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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-01 · Heft 27 (1.7.1873) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 27 (1.7.1873)
Date
1873-07-01
Page
Seite 443 (sequence 12)
Language
German
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443 Es bedarf nicht großartiger Verhältnisse und der großen Bühne des Lebens, um den menschlichen Leidenschaften einen Spielraum zu geben, wo sie in ihrer ganzen Fülle, in ihren Höhen und Tiefen, in ihren erhabenen und gemeinen Eigenschaften und Auslaufen sich entfalten und abfpielen können — der kleinste Ausschnitt der Welt, eine Hütte, ein schwankendes Brei auf rem Oceane des Lebens bietet ihnen eben so vielen Raum dar, und schasst ihnen dieselbe Bühne zu Verwirrung und Lösung. Was unterschied denn hier die Politik, das Streben und die Mittel dieses schlauen Despoten einer kleinen Judengemeinre von den gewaltigen Staatslenkern und Staalsherrschern, welche die Weltgeschichte mit ihren Namen füllen? Es ist, wie die umfangreichste Masse des Krystalles keine andere Formation, keine andere Art und Zusammensetzung von Elementen enthält, und gerade unter denselben Bedingungen sich auslest, oder zusammenschießt, gleich dem kleinsten Stücke desselben Krystalles. Das hat sich mir im Leben hundert Male erwiesen. So Etwas von ausrämmernden Gedanken mochte wohl aus meinen Augen leuchten, als rer kleine Mann seine Erzählung geschlossen hatte, und mich mit kein triumphirenden Lächeln eines Siegers anschauete. Er las freilich aus meinen Blicken nur Bewunderung heraus, und war mit sich und mit mir äußerst zufrieden. Nun, am anderen Morgen, nach einem tüchtigen Frühstücke, ließ es sich der alte Herr nicht nehmen, uns auf den Weg zu bringen, und kramte dabei viel Gelehrsamkeit aus, die er sich wohl während der Nacht in seinem Gehirne znsammengestoppelt hatte, um uns beim Abschiede recht zu imponiren. Wir trugen aber ohnedies des besten Eindruckes und dankbaren Sinnes genug mit fort. Au einem Scheidewege blieb er stehen, zeigte. uns den rechten Weg, und nahm Abschied. Wir schritten rüstig aus; als wir uns noch einmal umblickten, sahen wir ihn noch stehen, um uns seinen Segen auf den Weg nachzusprechen. Dann kehrte er mit schnellen Schritten zur Stadt zurück. — Ich habe ihn leider! nicht wieder gesehen. Nach einigen Jahren geschah ihm das Unglück, daß noch zwei Familien nach Barby zogen; die Gemeinde bedurfte seiner nicht mehr, lind hatte jetzt auch mehr Mittel, einen anderen Lehrer anzustellen. Seine Herrschaft war im 'Jul zusammen gebrochen, und diesen Fall überlebte er nicht lange. Auch so ein Stück Weltgeschichte im Kleinen! Was ich aus dieser 'Nachtherberge noch mit davontrng, war die Vorstellung einer selchen ächten, kleinen, deutschen Ackerstadl. Mein Schlafzimmer lag gerade der Morgensonne zugewandt. Die Sonne schien hell hinein, und ich erwachte, sprang auf, kleidete mich an und sah zum Fenster hinaus. Die Straßen lagen still da; die Fensterläden und Thürcn der Häuser waren geschlossen, Nichts regte sich. Da erschien am Ende der Straße ein Mann in ärmlicher Kleidung, einen langen Hakenstock in der einen, ein altes Horn in rer anderen Hand, in welches er bald stieß, um eine kleine Melodie immer und immer wieder zu blasen. Gleich darauf wurde am anderen Ende derselben Straße eine ähnliche Erscheinung sichtbar, und auf einem gekrümmten Horne eine ankere Melodie geblasen. Zum Ueberflusse machte sich aus einer Nebenstraße eine dritte Melodie vernehmbar. Jede einzelne ließ sich allenfalls ein Paar Mal anhören. Nun sie aber alle drei nach -und unter einander klangen und schwirrten, wäre eS unterlräglich gewesen, wenn es nicht, unendlich kölnisch, mich zu einem erschütternden Lachen gebracht hätte. Jetzt aber kam Leben in die Stadt. Alle Thüren und Thore öffneten sich, und heraus drangen brüllend, gniekend, schnatternd gravitätische Kühe, grunzende Säue mit ihren Ferkeln, und unzählige Gänse. Sie schlugen verschiedene Wege ein, die einen schritten;nm Standpuncre des ersten Toukünstlers, die anderen liefen den anderen zu, und die Gänse watschelten und flatterten um die Ecke in die Nebengasse. Sowie ein Hirt seine eigene Schaar ans der Straße gesammelt hatte, zog er von dannen, um an einer anderen Ecke sein verlockendes Spiel abermals zu beginnen, das kauerte wohl über eine halbe Stunde. Bei dieser Gelegenheit sah ich denn, daß es auch Menschen in dieser Stadt gebe, denn Männer, Frauen tind Kinder trieben eben „das liebe Vieh" aus den Häusern, und guckten ihm zärtlich nach. Aus dieselbe Weise wird Abends auch die Heimkehr voll führt. — Dieses Bild senkte sich meiner Phantasie tief ein, und ich kann noch heule an irgend welche kleine Ackerstadl nicht denken, ohne mir das stille', leblose, schlaftrunkene Städtchen vorzustellen, in welchem nur die Heerde» der Kühe, Schweine und Gänse ausziehen, und wieder einziehen, und das ganze Leben darin bezeichnen. Unser zweiter Tagemarsch brachte uns bald in eine viel lebhaftere und verkehrreichere Landschaft, wo der Wald verschwunden war, oder sich nur jenseits des Elbstroines zeigte und sich unser einer auch nicht verirren konnte. Besonders siel es uns aus, als wir von Schönebeck, am Ufer des schonen Stromes pilgernd, ununterbrochen von Dorf zu Dorf kamen, in das eine fast cinlretend, nachdem man das andere verlassen hatte. Es machte sich uns daö Gefühl rege, daß wir hier doch ein Stück Erde betreten hatten, das dem großen Treiben der Welt näher liegt, als unsere thenere Vaterstadt und ihre nähere Umgebung. In dem letzten Torfe Buckau machten wir in einem Gasihofc halt, daö bereits eine städtische Eleganz zeigte, um uns vom Staube zu reinigen und in einen präsentableren Stand zu setzen. Wir überlegten: wenn nun alle unsere Verwandten nicht zu Hause wären, oder so viel Besuch hätten, daß wir keinen Platz fänden, oder sie nicht die Freude zeigten bei unserem Empfange, die wir wohl beanspruchten? Wir beschlossen, mit weisem Oral he dann noch heute hierher zurückznkehren, hier zu übernachten und mit Hülse unseres guten „Peteriarchen", der uns nur die milderen Seiten seiner Seele gezeigt hatte, wieder nach Hause;urückznkehrcn. Es wäre dann immer eine vergnügliche Reise gewesen. 27*

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