Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1873)
- Date
- 1873-07-08
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Stimmen in maßloser Leidenschaft in einer Sprache, die auf den Bildungsgrad des niederen Bolkes berechnet ist, während die gegnerische Presse gemaßregclt, wo möglich unterdrückt wird; die gegenwärtigen Machthaber sind in unverhohlener Weise die Träger dieser gesamntten Richtung. Das Ziel derselben, wie es jetzt nnverhüllt ansgesprochen wird, ist: den Syllabus zum Grundgesetze des französischen Staates zu machen, und einen Kreuzzng gegen Italien zu bewerkstelligen, um den Kirchenstaat wieder herzustellen. Man wird kaum fragen, wie dies in Frankreich möglich sei? Denn was wäre der Erfahrung gemäß in Frankreich unmöglich? Im Lande des Terrorismus von -1793, der Junischlacht von ISIS, der Commune von '.871, im Lande des zweimaligen Eäsarismus, der weißen Eontrerevolutien von lsk<>, der Deportationen und der Erschießungen auf tau Felde von Satory - - in einem selchen Lande ist Alles möglich, auch die schwarze Eontrerevolution. Tie Wiederherstellung der Monarchie und die Revanche an Deutschland sind nur Mittel zum Zweck. Tie Geschichte lehrt uns, daß bei Böllern, welche der sittlichen und staatlichen Zersetzung anheimgefallen sind, eben Alles möglich ist, der Nebergaug von einem Extreme zum anderen ist da naturgemäß, ja das Verlangen der Menge; welche Partei augenblicklich die Macht hat, der fällt auch die Menge zu, und je mehr cs jene versteht, energisch und rücksichtslos zu handeln, desto mehr und länger ist die Letztere ihr umerthan. Tie spanischen Zustände sind Beweis dafür. Im Aorten Spaniens regiert augenblicklich ein Pfarrer, der an der Spitze eines großen Earlistenhaufens steht, während in Madrid die Cortes das Gesetz diseutiren, nach welchem die spanische Gesandtschaft bei dem heiligen Stuhle aufgehoben werden solle, weil in Spanien die Religionsfreiheit deerciirt sei. Fassen wir daher die Sachlage etwas näher in's Auge. Es ist eine eigemhnmkiche Erscheinung, daß zu derselben Zeit das Jutenthum und die röniische Curie nach der Entwickelung ihrer religiös-socialen Prineipien strebten. Ter Zeit nach ging das Erstere zuerst damit voran. Ter alte Gegensatz und die widersprechende Ra cur Beider mauiseftirt sich auch hier. Das Iudenthum sucht seine Grundsätze zmn Bewußtsein seiner Bekenner und der Außenwelt zu bringen, und zwar um die ersteren damit zu durchdringen und der letzteren sie bekannt zu geben, nicht aber um in diese gestaltend tMd leitend einzugreifen. Ties war das Berhältniß des Iudenlhnmeo in allen Zeiten und mit allen Momenten seiner Lehre. Bon Beginne an in der Einheit der Lehre und des Lebens gegründet, nrrd nach dieser stets strcbeltd, wenn auch durch seine geschichtlichen Verhältnisse behindert, diese Einheit vollständig turchzuführen,*) daher die Gesellschaft ebenso wie das Individuum als Object der Religion betrachtend, °) Der TalmudiömuS ist ebenso wie der Mosaismus ein starker Träger der Einheit von vehre,und v'ebeu, mußte, aber der Zerstreuung deo Bottes wegen am eine Menge der Momelite, besonders der socialen und politischen, verzichten. mußte eS dem tnodernen StaatSlebcn gegenüber, und nachdcrli seine Bekenner in dasselbe durch die bürgerliche Gleichstellung eingetreten waren, sich aufgefordert fühlen, seine socialen Principicn von Neuem zu prüfen, zu erkennen, zu formuliren und zu erweisen, Prineipien, wie sie im Mosaisuius thcils grundsätzlich ausgesprochen sind, thcils in den Specialgesetzen zum Ausdrucke komnten, und wie sie sich unter den gegebenen wechselnden geschichtlichen Berhältnissen in mehr oder weniger erkennbaren Erscheinungen fortcrhalten hatten, wenn auch unter dem Drucke von außen modisicirt, oder nur noch in schwacher Andeutung. Das Ergebniß war, daß, was der moderne Staat als Resultat einer geschichtlichen nitd geistigen Entwickelung zu seinen Grundlagen und seinem Inhalte gemacht hatte, als selche anstrebt und für die Ztlkunsl in Aussicht nimmt, mit den socialen Prineipien des Iurcnlhurues übereinstimmt. Es war nicht eine Forschung, die etwa aufsinten will, was sie sucht — dies war bei der allgemeinen Berbreituug der zu Grunde liegenden Schriftwerke schon an sich nicht möglich und erwies sich auch dadurch, daß die Ergebnisse zum Theile über den gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Berhältnisse hinausgingen, zum Theile aber auch nur als Anfang und .Keim der bereits gewonnenen Entwickelung sich darstellten. Richl minder tonn als ein Beweis für die Richtigkeit der Resultate angeführt werden, daß sich innerhalb des Iudenthumes selbst kein Widerspruch gegen die gegebenen Teducliouen erhob, die erste israelitische Synode sie vielmehr feierlich bestätigte, und gegen diesen Acl auch von den jüdischen Gegnern der Synode keine Opposition eingelegt ward. Gerate das Gegentheil ergab sich im Syllabus. Er ver- 'aeint geradezu die Prineipien res modernen Staates, verurthcilt sie nur ihre Träger, unterwirft den Staat der Oberhoheit und Gesetzgebung der römischen Hierarchie, und verlangt, daß die Gesellschaft diesem Syllabus unterthan werde und nach seinem Inhalte sich völlig nmgeftalte. Es ist hierbei nicht zu übersehen, denn auch dies ist ein Moment der Gegensätzlichkeit, daß das Ehristenthum von seinem Ursprünge an Gesellschaft und Staat nicht als Objecte seiner Wirksamkeit betrachtete, das irdische und das himmliche Reich von einander schied, und in dieser Beziehung die Einheit von Lehre und Leben nicht anerkannte; und daß viele Jahrhunderte vorüber gingen, bevor von der Kirche eine andere Anschauung und Richtung angenommen wurde, sich auch die Grundsätze, die im Syllabus gipfeln, verhältnismäßig erst spät und unter beständigem Kampfe und Widerspruche entwickelten, unc ein großer Theil der Christenheit, auch der römischkatholi'cheu, während des Mittelalters und der Gegenwart sie nicht gelten lassen wollte und will. Dennoch wäre es ein Irrthum, wenn man den Syllabus als ein Product der "Reuzeit anschen wollte. Die Grundsätze desselben waren seit mehr als acht Jahrhunderten vorhanden, ausgesprochen und zmn Theile in der mittelalterlichen Gesellschaft und im mittelalterlichen Staate verwirklicht und herrschend. Der