Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1873)
- Date
- 1873-07-15
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226936--31803-3254741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
erstreiten. — Endlich das dritte Object furchtbarer Kämpfe bildet die Religion, und zwar entweder, indem sie ihre Geltung, ihr Bekcnntniß von einem Volke, oder von einem Theile desselben aus immer weiter und weiter austehnen will, und sich hierzu in Angriff und Vertheidigung der .Waffengewalt bedient, oder indem sie besondere Diener und Träger als ihre Priester geschaffen hat, und diese nun die Herrschaft über die Gesellschaft und den Staat in Anspruch nehmen, erringen, befestigen erhalten wollen. Auch hieraus entspringt Kampf und Gegenlampf in mannichfaltigen Formen. — So weit wir unsere Blicke auch versenden, mehr als diese drei Kampfmotive können wir im Bereiche des Menschengeschlechtes nicht ausfinden: die Herrschaft über andere Völker, die Herrschaft im Staate und die Religions- oder Priesterherrschaft sind es allein, welche die unübersehbare Reihe blutiger Kämpfe unter den Menschen hervorgebracht haben und immer noch hervorbringen. Wissenschaft, Kunst, Bildung, Industrie und Handel — wenn auch die Griechen den Phönieiern, die Römer den Karthagern, die Holländer den Spaniern, die Engländer diesen und den Franzosen ihre Eolonieen mit Waffengewalt abgenonunen, haben keine Kriege hervorgerufen und werden deshalb „Künstc des Friedens" genannt. Bleiben wir nun heute, nachdem wir diese Ueberschau gewonnen haben, bei der - letzten Art des Kampfes, bei dem der Priesterherrschaft stehen. Auch er reicht bis in die graueste Borzeit zuriick, ,uud besteht bis auf den heutigen Tag. Tie innere Motivirvng''ift leicht erkennbar. Die der Menschennatur integrirend einwohnendc Gottesverehrung nimmt in Lehre und Form eine bestimmte Gestaltung an, die sich in Berkündigung und Ausübung bestimmte Diener und Träger, sei es als Familie oder als Stand, schafft. Diese, Priester genannt, erachten sich als Vertreter der Gottheit, als die Bcrmittler ihres Segens oder Fluches, ihres Lohnes oder ihrer Strafe, und verlangen für die Berschristen, die sie geben, für die Gebote, die sie erlassen, den unbedingten Gehorsam, den man der Gottheit schuldig sei. Sei es, daß sie selbst diese Ucberzeuguug hegen, die Verkünder und Vollstrecker res göttlichen Willens zu sein, sei es, das; sie diese Ueberzeugung vorschützen, tun ihre und des Standes Herrschbegierden zu befriedigen — es ist überall derselbe Gedanke, dasselbe Ziel, dasselbe Mittel. Dieseln gegenüber dieselben Entgegnungen: die Lehren lind Gebote der Gottheit sind allgemeiner Natur, deren Verständnis; und Ausübung rem Gewissen jedes Individuums überlassen bleiben; die Gestaltung des weltlichen und bürgerlichen Lebens soll daher jenen allgemeinen Lehren und Vorschriften nicht widersprechen, soll vielmehr darauf gerichtet sein, sie zu verwirklichen, aber außerhalb dieses idealen Gesichlspunetes hat die Religion keinen thatsächlichen Einfluß auf jene im Ganzen, wie im Einzelnen zu .üben; die Priester und Geistlichen »lögen, so weit die Verhältnisse es erfordern, die Berkündigung der religiösen Lehren und die Ausübung der gottesdienstlichen Formen vvllführen, aberste sind weder die einzigen Ausleger der religiösen Erkenutniß, was vielmehr jeder Mensch schließlich für sich selbst ist, noch die Stellvertreter und Vermittler der Gottheit; sie mögen Rathgeber und Seelsorger sein, aber nur durch das Wort, dem -Folge zu leisten jedem Individuum nach feinem Gewissen überlassen bleiben müsse, ohne irgend welche thatsächliche Folge der Abweichung tragen zu sollen. Dies ist das Streitobject, und es kommt nun darauf an, wie weit die priesterliche Behauptung oder die gegnerische Meinung in der Masse des Volkes und in deren Führern wurzelt, Unterstützung und Vcrtheidigung findet. Wie gesagt, dieser Kampf zieht sich von der frühesten Zeit bis zu der gegenwärtigen mit wechselndem Erfolge durch die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes. Aber allerdings nicht immer in derselben Weise geführt und ausgeglichen. Im geschichtlichen Alterthume sehen wir meistens den Priesterstand mit den politischen Herrschern in einem gegenseitigen Verständnisse, in einem meist friedlichen Zusaininenwirken, um die gesammte Masse des Volkes zu beherrschen. Dieses Berständniß mag aus früheren Kämpfen der beiden Mächte hervorgegangeu sein, die sich jedoch unserer Kenntnis; entziehen. Auch gab es wohl viele Zwischenfälle, in welchen sich die beiden Mächte bekämpften, bis sie es wieder ausgetragen hatten. Bleibend jedoch sehen wir dieses Berständniß zwischen den Herrschern und den Priestern obwalten. So in Aegypten, so in Indien, wo selbst der Buddhismus es auf die Dauer nicht störte; so in Persien. Selbst in Israel, seit rem es sich Könige gegeben, waren die Priester mit den Königen verbunden, und folgten diesen in ihren Abwegen, was die Propheten ihnen oft genug vorwerfen; und nur einen Zwischenfall verzeichnet uns hier die Geschichte, als der Hohepriester Iojada die Priester und Leviten bewaffnete, um Atalja vom Throne zu stoßen, und den unmündigen Joas auf ihn zu erheben. In Griechenland und Rom haben die Priester eine besondere politische Macht niemals erlangt, sondern griffen nur im Einzelnen, vermittelst der Eultusformen, in den Gang der Ereignisse ein. Eigentliche Religionskriege waren im Alterthume nicht möglich, weil die polytheistische Ansicht jeder Nation ihre Nativualgötter zuschrieb, die entweder bei dem Unterliegen der Nation ihr Ansehen verloren, oder von den Siegern selbst als nunmehrigen Herrschern des Landes in ihren Eultus mit ausgenommen wurden. Asiatische Despoten verlangten zwar bisweilen, daß die besiegten Völker dem Gotte des Siegers als Zeichen der Huldigung für ihren Besieger die Verehrung darbringen sollten. Selten aber wurde dies verweigert, und als leuchtendes, aber vereinzeltes Beispiel steht hierfür der Kampf der Makkabäer da. Auch im Islam entstand ein Kampf zwischen dem Priesterftande und dem weltlichen Herrscher nicht, weil der islamitische Staat ein.Kirchenstaat ist; wie Muhammed Prophet, Heerführer und Herrscher zugleich war, so vereinigten auch seine Nachfolger die priesterliche und die königliche Gewalt in sich, sie waren die Spitze der Gläubigen nach beiden Seiten hin. Nachdem aber im Ehristenthumc die Kirche sich in festen