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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-08 · Heft 28 (8.7.1873) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 28 (8.7.1873)
Date
1873-07-08
Page
Seite 451 (sequence 3)
Language
German
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451 Sytlabus faßt sie nur zusammen, stellt sie in ihrem systematischen Zusammenhänge auf, und ertheilt ihnen durch das vaticanische Concil die höchste kirchliche Weihe, und die Unbedingtheit der dogmatischen Autorität. Dies ist kaum des Nachweises bedürftig, und, wenn wir auch schon theoretisch es verstehen, tast gerade dem siegreichen modernen Staate gegenüber dieses kirchliche Bekenntnis folgerichtig und naturgemäß war, fragen wir uns, wie es faclisch sich gemacht hat, daß cs in unserer Zeit in dieser Form an's Licht trat. Der Kamps zwischen dem deutschen Reiche und der römischen Curie war zu Ende. Das Reich war besiegt und Hatto seine Ansprüche auf die Suprematie über die Kirche und den Kirchenstaat aufgegeben. Die weiteren Zwistigkeiten zwischen einzelnen deutschen Kaisern und dem römischen Stuhle waren nur noch politischer 'Natur, wie sie der Streit um den Besitz einzelner Länderstriche Italiens mit sich brachte. Aber auch die Suprematie der römischen Kirche war abgeschwächt. Die souveräne Machtfüllc der Fürsten, gegen welche die unterdrückten Feudalherren keine Hülse mehr boten, die Resornration, welche einen großen Theil der europäischen Christenheit der römischen Kirche entzog, ja gegcnübcrstellte, die im westphälischen Frieden trotz des Protestes der Curie anerkannte Parität der Confessionen in den Ländern mit gemischter Bevölkerung, die Entwickelung der Wissenschaft, Bildung und Literatur, alle diese Momente zusämmengenommen hatten die Suprematie der Kirche beschränkt und gemindert, und selbst in Frankreich die gallicanische Kirchenverfassung hervorgebracht. DaS Jahrhundert der sogenannten Aufklärung blieb nicht ohne Einfluß auch ans die Kirche und ihre Träger. Ohne irgendwie die priesterlichen Vorrechte und Besitzthümer aufzugeben, ließ man doch die von der Kirche früher ausgestellten Grundsätze der Macht ruhen, der Jesuitenorden wurde vom Papste selbst aufgelöst, in vielen Kirchensürsten lebte der Geist der Duldung und Nachsicht, und als die Einleitungen zu der französischen Revolution, welche Letztere man freilich nicht voraussah, eintraten, war auch der geistliche Stand bereit, die Umwandelung des absolutistischen Staates anzunehmen. Dies war aber die Gränze.' Tie französische Revolution nahm eine kirchenfeindliche Richtung, die noch über die Reformation hinauöging. In ihrer terroristischen Phase ging sic geradezu aus die Vernichtung der Kirche los, und erfüllte sich durch Napoleon in der Aufhebung des Kirchenstaates und der Versetzung des Papstes nach Fontainebleau, so wie bereits in Deutschland durch dieselbe Action sämmtliche Kircheufürstcn ihrer weltlichen Herrschaft und Besitzthüincr beraubt worden waren. Von diesen Geschehnissen au kam die römische Kirche zum Bewußtsein, daß für sie mir dieser Richtung des modernen Lebens ein Pactiren unmöglich, ein Rachgeben Selbstvernichtung sei. Zuut Glücke für sie blieb die Reaction nicht aus. Mit dem Sturze 'Napoleons wurde der Kirchenstaat wieder hcrgestellt, der Papst in seine weltliche und kirchliche Machtsülle wieder eingesetzt, und mit der Bekämpfung und, so weit cs möglich war, Beseitigung rer gesellschaftlichen Grundsätze von 17V.i der Kirche die früheren Rechte wieder zugestanden , freilich mit dem geheimen Vorbehalte, daß die souveräne Macht der Fürsten dadurch nick't bcnachrheiligt werde. Ein Eonslict zwischen beiden war aber lange Zeit nicht möglich, da die Regierenden, von der Ansicht beherrscht waren, daß Thron und Altar sich gegenseitig stützten und erhielten. Die entschiedene und wohlbewtißte Richtung, welche die römische Hierarchie von diesem Zeitpunete an cinschlug, bethäligte sich zuerst durch die Wiederherstellung des Jesuitenordens Seiieno der römischen Curie. Die Machthaber in dem Streben, den kirchlichen Einfluß zu stärken, leisteten überall, auch den protestantischen Regierungen jeden möglichen Vor schütz, und sicherten ihn auf Schule, Familie .und besti'.'.'.'.nte bürgerliche Sphären durch Eoneordate. Die Kirche benutzte diese ihr günstige Zeit, um ihre Hierarchie zu festigen, und alle deren Glieder zu einer eng gefugten Organisation und gemeinsamen Action zu vereinigen, und durch sie in der Lehre wie in den Handlungen zur strengsten Entschiedenheit zu beseelen. Vorübergehende Streitigkeiten mit den Regierungen blieben zwar nicht atls — wir erinnern V. an die cölner Vorgänge, aber die Energie der katholischen Geistlichkeit und die Furcht der Fürsten vor der Revolution verschafften jenen immer den Sieg. Inzwischen aber war die aesellsch.isriiche Entwickelung in een Völkern vorangeschritten; die Iulirevelmion von l dtit» warf in den Zuitter den Funken, der zwar bald, als er zur Flamme ansschlagen wellte, wieder erdrückt ward, deimiiigeachtct aber doch immer weiter um sich griff. Mit dem Jahre Id Id kam es zum Ansbruche. In Italien, wie in Tentschlaud, war die Idee der nationaleu Einheit tinüberwindlich geworden; das Verlangen nach freiheitlichen Iustituliouen, besonders nach eonstitutioueller Verfassung, war überall auf's Lebhafteste erwacht. Obgleich die Revolution auch tiefes Mal nach kurzer Zeit besiegt und die Reaetiou wieder eiugeirelen war, so vermochten die Sieger dies doch nicht anders, als ttnch einen Eompremiß. Die noch absolutistischeu Staaten erhielten eine coustitutiouelle Verfassung, durch welche die Grundsätze res modernen Staates, wenn auch beschränkt nur verelausulirt, in das Slaatsgruntgesetz ausgenommen wurden. Diese beiden Tharsachen waren culsckeitend. Das Papstthum sah sich in Italien in seiner weltlichen Herrschaft bedroht, und die Volksvertretungen beschränkten die Macht rer Fürsten, die persönliche Herrschaft derselben und ihrer Minister, nur mußten nach dem Ausbaue und rer weilergehenden Geltung rer modernen Slaalsprincipien drängen. Ties mrrßte die' römische Hierarchie bestimmen, mit völliger Entschiedenheit und Ssfercheir aufznlreteu, über die Tragweite und kirchliche Autorität ihrer Grundsätze keinen Zweifel mehr zu lassen, nur den Kampf für sie, wo und wie sie es vermochte, aufzunehmen. Se mußte den gegenwärtigen Zeitpuuct als reu letzten erkennen, der ihr geboten wäre. Denn einerseits halte die vergangene Gesellschaft noch 2S*

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