Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1873)
- Date
- 1873-07-01
- Page
- Seite 438 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226934--31773-3254709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
438 München, im Juni. (Privatmitth.) Auch eie jüdischen Kreise sind bei dem jüngsten Borgange am Fronleichnamsfeste nicht gleichgültig geblieben. Das dentfche Reichsgesetz verbietet das Ansgebot von Truppen zn eonfessionellen Festen. Der König von Bayern befiehlt daS Ausrücken von Truppen zur FronleichnainSprocession. Es ist dies die alte beschichte, die so viel böses Blut gemacht hat, das; protestantische und jüdische Soldaten zur Knie beugnng vor der vornbcrziehenden Monstranz befohlen werden! Dazu hat auch der König von Bayern kein Recht. Er hat das Recht, seinen Musikern zu befehlen, wagnersche Musik zu machen, nicht aber Juten und Protestanten zu befehlen, die katholischen Symbole zu verehren, auch wenn jene Soldaten sind. Denn Soldaten sind sogar atich Menschen, und werden angehalten, den Eid der Treue und des Gehorsams 31t schwören. Musiker können ihren Dienst aufgeben, wenn ihnen Wagners Musik zu toll wird, aber Soldaten müssen gehorchen. Darum hat man um so weniger das Recht, ihnen 31t befehlen, was nicht der Dienst für daS Vaterland erfordert, und ihrem Gewissen widerspricht. Die Sache hak großes und schmerzliches Aufsehen erregt,, und wird wohl noch weiter zur Sprache kommen. Dom Rheine, im Juni. (Privatmitth.) Bei der Ankunft des Schah'S von Persien in London hat der süße Pöbel ihm zugejanchzt . . . Run. so weit hat cö der Berliner, hat cs kein Deutscher gebracht. Auch hier ist man zusannnengelanfen, um den Fremdling zn begucken, also von bloßer Neugierde getrieben — aber jubeln — nein! Man muß sich, wenn man offen sein will, gestehen, das; es just der europäischen Eivilifation keine große Ehre ntacht, daßin den größten Eulturstaaten und Eultnrstädten ein asiatischer Despot, der seine Unterthanen zn Hnnderttansenden verhungern läßt, ja dessen Regierung mit dem Getreide noch Wucher trieb, während das Volk am Hungertyphus starb, mit solchem Pompe, mit solchen Ehrenbezeugungen empfangen worden ist . . . Wir können heute nur wiederholen, was wir vor drei Jahrzehnten gesagt haben: wir stecken noch tief in der Barbarei! Oestreichisch-ungarische Monarchie. Triest, im Juni. Eine Bersammlung der angesehensten Mitglieder der hiesigen Gemeiltde hat beschlossen, einen großartigen Tempel zu bauen, und die darauf erösfnete Subseriplion brachte Unterzeichnungen zum Belaufe von üuo,oou fl. Auö Galizien, im Juni. Wir sammeln die Nachrichten über die Wahlbewegungen unter den galizischen Israeliten auch fernerhin. Aus Galizien, 20. Juni. Der Kreisrabbiner Halberstamm, der in der 'Nähe von Neu-Sündec eines Sonuneranfenthalteö genoß, wurde gestern am Hellen Mittag von etwa vierzig galizischen Bauern überfallen, barbarisch mißhandelt und seiner Habselig keilen beraubt, ein Theil der Dienerschaft verletzt, eine Person tödtlich verwttndet. Ein Telegramm an einen wiener „Hofwechsler", der Regierung mitgetheilt, bewirkte, daß dieselbe heute Vormittag schon die nöthigen Weisungen an den Statthalter erließ. Lemberg. H°>. Juni. Gestern wurde dem oft galt zischen (5 entralwahleorn i tö der Beschluß deö israelitischen Central w a hleomitö'S bezüglich der Bereitwilligkeit zu einer Verständigung efsieietl mitgetheilt. In Folge dessen soll Grocholöki für Sonntag eine Sitzung des polnischen Comite's einbernfen haben. Lemberg, Juni. Der Dziennik fordert das ostgak i; i s ch e E e n trat w a h l c 0 m i t ö aus, ungesäutnt ein E 0 mproiniß mit rem jüdischen Eomit6 einzugehen, weil letzteres jede Verzögerung als Vorwand zu selbstständigem Vorgehen benützen würde. Auch räumt der Dziennik ein, daß dann in Folge des bekannten Eifers und der Organisation der Jndenpartei der Polenpanei ein großer N a ch l h e i l erwachsen könnte. ÄraküU, k 5. Juni. Von hier schreibt man: Die Wahlbewegung in Galizien ist im Wachsen begriffen. Auch die jüdische Einwohnerschaft in Krakau hat nun endlich ihre diesbezügliche Aeiion begonnen. In einer daselbst gestern stattgehabten Versammlung jüdischer Wähler wurde ein Wahlcomitö gebildet, das aus zwanzig, allen jüdischen Kreisen entnommenen Mitgliedern besteht. Ob dasselbe den Namen eines sogenannten „Centralwahleemiw's für die Inden Westgaliziens" tragen wird, ist noch unbestimmt; jedenfalls aber hat es die Aufgabe, im Vereine mit dem lemberger israelitischen Wahlcomit6 in jenen kleinen Städten Galiziens, wo die Wahlrefnltate von Bedeutung sind, im verfassungstreuen Sinite zu wirken. Man kann aber auch mit einer gewissen Bestimmtheit behaupten, daß es den beiden jüdischen Eomitös in Lemberg und .Krakau bei einiger Energie und Vorsicht gelingen dürste, die Wahl mehrerer jüdischer Canditalen auf dem stachen Lande dnrchzusetzen. Dem Seitens des lemberger Vereins „Schomer Israel" an die hiesigen jüdischen Wähler ergangenen Antwortschreiben entnehlnen wir, das; das dortige israelitische Wahleomitö demnächst an die Juden Galiziens Circulare mit Andeutungen bezüglich der Organisation israelitischer Eomitös in den übrigen galizischen Städten versenden wird. Diesem Vorgänge analog sollten verständige Männer aus der Mitte einer jeden israelitischen Cultusgemeinde in den Städten Ost- und Westgaliziens mit der Bildung sogenannter Bezirkscomitös betraut werden. Aus Stanislau wird uns gemeldet: In einem Artikel der Gazeta Narodowa vom 14. d. M. heißt cS unter Anderem, daß die hiesigen Juden von dem Vereine „Schomer Israel" aufgefordert worden seien, gegen die Polen bei den 'Reichsrathswahlen zu agiüren, auf dieses Ansinnen aber eine abschlägige Antwort ertheilt hätten. Die Behauptung ist durchaus unwahr. Bis jetzt ist keine solche Aufforderung an die hiesigen Juden ergangen, deshalb hat Seitens derselben auch keine