Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1873)
- Date
- 1873-07-15
- Page
- Seite 467 (sequence 3)
- Language
- German
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467 Formen gestaltet hatte, und indem sie sich als Allgemeinheit, als festgegliederte Institution innerhalb vieler und verschiedenartigster Nationen setzte, und eine Menge zum Theil sehr mächtiger Serien zu bekämpfen hatte und bekämpfte: ergab sich für sic von selbst die Aufgabe, die Unabhängigkeit vom Staate und dessen Machthabern sich zu erringen; ihre Katholicität innerhalb so vieler Staaten und Völker gebot dieß von selbst, noch dazu, da sie an der Wiege der Letzteren nicht gestauten, sondern erst in sie übertragen wurde. Da sie aber, zugleich ihrer Nauir, ihrer Mission, und ihren an sich gebrachten und herausgebildeten Tendenzen und Formen gemäß auf viele bürgerliche Gebiete einen Einfluß auszuüben beanspruchte, erweiterte sich sofort dieses Streben nach Unabhängigkeit vom Staate zn dem, den Staat uuab hängig zu machen. Dies ist der Kampf, der mit dem Augenblicke begann, wo das Ehristenthnm im römischen Staate durch die Masse seiner Bekenner eine Macht geworren, sich zuerst vor den Verfolgungen des Heidenthnmes zu schützen, dann das Letztere auszurotten hatte. Von da ab währte er durch das ganze Mittelalter, durch die Zeit der absolutistischen Monarchie (im Anfänge , derselben stärker, späterhin schwächer), und ist, wie wir in voriger Nummer entwickelten, seit der französischen Revolution von 1780 und seit 1S4S wieder angesachr, in unseren Tagen mit großer Heftigkeit ausgebrochcn. Dies ist es, was wir unS zum klaren Bewußtsein bringen muffen, wir, die wir die höchsten Interessen der Menschheit im Herzen tragen, aber auch als Juden an diesem Kampfe vollständig betheiligt sind, wenn er auch in unserer Religion nicht besteht, und diese an sich von ihm gar nicht oder doch nur mittelbar berührt wird. Dann aber auch muffen wir uns deutlich machen, in wie weit in diesem Kampfe selbst eine Entwickelung stattgefunden hat. Wie wir oben nnS die beiden Gedankenreihen, die in diesem Kampfe gegeneinander die Waffen führen, vorgestellt, versteht es sich von selbst, daß in der christlichen Welt beide niemals zur vollständigen Geltung gekommen, daß zwar die kirchliche Gedankenrichtung zu Zeiten die unermeßliche Mehrheit der Massen beherrschte, daß es aber auch niemals an Opponenten gefehlt hat, und daß diese Letzteren an Zahl und Gewicht immer mehr wuchsen, und hiermit der Einfluß und die Herrschaft der Kirche eingeschränkter wurde, besonders als einerseits die wiffenschastliche und humane Bildung stieg und die 9icformation dnrchgeführt ward, und andererseits die fürstliche Gewalt immer weniger einen Nebenbuhler innerhalb des Staates ertrug. DaS letztere Moment wurde durch das in den Völkern erwachte Bewußtsein, die Gestaltung und Leitung des Staates frei durch sich und die Ncgierungsgewalt zu führen, und durch freiheitliche Institutionen zn vermitteln, immer stärker. Die Streiter der Kirche nennen dies Alles zwar die Revolution; dann aber müßten sie Diese nicht von 1780, sondern von Jahrhunderten früher herdatiren, und sehr bedeutende Kirchensnrsten, auch j Papste, haben zu ihrer Geburt und ihrem Wachsthume geholfen. Fehlt cs also auch in unseren Tagen der Kirche durchaus nicht an einer gewissen Masse unbedingter Anhänger, und mischen sich unter diese bereits politische und persönliche Motive, was ihren Streitkräften sehr förderlich ist: so faßt doch die Gegnerschaft eine ungeheuere Menschenzahl und die bedeutendsten und gewichtigsten Kräfte. Die Stellung im Augenblicke ist nun diese: Während die ganze sogenannte griechische Kirche diesem Kampfe nur .zusieht, ja im Falle eines kriegerischen Zusammenstoßes unter Umständen den Gegnern der Kirchenpartei zur Seite stehen wird, und ebenso die eigentlichen protestantischen Staaten gegen die .Kirchenpartei einstehen werden, hat du* Letztere Deutschland und Italien in ihrem nationalen Staatsbestande durchaus gegen sich, und Oestreich könnte nur durch einen vollständigen Wechsel des Regimes, der aber leicht zn einem inneren Zusammenstürze führen könnte, auf die Seite der Kircheupartei treten. Daß Spanien, sich an diesem Kampfe zu betheiligen, gar nicht die Kraft hat, brauchen wir nur anzudeuten. Somit ist es Frankreich allein, welches den Kampf für die Kirche mit feinem Rachekriege gegen Deutschland, und seinem noch nicht erloschenen Streben nach der Suprematie in Europa verschmelzend, sich zum Vorfechter der Kirche erheben, und den Erfolg auf die Spitze der Schwerter setzen könnte. Bleibt das klerieale Regime in Frankreich herrschend und behält es die Armee für sich, vermag es auch diese, wenn nicht zu reorganisiren, doch zn vergrößern und auszurüsten, so ist es immerhin möglich, daß es zu kriegerischen Unternehinnngen unter der Standarte der Kirche kommt, zuerst gegen Italien gerichtet, um dessen Einheit wieder zn zertrümmern und den Kirchenstaat Herzustetten, dann auch gegen Deutschland, dessen innere Verhältnisse bis dahin nnterwühlt werden sollen. Einsichtlich ist es dagegen, daß Deutschland nicht wartet, bis Italien am Boden liegt, sondern den ersten Angriff auf dasselbe zu einem casns bi:lli macht. Auch das ist auS den gegebenen Verhältnissen klar, daß Frankreich in einem solchen Kampfe völlig iselirt bleiben würde, nnd nur aus die -Zustimmung der Unzufriedenen, in den anderen Ländern rechnen könnte. Diese zu mehren nnd zu Hetzen, auch wohl Verbündete in den Soeialiften anznwerben, ist jetzt die Aufgabe, welche die Ultramontanen sich gestellt haben. Wir gaben diese Bemerkungen über eie gegenwärtige Lage, weil wir es uns deutlich machen mußten, daß es rer römischen Kirche roch nicht an allen Mitteln fehlt, den Kampf heftig zu führen, und sogar zu blutigem Ausbruche zn bringen. Dieser Kampf ist aber zugleich der Kampf der religiösen Idee gegen ihren Gegensatz. Denn was die römische Kirche in den Kampf bringt, um was sie streitet, was ste erringen will, gehört nicht der religiösen Idee an, sondern ist das Gegenthcil davon, gehört nicht zn dem. was das Ehristenthnm von der religiösen Idee entnommen hat, sondern vom Gegentheile. Die Stellvertretung Gottes durch einen Menschen, die Unfehlbarkeit eines Menschen, die Macht z» binden und zu lösen, die unbedingte Herrschaft der 20*