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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-01 · Heft 27 (1.7.1873) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 27 (1.7.1873)
Date
1873-07-01
Page
Seite 437 (sequence 6)
Language
German
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437 Gemeinde, und Vorstandsmitglied mehrerer mildthätiger Vereine in so edeler, uneigennütziger und gewissenhafter Weise lebte, wie der Verblichene. Wie dies rühmend vom Herrn Nabbincr Kobak sowohl, als namentlich mit kurzen, aber inhaltsschweren und ergreifenden Worten vorn königlichen Bezirksarzte Herrn Dr. Napp an seinem Grabe gestern ausgesprochen wurde, wird es nachtönen mit den Trauerklängen des Liederkranzes, der seinen langjährigen Ausschußvorsitzenden durch einen. Grabgesang noch ehrte, im Kreise aller Terjenigen, die ihn kannten. Er ruhe in Frieden! Der obigen Mitthcilung aus den „Bamberger Neuesten Nachrichten" fügen wir noch aus dem „Corrcsp. von und für Deutsch!." folgende Notiz hinzu: Als Mitglied des hiesigen Armenpflegschaftsrathes und des St.-Johannis-Zweigvereines, als Vorsitzender des Ausschusses des Liedeskranzes und als Eassier des oberfränkischen KrciSausschusses des Landeshülssvereines für kranke und verwundete Krieger, wirkte er unermüdet und hülsreich; in letzterer Eigenschaft erwarb er sich das bayerische und sächsische Verdienstkreuz für die Kriegsjahre 1870,71. Paderborn, im Juni. <Privatmitth.) In diesen Tagen erschien der „fünfzehnte Jahresbericht über die israelitische Waiscnerziehungsanstalt für Knaben und Mädchen in Westphalen und Rheinland zu Paderborn", der die Resultate des Jahres 1872 bespricht. Achtundzwanzig Knaben und sechzehn Mädchen waren in diesem Jahre die Zöglinge der Anstalt, also vierundvierzig! Man wird zugestehcn, daß dieses Resultat nach siebzehn Jahren bei dem Mangel aller Fonts ein außerordentliches ist, und der Gründerin und Vorsteherin, Fräulein Fanny Nathan, sowie dem ganzen Cnratoriuin, zu hohem Ruhme gereicht. So wie die Anstalt in schnellem Wachsen eine verhältuißmäßig so bedeutende Zahl von Zöglingen unterhält und erzieht, ist dennoch unterdes; auch das stattliche Gebäude und ein Fonds von 20,805 Thalern Nominalwerts) der Effecten beschafft werden. Letzterer stieg erst im verflossenen Jahre durch ein Legat von 15,t)oo Thalern zu dieser Höhe, von denen freilich die Zinsen von 10,000 Thalern nur für Waisenkinder ans Bonn benutzt werden dürfen. Tie Hauptquellc für die Kosten des Gebäudes und den Fonds sind die „Jahreszeiten", deren bereits 2!i0 bei der Anstalt gestiftet worden sind. Tie eigentlichen Einnahmen beliefen sich auf 735S Thaler, die Ausgaben ans '»118 Thaler, wenn wir die Bewegung der Fonds aus Einnahme und Ausgabe weglassen, so daß, da eine Eapitalschuld von 1010 Thlrn. bezahlt worden ist, Ausgabe und Einnahme sich ungefähr balanciren. Tiefer gute Stand der Bilanz darf jedoch Niemanden täuschen. Daß die bisherige Fondirung durchaus nicht im Stande ist, die Waisenanstalt zu erhalten, da diese vielmehr immer noch zum größten Theile auf die Eollectengelder und die Jahres? zeiten angewiesen ist, macht eben ihre Existenz immer noch zweifelhaft, da die Sammlungen nur durch die Persönlichkeit der Vorsteherin beschafft werden. Hierüber spricht sich der Bericht folgendermaßen aus: „Wie wohlthnend wäre cs nun, wenn die wohlhabenden Gemeinden Westphalens und Rheinlandes uns durch feste Beiträge in den Stand setzen würden, allen Anforderungen zu entsprechen. Bis jetzt sind durch die Beharrlichkeit und den Eifer der Gründerin auch in uns fernen Provinzen Gaben gesammelt worden; aber sie hat die Schwelle des Greisenalters bereits überschritten, und wohl angebracht wäre es, wenn ihr unermüdlicher Fleiß für daS eine Ziel, die feste. Begründung der Anstalt, dadurch belohnt würde, daß beide Provinzen aus eigenem Antriebe einen Fonds begründeten, wodurch das Bestehen der Anstalt garantirr würde. Das wäre fürwahr der schönste Lohn ihres Strebens, und in den Augen der hohen Behörden, die in so wohlwollender Weise die Anstalt schützen und fördern, ein Beweis, der hohen geistigen Eultur und der wahren Humanitätsgesinnungen der Gemeinden Rheinlandes und Westphalens. Tder soll das herrliche Werk, das schon so Großes geleistet hat, und in sich die Keime zu immer herrlicherer Entfaltung trägt, dem Verfalle anheim gegeben werden, wenn die unermüdliche Arbeitskraft und schöpferische Thätigkeit der Gründerin erlahmt? Dann würde eine der schönsten Blüthen acht israelitischer Gesinnung dahinwelken und wir uns selbst ein geistiges Arututhszeugniß ausstellen. Darum richten wir die Bitte an alle Geu'ieinden Westphalens und Rheinlandes, zusammeuzutreten und uns beizustcben, wie unser Haus allen ihren armen Verwaisten beisteht." In der That macht die Durchmusterung der Beiträge, von denen nur wenige jährliche sind, einen fast betrübenden Eindruck, und gicbt durchaus nicht einen Beweis für den Wohlthätigkeitssinn, den wir Juden uns so gern nachrühmen, wenigstens aus den beiden Provinzen, besonders aber nicht aus der Rheiuprovinz. Bieter doch selbst das sonst zu Dpfern so geneigte Aachen nur zehn Thaler aus der Gemeindecasfe, und zehn Thaler von einer Dame. Vergleicht inan, was manche einzelne Gemeinde leistet, gegen das, was viele andere und größere, was z. B. Eöln in so geringem Maße thut, so bekömmt »tan eitlen Maßstab, was geschehen könnte. Und roch liegt hier der segensreiche Zweck klar vor Augen, und die Gesuche um Aufnahme wachsen von Jahr zu Jahr. Sie haben, Herr Redaeteur, in den jüngsten Nummern dieses Blattes Berichte über Waisenanstalten aus mehreren Städten, aus Königsberg, Posen, Schippeubeil, Schwerin :c. gebracht, aber keine derselben erreicht bereits nur die Hälfte der Zöglinge, welche das hiesige Waisenhaus seit Jahren schon erzieht. Sammlungen für die russischen, persischen, rumänischen Juden bringen Tatlsende zusammen, und für eine solche vaterländische Anstalt hat man nur einige Groschen. Mögen diese Worte eine freundliche Erwägung bewirken: sie sollen Niemanden beleidigen, aber Alle anfeuern, denen die Vorsehung die Mine! gegeben hat für unglückliche Waisen Etwas zu thun.

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