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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-08 · Heft 28 (8.7.1873) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 28 (8.7.1873)
Date
1873-07-08
Page
Seite 452 (sequence 4)
Language
German
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452 immer große Stützen und Elemente, und der kirchliche Einfluß auf das Volk hatte sich wieder sehr gestärkt; andererseits war die Wandelbarkeit in den Staaten noch überaus groß. Hätten sich im Gegentheilc erst der Eonstitutionalismus und die modernen Grundsätze eine langjährige Herrschaft errungen, und wären erst ganz und gar in das Blut des Volkes übergcgangcn. wie z. B. in England, so war an einen Sieg gar nicht mehr, an einen Kamps kaum noch zu denken. Auch drängten die Tagesereignisse immer mehr dazu. Der Krieg von 18.'>9 halte die italienischen Fürsten von ihren Thronen gestoßen, und Italien zu einem Königreiche vereinigt, den Kirchenstaat bedeutender Provinzen beraubt, und den Besitz des Patrimoniums selbst von dem guten Willen des französischen Kaisers abhängig gemacht. Dieser selbst aber sah sich durch seine schmähliche Niederlage in Mexico und die inneren Bewegungen gedrängt, von seiner Autokratie und seinem Scheinconstitutionalismus nach und nach zurück zu weichen und dem Liberalismus Raum zu gewähren. In Desireich und Preußen war eine „neue Aera" eingetreten, welche der Reacrion ein Ende zu machen anfing. Ta erschien der Shtlabus mit der Enchklica. Dieser Schritt, wenn auch von der europäischen Presse und den Parlamentsrednern mit Verwunderung ausgenommen und verurtheilt, blieb doch ohne jede wirklich gegnerische Behandlung. Man hielt jene für eine Kundgebung, die faetisch Nichts zu bedeuten habe. Der Krieg von IS<;<5 vollendete die Einheit Italiens mit Ausnahme Noms, brach die alte Herrschaft Oestreichs in Deutschland, und einigte dies größten Theiles zum norddeutschen Bunde. Das geeinigte Ztalien und das geeinigte Deutschland waren auseinander angewiesen. Es war Zeit, den Syllabuö durch die höchste kirchliche Autorität zu sanctioniren. Das vaticanische Eoncil wurde berufen. Tie politischeil Verhältnisse waren unterdeß theils ungünstiger, thcils günstiger geworden. Der Sturz Napoleons HI. hatte den Papst des letzten Nestes seiner weltlichen Herrschaft beraubt; aber er hatte auch den zweideutigen Freund, der dem Papstthume im Grunde doch mehr geschadet als genützt hatte, beseitigt, Frankreich den Partei kämpfen wieder überliefert, für den Klerus die Partei der Monarchisten hervorgerufen, und so einem thatkräsligen unumwundenen Handeln große Aussichten eröffnet. Der Nalionalitätenkamps in Oeftreich, wo sämmtliche Slaven aus Seiten der römischen Kirche stehen, und die Vorliebe der Dynastie könnten auch in diesem Staate eine Umwandelung ermöglichen. Ungünstig dagegen war es, daß das gesammte Deutschland ein constitntionelleS Reich mit einem protestantischen Herrscher an der Spitze geworden. Der Versuch, diesen zu einem Römcrzugc zu bewegen, schlug, wie es sich vorausseheu ließ, fehl. Dagegen wurde eine entschiedene katholisch-politische Partei gegründet, die sich auf den noch immer in einigen Theilen Deutschlands vorhandenen parücularistischcn Geist stützte. Wir glauben durch diese kurze übersichtliche Darstellung den Verlaus der Thatsachen und die Motive, die dazu führten, klar und durchsichtig gemacht zu haben. Der Kampf ist entbrannt; die Chancen liegen so. In Spanien kämpft der klcricale Prätendent gegen den äußersten NadicaliSmus. einen Todfeind der Kirche, der aber der Zersetzung anheimgefallen ist. Der Sieg der Earlisten würde der Sieg der Curie in diesem Lande sein. In Frankreich ist gegenwärtig der eigentliche Sitz der römischen Politik aufgeschlagen, und sie benutzt den Rachedurst der Franzosen gegen die Deutschen, um sich ein gewaltiges und fanatisirtes Heer zu schaffen. In Deutschland wird der Kampf für eie Rechte der Kirche auf's Aenßerste zugcschärft, um zur Zeit eines Ausbruches Deutschland' gespalten, und einen Theil des deutschen Volkes aus kirchlicher Seite zu haben. In De st re ich sucht man die oberen 'rJCcaicticii für sich wieder zu gewinnen, und ist des slavischen, ja selbst eines Theiles des.deutschen Volkes gewiß. In Italien sind die Hoffnungen gering, aber immerhin weiß man, daß man im Falle des Kampfes auch hier ans einen Brnchtheil des Volkes rechnen könne, der nach einem Wafscnsiegc die.Wiedereinführung der vollen Herrschaft erleichtern würde. Diese Musterung zeigt wenigstens, daß die römische Hierarchie nicht so grundlos agirt, wie der seine Kraft überschätzende Liberalismus glaubt. Dahingegen steht die organisirte Staatsmacht in Deutschland, im Falle des Kampfes voraussichtlich von Rußland unterstützt, die organisirte Staatsmacht in Italien, die große republieanische Partei in Frankreich, der gesammte Protestantismus und Alles, was der modernen Entwickelung angehörig ist, in diesem Kampfe auf der anderen Seite, und bei aller Würdigung der gegnerischen Kräfte kann eö Doch kaum zweifelhaft sein, aus welcher Seite, wenn die Verhältnisse nicht noch einige Aenderungen erfahren sollten, bei dem Ausbruche eines realen Kampfes der Sieg verbleiben werde. Aber wie düster ist schon die Aussicht auf einen selchen Kampf, und welche traurigen Wirkungen hat er bereits jetzt! Der Antagonismus ist also entschieden vorhanden. Die Gleichheit aller Menschen in der Gesellschaft vor dem Gesetze, die persönliche Freiheit, vom Gesetze gegründet und geregelt, die Gewissensfreiheit, die Gleichberechtigung ddr Culte sind die vom Iildcnrhnme bekannten Principien. Sie, wie alle sogenannten Bolksrechte und Volksfreiheiten, die Mitwirkung des Volkes in der Gesetzgebung, die Preßfreiheit, das Vereinsrccht, werden vom Syllabus als wahnwitzig, als Ausgeburten des Teufels verurtheilt, und mit der Lcrdaminniß belegt, und dagegen die Herrschaft des römischen Stuhles über die Fürsten und Staaten, das oberste Richteramt des Papstes über alle menschlichen Crcaturen, die Ausrottung oder doch die Unterdrückung und bürgerliche Ausschließung aller, die nicht römisch-katholisch sind, als Wahrheiten deö Ehristenthumes, als von Gott der katholischen Kirche verliehenes Recht gelehrt und ihre Verwirklichung gefordert. Der Antagonisluns zwischen dem Indenthmne und dem römischen Katholicismus besteht also nicht blos in dem reinen Monotheismus von

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