Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1873)
- Date
- 1873-06-24
- Page
- Seite 428 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226933--31760-3254695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
428 den weiteren Weg am linken Ufer des Elbstromes statt deS kürzeren über das durch seine Strafanstalt, seinen Pserdemarkt, seinen ausgestorbenen Fürstenstamm, rem die große Katharina entsprossen war, durch seine Gemüsezucht, und andere werthvolle Tinge bekannte, wenn nicht berühmte Zerbst gewählt. Warum? Nicht sowohl, weil dieser letztere, wie ich später genugsam erfahren sollte, viel langweiliger und öder war, sondern weil ersterer über rrci Städte führte, die uns zu bequemen Zwischenstationen dienen konnten: Aken, Barby, Schönebeck. Zn der zweiten wollten wir übernachten, warum? Der Leser wird eS erfahren. Am frühen Sommermorgen unter blauem Himmel und goldener Sonne, in frischer Morgenluft, durch die bethauelen Fluren und duftigen Haine anSzuzieherr, um neue Städte zu sehen, bei bis jetzt ungekannten Verwandten einzutreffen, von denen man des herzlichsten Empfanges sich gewärtigen konnte, einen tüchtigen Vorrath von Speisen, aus der Hand der Mutter gespendet, und einen allerdings kleinen an Gelte bei sich, ein nettes Ränzchen aus dem Rücken/ einen tüchtigen Stab in der Hand, so auszuziehen, laßt die muntere Jugend einen Schmerz über die Trennung von den Geliebten, die Zurückbleiben, nicht schwer empfinden. Vielmehr jubelt das Herz in der Knabenbrust fröhlich auf; liegt doch die Freiheit darin, einmal ohne Aussicht und Mahnung, ohne Schulzucht und Aufgaben, einige Tage sich nach eigenem Willen zu bewegen, und das Vertrauen, daß man dies auch in rechter Weise ohne Verirrung und Nachtheil thun werde. Wir hatten daher kaum das Thor der Stadt hinter uns, als wir fröhliche Lieder anstimmten, die erst allmälig verstummten, da wir in die Landschaft eintraten, welche unsere kindlichen Spaziergänge noch nicht erreicht hatten. Es war dies keine allzuweile Strecke von der Heimath. Frage: warum bei all dieser kindlichen Harmlosigkeit, bei all dem frischen fröhlichen Mulhe, doch die Seelenstimnlung der Knaben nicht ohne Bangen und Zaghaftigkeit, nicht ohne eine gewisse Beklemmung und Sorgenhaftigkeit? Ter Blick schweifte am Horizonte umher, ob nicht jene weißen Wölkchen, die an ihm schwammen, zu runkelen sich wandeln und rusammenballen würden, um uns ein Unwetter auf das Haupt zu senden. Nicht minder irrte der Blick über den Weg, so weit er sichtbar war, und die ganze Umgegend, ob nicht irgend Wer nahe, der uns feindlich behandeln könnte? Besonders regte sich diese Bangigkeit, wenn wir den dichten Wald betraten, und das war sehr bald der Fall. Ter kühle Schatten, das Flüstern und Rauschen rer Bäume, ras Rasseln der Föhren, der Gesang rer Vögel, ach! wie ergötzte es uns, wie lauschten wir und athmeten tief aus! Und dennoch suchte das Auge in das Dickicht einzudringen, und durch die Stämme zu schauen, um nicht von irgend einer Seite einen Ueberfall zu erfahren, und mit dem Gefühle größerer Sicherheit traten wir immer wieder aus dem Walde heraus auf die grünen Wiesen der Lichtung oder in die weite Flur der Kornfelder. Ebenso wenn der Weg uns durch ein Torf führte. Hatten wir seine Hauser im Rücken, so fuhr mir bisweilen der Gedanke durch den Kops: die Menschen sind doch gm. Wie leicht hätten sie uns hier Niederschlagen oder von ihren Hunden zerbeißen lassen können, und uns unserer Ränzchen bercluben, worin doch ein neues Kleid, einige Wäsche und ein wenhgehaltenes Buch enthalten waren. Wer hätte unsere Spur aufznsinden und die Thaier zur Strafe zu ziehen vermocht? Aber sie thaten es nicht; die Paar Leute, die uns gesehen hatten, hatten unseren Gruß freundlich erwiedert, und jetzt waren wir unversehrt wieder draußen. Also Frage wie oben. . Zch will sie beantworten; doch vergesse man nicht, daß ich von der Zeit vor einem halben Jahrhunderte spreche Es ist seitdem Vieles anders geworden, wenigstens in unserem Vaterlande. Damals hatte rer Zudenknabe noch viel zu leiden. Ließ er sich auf der Straße blicken, so wurde er von den christlichen Straßenjungen, und dazu gehörten nach dieser Seite hin die ganze Zugend der Stadt, mit Schim^sworien und Hohnreden überhäuft, wo möglich mit Schlägen tractirt. 'Jiim, wir wehrten uns unserer Haut, und zahlten redlich das Empfangene zurück. Befanden wir uns einer Uebcrmachl gegenüber, so nahincn wir ReißanS, hatten flinke Beine, und retteten uns wohl auch in ein befreundetes Haus. Waren wir irgend an Zahl gleich, so ging die Schlägerei los, und hierbei stand uns das Gefühl der Entrüstung und der Rachedurst bei, um sehr häufig den Sieg zu gewinnen, und unsere Gegner in die Flucht zu schlagen. Doch pflegten wir nicht lange auf dein Schlachtfelte zu campiren, denn wir mußten immer fürchten, daß der Feind mit überlegener Zahl zurückkehren werde. Zch will es nur dem Leser verrathen. Als ein starker und leidenschaftlicher Knabe gehörte ich nicht blos zu den Mitstreitern, sondern auch zu den Vorkämpfern, und ich erinnere mich des kindischen Stolzes, wenn ich riesen oder jenen schwächeren Kameraden mitten aus dem Feindeshaufen heransgchauen hatte. Mehrere Male kehrte ich daher auch mit blutendem Kopfe nach Hause; aber der herbeigeholle Chirurg, d. h. Bader, beruhigte meine besorgte Mutter: das wäre zuträglich, das machte einen offenen.Kops! Wie dem auch sei — ich halte Kämpfe jeder Art in der Zugend für ein nutzbringendes Erziehmittel — sicher war es, daß diese Art unverschuldeter Behandlung der Seele reS Znrentnaben eine gewisse Serglichkeit einflößte, ihm die rechte kindliche Unbefangenheit frühzeitig entzog, ihm den Gedanken des Vorhandenseins unbekannter Gefährlichkeiten einflößte, und dies ist mir auch die Antwort auf die oben gestellte Frage. Bevor wir die Elbstadt Aken betraten, lagerten wir uns am Saume des Waldes, der uns bis hierher fast ununterbrochen geführt hatte. Ach, damals gab es noch viele herrliche Waldungen in Norddentschland, durch welche zur Lust des Wanderers die Straßen hindurchführten; jetzt sind sie weit von diesen zurückgewichen, die Straßen sind besser, aber nach Walreslust und