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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-06-24 · Heft 26 (24.6.1873) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 26 (24.6.1873)
Date
1873-06-24
Page
Seite 427 (sequence 11)
Language
German
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127 feinem Harnische abgliuen. Drei starke Männer, mir Dolchen bewaffnet, sprangen hieraus aus dem Gebüsche hervor. Es waren sogenannte Soudaros oder englische Söldner, die den Sold, den ihnen König Johann ohne Land schuldig, blieb, durch' Raub und Plünderung eintriebcn. Zweier der Männer hatte sich der Ritter bald erwehrt, aber dabei seinen Degen zerbrochen. Nun stand er dem Tritten waffenlos gegenüber, und dem Ritter wäre es schlimm ergangen, hätte er nicht unerwarterc Hülse gesunden. Sie kam von dem geschmäheten Juden, der, mittlerweile hinzukommend, den Kamps mit dem dritten Räuber ausgenommen und denselben zu Boden gestreckt hatte. „Ich ehre die Tapferkeit," sagte der Ritter, „bei Christ und Jud, und meine Dankbarkeit ist heilige Pflicht für den Juden, wie für den Christen. Was aber bewog dich, mit Gefahr deines eigenen Lebens einem Bersolger deines Geschlechtes beizustehen?" „Haben uns nicht unsere Bäter eingeprägt, Jedermann zu lieben?" erwiederie der Hebräer. Freilich sprach nun der Mütter: „Finde dich heute über vierzehn Tage genau um die Mittagsstunde in London ein, vor dem Aldthore, und tu wirst weiter von mir hören." Und nach diesen Worten ritt er wieder allein seines Weges. An dem bezeichneren Tage hielt Richard Löwenherz, aus dem Kreuzzuge zurückkehrend, seinen Einzug in London. Bor dem Aldthore sah er sich nach dem Juden um, und reichte ihm im Angesichte der Flitter und des Belkes, denen er die Thal des Inden erzählte, und pries, in einen Ring gefaßt, den größten und kostbarsten Diamanten, den der englische Kronschatz zu vergeben hatte. Vom Volke nmjubelt, mußte sich der Jude dem Zuge des Königes anschließen. Aus der Heinrichsbrücke aber -blieb der Hebräer plötzlich stehen, und Begeisterung in Blick und Mienen sprach er die folgenden Worte: „Richard, der großmüthige König, beschenkte den 'armen Hebräer mit dem edelsten Steine seiner Krone. Ebenso frevelhaft wäre es von mir, das unschätzbare Kleinod zu verhandeln, als es zur Zierde eines Mannes, wie ich bin, zu verwenden. Auch wage ich nicht, den Diamanten seiner früheren Bestimmung zu widmen, denn was der König verschenkte, das würde der große Richard nie wieder zurücknehmen." Und nun hob er vor den Angen des ansmerksam lauschenden Volkes das Kleinod in die Höhe, und versenkte es dann mit feierlicher "Ruhe in die Flutheu der Themse. Unter manuichsachen Varianten erzählen diesen großartigen Zug freiwilliger Besitzemäußerung die Dichter und Chronisten verschiedener Zeilen und Länder. Auch Daru, Vater oder Großvater eines der letzten Minister Napoleou's IN., thcilt Aehnlickes, in italienische Verhältnisse umgewaudelt, in seiner „Geschichte Venedigs" mit. Aus dieser hat Schiller, wie den Stoff zum „Taucher", wohl auch die Beziehung in den Worten der Prinzessin Eboli geschöpft: „Tie Liebe ist der Liebe Preis. Sie ist Der unschätzbare Diamant, den ich Verschenken oder ewig nngenoffen Verscharren muß, dem großen Kaufmann gleich. Der ungerührt von des Rialto Gold, Und Königen zum Schimpfe, seine Perle Dem reichen Meere wiedergab, zu stolz, Sie unter ihrem Werthe loszuschlagen." Hieronymus Lorm. Äusfliige nach verschiedenen Stationen. Es ist Sommer. Ueber die Beschaffenheit des heuerigen Sommers wollen wir nicht klagen; unsere Leser thun dies schon von selbst genug. Der Sommer ist da, um Ausflüge zu machen Denn wie lauge tioch, und wir stehen wieder vor der schweren Zeit des Winters, wie wir eben erst hinter derselben standen. Wir laden daher unserere freundlichen Leser ein, während des Sommers einige Ausflüge mit ttns zu machen, und versprechen, daß, wenn keinen anderen, sie doch den Reiz der Abwechselung haben sollen. Zunächst machen wir mit einander eine Fußreise, und zwar eine Reife, im rechten Sinne des Wortes, nicht etwa einen größeren Spaziergang, sondern von Stadt zu Stadt. Eine Fußreise! Wie altväterisch! höre ich von allen Seiten mir zurnsen. Altväterisch, ich gebe es zu, wir machen sie aber auch vor einem halben Jahrhunderte. Damals gab es keine Eisenbahnen, die königlich preußischen Posten waren, abgesehen von einigen Hauptstraßen, wahre Marterkästen, und wer in ihnen einmal, z. B. von meiner Vaterstadt Dessau nach der großen Festung und Handelsstadt Magdeburg durch den riesen Saud der Landwege, oder ans den Knüppeldämmen, oder gar mit ungeheueren Steinen vor alter Zeit gepflasterten Strecken gefahren ist, wird des auSgestandeneu Elendes niemals vergessen. Bor solchen Aussichten ziehen alle unsere Leser die Fußreise in den ersten schönen Sommertagen sicherlich mit uns vor. Wir, nämlich ich und mein älterer Bruder, dieser fünfzehn, ich zehn Jahre alt, mit dem ganzen frischen Mulhe, der Kraft und Gewandtheit gesunder Knaben, ziehen also — etwa Anfang Juni's 1V22 — von der Heimath nach dem etwa sechs Meilen entfernten Magdeburg aus. Wir verlassen das Vaterland, um in das mächtige gefürchtete Ausland, Preußen genannt, daS noch von dem Abglanze seiner Wiedererhebung und seiner Siege umstrahlt war, mit dem Kriege aber auch die Freiheit, die diesem reu 'Namen verliehen, hinter sich hatte, zu wandern. Wir hatten 26*

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