Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1873)
- Date
- 1873-07-01
- Page
- Seite 442 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226934--31777-3254713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
442 Wittwe, die aus erster Ehe eine Tochter hatte, heimgeführt. Dann aber darauf, das; die Frau eine Art Cousine des zweiten Mannes meiner GHifjuiulter war, der damals längst verstorben war. Nun, vor fünfzig Zähren zählte eine solche Stiefeousine eines Stiefgroßvalers noch mit. Jetzt, wo' jede folgende Generation sich weiter über die Oberfläche rer Erde zerstreuet, kennen sich meist leibliche Cousins und Cousinen nicht mehr. Der gute Mann legte großen Werth darauf, wenn ein Glied der Familie bei ihm versprach, und hatte daher mit einer ironischen Wendung den Spitznamen „der Peteriarch" bekommen. Wir machten es nun anständig, wir kehrten in einem Winhshause ein, wo mein Bruder ruich und die Nänzel liest, um rem Herrn Fuchs, wohlbestallten Cantor, Lehrer nur Schächter rer jüdischen Ge nreinde in Barby-, aufzusuchen. Er kehrte bald mit ihm selbst zurück, mn ruich und die Ränzel abzuholen. Es war ein kleiner, magerer, und doch ziemlich breitschultriger Mann mit markirten GesichtSzügen, lang herabhängenden rolhen und grauen Haaren, und einem kurz gestutzten Bärtchen über Dem Munde und um das Kinn herum. Wir gingen durch einige breite Straßen einstöckiger Hänschen, mit grellen Farben angemalr, dies und jenes von einem alten Rosenbauuie oder einem Rebstocke überzogen. Zn dem kleinen Hause, in welchem Herr Fuchs wohnte, war es überaus reinlich, Treppe und Flur mit weißem Sande bestreuet. Sie hatten sich auch vernünftig eingerichtet. Rechts ein größeres Zimmer als Wohnstube, links ein kleines als „gute Stube", worin Gäste logirt wurden; nach dein Hofe hinaus zwei Schlafzimmer für das alte Ehepaar und die hübsche zwanzigjährige Tochter. Zn der „guten Stube" stand ein altes Spinet, grün lackirt mit Blumen bemalt, in rem freilich nur noch wenige Tasten einen Ton gaben, und'die es thaten, wünschte man in den Zustand ihrer Schwestern. Doch klimperte ick einen Galop darauf, und das bewirkte große Hochachtung vor mir und meinem Talente. 5kein Spruch ist verschiedener gedeutet worden, als der deS Horaz: „Ein Denkmal dauernder als Erz." Nun, ein solches Denkmal für alle Zeit des Gebens ist es, wenn einem Knaben, der bereits sechs Wegeslunren munter zurückgelegt hat, ein für ihm neues, höchst schmackhaftes Gericht vorgesetzt wird. Dies geschah hier, Und ich glaube noch heute, daß mir in meinem ganzen Leben nie wieder Etwas so geschmeckt hat. Tie dankbare Erinnerung ward für mich ein dauerndes Denkmal. Nach geschehener Sättigung forderten uns unser Wirth und seine Tochter zu einem Spaziergauge um die Stadt auf, der durch eine stattliche Allee alter Bäume um dieselbe lies. Ich hätte gern darauf verzichtet, denn deö Berguügeus des Gehens hatte ich bereits an diesem Tage genug genossen. Aber solcher freundlichen Aufforderung Folge zu leisten, war schon ein Ehrenpunct. Bor meinem Bruder hatte Herr Fuchs wohl bereits eine gewisse Scheu wegen dessen Gelehrsamkeit-gewonnen, und mein Bruder selbst zog die Gesellschaft der jungen Dame auch vor. So gingen die beiden voran, und ich hatte die Ehre neben Herrn Fuchs zu spazieren. Nun, Knaben thun sich immer Etwas daraus zu gute, von älteren Leuten berücksichtigt zu werden. Alsbald ließ denn auch mein Begleiter seine Weisheit auf mich' los. Er sprach von Mendelssohn, und nannte ihn einen „Naturmenschen", das sollte heißen einen Naurrphilosophen, oder vielmehr einen Berlheidigcr, oder einen Lehrer, der natürlichen Religion, der die Beweise für die religiösen Lehren aus der Natur entnimmt. Er habe dies aus dem „Fvd'»n", den er gelesen, und zwar in der hebräischen Uebersetzung. Mich srappirte dies, denn ich kannte damals Mendelssohn nur aus dessen Uebersetzung der fünf Bücher Mose's und dem Biur dazu, und da war Mendelssohn stets ein sehr gläubiger Jude. Zudeß da ich lebhaft widersprach, und er bald nicht gut mit der Sprache fortkonnte, lenkte er das Gespräch ans seine eigenen Berhältuisse und Heldemhaten. Ich erhielt da das Bild einer kleinen Gemeinde in sehr lebhaften Farben. Tie Gemeinde bestand nur ans fünf Familien, und erst mit Einschluß deö Herrn Fuchs erreichte sie die gesetzliche Zahl zum Gottesdienste. Die Einkünfte des Herrn Fuchs bestanden, Geld und Naturalien zusammengenommen, in ungefähr fünfzig Thalern das Zahr. Er hatte sich daher aus den Hantel mit Hasenfellen, Borsten, Federn it. dgl. gelegt, und 'betrieb diesen in so großartigem Maßstabe, wie es möglich ist, wenn Jemand solche. Laneesproducle aus den Dörfern aus seinem Rücken zusammenholt. Dies erregte den Neid in den Mitgliedern der Gemeinde, und wiederum das Selbstgefühl in unserem Helden. Ein geringer Anlaß, etwa, daß Herr Fuchs eine außergewöhnliche Melodie anstünmte, oder einmal zu spät kam, oder ein Widerspruch in irgend einem rituellen Casus gegen einen Patricier der Gemeinde, -brachte die Sache zum Ausbruche. Herr Fuchs legte sein Amt nieder. Nun stand der ganze gemeindliche Organismus still. Mit dem koscheren Fleische wußte man sich zu helfen, indem mau es aus den benachbarten Ortschaften holte. Aber es konnte kein Gottesdienst gehalten werden. Als die hohen Feiertage herankamen, sah man sich gezwungen klein beizugeben, und unseren Mann um Wiederaufnahme seines Amtes zu bitten. Darauf hatte er gerechnet; es war jetzt an ihm, die Bedingungen vorzuschreiben, und er. machte sic dem Herrn Borsteher und den gesammten Mitgliedern bitter genug, nicht daß er mehr Lohn verlangte, aber eine unbedingte Herrschaft. Dies führte natürlich bald wieder zu eitlem Bruche, reu aber Herr Fuchs absichtlich herbeiführie, um ein für allemal jeden 'Widerstand zu brechen. Dies führte er auch ans, und so sah er sich jetzt auf dem Gipfelpuncte seiner Macht und seines Ansehens. Er hatte die sociale Frage, ohne eine Ahnung davon zu haben, iin Sinne der radicalsten Socialisten gelöst: der Arbeitnehmer war der unbedingte Gebieter, der Arbeitgeber, geworden. Dies verstand ich damals auch nicht, aber ein anderer Gedanke flößte sich meinem jugendlichen Geiste ein, der mir immer treu geblieben ist, nämlich der: