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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-08 · Heft 28 (8.7.1873) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 28 (8.7.1873)
Date
1873-07-08
Page
Seite 454 (sequence 6)
Language
German
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454 cS nun aber nicht billigen können, wenn nicht auch die Schattenseiten und Mängel, deren er als ein Werk seiner Zeii iheilhaftig ist, dargelegt nur geschildert werden. Der Talmud wird als großartiges Gcisteöerzeugniß hierdurch durchaus nicht verlieren, die Wissenschaft aber und die religiöse Entwickelung gewinnen. Neben mauuichsaltigem Wissen finden wir Beschränkung und Armnth an Kenntnis;; neben hoher Einsicht und Erhabenheit der religiösen Anschauung, dunklen Aberglauben und Verdüsterung der reinen Gotteslehre; neben der lautersten und mildesten Ethik, fanatische Ausschließung und herzlose Strenge. Gerade dies halten wir für den höchsten Vorzug des Talmuds, daß er keiner Einseitigkeit, keiner Parteibewegung Raum giebt, sondern in bewundernowerthcr Conseguenz sich Alle und Alles aussprechen läßt, waS au Gedanke in der großen und langen Strömung zum Vorscheine kam, die er in sein Bett cinschließt, daß er uns so ein vollständiges Bild der gesammten Geislesthätigkeit, während der vielen Jahrhunderte bis zu seinem Abschlüsse, innerhalb der Gränzen, die er einnimmt, darbietet. Ob das Einzelne übereinstimmt oder sich widerspricht, ob die Extreme neben einander stehen, ob ein unmittelbarer oder mittelbarer Zusammenhang vorhanden ist oder nicht, das kümmert ihn nicht: was innerhalb seines Kreises gedacht, ausgesprochen, behauptet, gefolgert, erwiesen, gestritten, geschlossen, dnrchgekämpft oder unentschieden gelassen, geleistet und gethan worden ist, das überliefert er uns mit strengster Treue, und in möglichstem Umfange. Wir glauben, diese Auffassung gereicht dem Talmud zur höchsten Ehre und macht seine wahre Bedeutung aus, wenn sie auch vorauSsetzt, daß neben dem Lichte es an dunklen Flecken nicht fehlt. Wir glauben ferner, daß gerade die jüdischen Gelehrten den Beruf haben, den Talmud nach allen seinen Seiten zu beschreiben und zu kennzeichnen, weil sie dadurch sich auch daS Vertrauen ungeschmälert erhalten, wenn sie daS Treffliche ans diesem Werke nachdrücklich hervorheben, und sich den Vorwurf parteiischer Apologie nicht zuziehen. — WaS den Werth dieser Schrift noch erhöhet, das ist ein Anhang von Sieten, die der Professor Boisscnade zur Vergleichung des talmudischen mit dem römischen und französischen Eivilrechte hinzugefügt hat. Er macht gleich Anfangs eine Bemerkung, die wir früher fast mit denselben Worten ausgesprochen haben. Er sagt: „Für den Augenblick beschränken wir uns, den allgemeinen Geist der Billigkeit hervorzuheben, welchen die Talmutisten aus der heiligen Schrift geschöpft hatten, und die außerordentliche Feinheit in der Analyse der Einzelheiten. Aber diese Feinheit geht zu oft bis zur Spitzfindigkeit, und man bedauert, daß die Anstrengungen der Rabbiner sich nicht auf die Verallgemeinerung, auf die Synthese, auf die Feststellung leitender Principien erstreckt haben." Woher dies gekommen ist, erklärt er in einer ziemlich befriedigenden Weise. <^eil11 u eteßueweil. Deutschland. Berlin, 20. Juni. (Privatmitth.) In diesen Tagen erschien der vierzigste Jahresbericht der Baruch Auerbachsche» Waisenerziehungsanstalt für jüdische Knaben, welche bekanntlich jetzt der Sohn des Gründers, Herr Dr. Vcoiumil’ Auerbach, leitet. Die Anstalt wird jetzt von fünfzig 'Waisen besucht, da so eben die fünfzigste Stelle creirt worden ist. Die Anstalt, welche 1813 mit zwei K naben eröffnet wurde, hat bis jetzt hunrerlfünsuuduennzig Zöglinge gehabt, was neck nicht fünf durchschnittlich auf das Jahr macht. Mit dieser Abthciluug für Knaben ist auch eine für Mädchen verbunden, welche gegenwärtig von zwanzig Waisenmädcheu besucht wird, doch befaßt sich dieser Bericht nur mit den Knaben. Für füitfhuuterlsechsunkachtzig Verstorbene werden die „Jahreszeiten" abgel,alten, was allein schon einen Beitrag zum Fonds von 5S,r»<H) Thlrn. repräsentirt, da zu diesem Zwecke mindestens t nn Thlr. gespendet werden müsien. Für die hundertvierundneunzig Waisen sind bis jetzt.'223,8:* l Thlr. verausgabt worden ist, was durchschnittlich für den Knaben 12oo Thaler ausmacht. An Fonts sind, außer dem schönen Hause der Anstalt, r.H.inj? Thlr. angesammelt worden. Die Einnahme vom l. April 1872 bis zum l. 'April 187 3 an Bestand, Zinsen, Beiträgen und Geschenken betragen 21,238 Thaler, die Ausgaben 1('.,A8«> Thaler — bei welchen beiden Posten wir die Bewegung in den ver- und angekauflen Effecten Hinweggelasien haben. — Wer den Bericht über eine Anstalt, noch dazu eine durch die Wohlthätigkeit vieler Personen gegründete und erhaltene Anstalt hiuansgiebt, fordert damit selbstverständlich zur Kritik auf. Run werden wir niemals das Verdienst einer solchen Anstalt verkennen, und der Gedanke, daß daselbst siebzig arme Waisenkinder Unterhalt und Unterricht — die Kinder besuchen übrigens sämmtlich öffentliche Schulen — finden, ist sc tröstlich, daß wir dem Manne, der diese Anstalt begründete und es verstand, die Herzen für seinen Plan zu gewinnen, und so reiche Mittel herbeizuschasfen, ein ehrendes Andenken widmen werden. Jetzt aber kommt die Kehrseite. Während in drei Berichten ausführlich und mit vielen Werten die sämmtlichen 880 Jahreszeitstifter und alle Beitragenden benannt und belobt werten, und dies den größten Theil der 187 Seiten des Berichtes einuimmt, werden wir über die 'Ausgaben mit einer Seite abgefertigt. Da ergiebt sich, daß sic für ein Jahr in Hi,880 Thlrn. bestanden, ohne die Miethe in dem der Anstalt gehörigen Gebäude. Rechnet man dies auf die fünfzig Knaben, die gegenwärtig in der Anstalt erzogen werden: so kommen 3 3 0 Thlr. auf jeden Knaben für ein Jahr!! Ta muß man doch die Hände über den Kopf zusammenschlagen, und kann sich des Gedankens nicht erwehren, auf

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