung stets und entschieden verweigerten, die gesetzlichen Zwangsmaßregeln angewendet wurden. Gegen die zu Gunsten der israelitischen Gemeinde gefällte Magistratsentschcidung recurrirten die Steuerverweigerer an die Statthalterei, und als hier ras erste Erkenntniß bestätigt wurde, brachten dieselben den Gegenstand zur Austragung an das Ministerium für Eultus und