Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1873)
- Date
- 1873-06-24
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
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421 erschlossen, dieselbe Richtung verfolgt ward. Mit der einzigen Ausnahme des Josephus, der sich selbst zum Pharisäismus bekennt, und wenn auch bisweilen seine Angaben über gesetzliche Borschriften von den talmntischen abweichen, damit nur constatirt, daß die betreffenden zu seiner Zeit noch nicht so weil und so scharf geregelt waren, als es späterhin der Fall, bekunden sämmtliche Ueberreste der jüdisch-griechischen Literatur Das, was das Wesen des Sadducäerthumes ansmacht. Eie stehen fest auf dem Boden der heiligen Schrift, ergeben sich aber einer freien individuellen Auslegung, ohne irgend eine Notiz von der in Palästina betriebenen traditionellen Auslegung. Aber auch hier dieselbe Erscheinung. Tie Strömung ist nur in einem kleinen Brnchtheile des Volkes selbst vorhanden, wird eine Zeit lang durch die Reibungen mit dem Heidenthume, und später mit dem Ehristenthume, genährt, verschwindet dann aber, ohne in dem volksthümlichen Judenthume irgend eine Spur zu hinterlassen. Bei manchem Individuum, das dieser Richtung gefolgt ist, mag wohl auch die Unwissenheit, die Unkenntnis; der talmudischen Richtung und ihrer Resultate, also der Satzungen, die Ursache gewesen sein. Jedenfalls halte das talmudische Judenthum mit diesem Hindernisse bedeutend zu kämpfen. Je weiter es sich entwickelte, desto mehr mußte es zum Eigenthume der Gelehrten werden. Tie ungeheuere Anhäufung von Traditionen, von Folgerungen und Schlüffen, setzte an sich großes und langjähriges Studium, umfangreiches Wiffen voraus; ja nur d i e Besriinmuugen, welche unter den vielfach auseinandergehenden Meinungen Geltung erhielten, zu kennen, war bei der Verzweigung derselben auf alle Gebiete des Gebens nur Sache eines bedeutenden Gelehrten. Tie Folge war, daß sich ein weiter Abstand zwischen den Gelehrten und dem gewöhnlichen Volke bereitete, der nur durch die unbedingte Gläubigkeit des Nichtwiffenden überbrückt ward. Jedermann weiß, wie für diesen größten Theil des Volkes die Bezeichnung y-^n c? erfunden ward, und wie viele Aussprüche der Verachtung oder der Beinitleidung gang und gäbe wurden. Ter Ausdruck selbst bezeugt, daß man ihn aus dem Unterschiede zwischen Städtern und Landbewohnern hergeholt hat, daß also in den Stätten theils der Mittelpunct der Gelehrten war, theils durch Schulen für den Unterricht in den Satzungen des Judenlhumes gesorgt ward. Dies war also anfänglich selbst in Palästina der Fall. Je weiter man sich von dessen Gränzen entfernte, desto seltener wurden die Gelehrten, desto größer die Unkenntnis; der talmudischen*) Satzungen, und dadurch das Eindringen nichijütifcher Sitte und Lebensweise. Als Palästina von den Juden entvölkert ward, und die talmudif'chen Schulen sich noch weiter nach Osten, nach Babylonien, verpflanzten, wuchs die Unwiffenheit in allen westlicher gelegenen *> Wie wir schon srüber bcmcrll haben, gebrauchen wir hiev der Kürze wegen den Auodruü „taliruidisch" siir die ge'aiuilNe traditioneUe Entwickelung von der Grundlegung in der Feit EsraV an. Ländern immer mehr. Was uns aus diesen Zeiten über die Juden außerhalb Palästina's und Babyloniens bekannt ist, und dies ist außerordentlich wenig, bezeugt TieS. Merkwürdigerweise bewegten sich die Gelehrten jener Pflanzstätten des talmudischen Wiffcns so sehr in ihren eigenen Kreisen, daß sie von den außenstehenden Stammes- und Glatibensgeuoffen wenig Notiz nahmen. Kaum daß wir einer solchen über eine abweichende Feier des Peßachs begegnen. Würde dies in eine Zeit gefallen sein, wo der Geist in den übrigen Völkern in Thätigkeit und Aufschwung begriffen war, oder hätte sich nach dem Erlöschen der alexandriuischjüdischen Bildung der schöpferische Geist in den Juden geltend gemacht, so hätte diese Vernachlässigung sehr bedeutende Folgen haben können. Dies war aber nicht der Fall; die Völler selbst waren erschöpft und geistesschlasf. Tic westlichen Juden thaten daher Nichts, als sich dem gewöhnlichen Leben anzuschließenin die Bahn des öffentlichen und Staatslebens einzutreten, und sich darin im Allgemeinen eine günstige Position zu erwerben. Bald hörte auch Dies auf, als die christlichen Kaiser im vierten Jahrhunderte die Juden aus allen diesen Bahnen auöschloffen, woran sich später die mannigfaltigen Beschränkungen im bürgerlichen und gewerblichen Leben anschlossen. So war die jüdische Masse in dem gesammlen westlichen Theile der Welt eine Masse, bereit, die talmudische Richtung in sich aufzunehmen, sich von ihr durchdringen zu lassen, und sie ihrerseits weiter zu gestalten. Dies geschah denn auch. In verhällnißmäßig kurzer Zeit breitete sich die talmudische Gelehrsamkeit durch Nordasriea und das westliche Europa aus, und gründete überall neue Pflanzstätten, während die astatischen abblüheteu und verschwanden. Die Herrschaft der talmudischen Phase war nunmehr eine allgemeine, eine gänzlich unbestrittene. . (Schluß folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 27. Februar. Trachten der Juden im uachbiblischen Alterthume. Ein Beitrag zur allgenieinen Kostümiruug von Dr. Adolf B rü ll. I. Theil. Frankfurt am Main. St. Goar 187:;. Der Verfasser hat sich den eigenthümlichen Gegenstand für seine Erforschung und Darstellung erwählt: die Trachten, also die Kleidungsstücke, welche die Inden im nachbiblischen Allerthume, also zur Zeit der Griechen, der Römer, der späteren Perser u. s. w. trugen, Rach einer Einleitung beschreibt er im Detail die Unter- und die Obergewäudcr und die Beinkleider, während in einem zweiten Theile über Kopfbedeckung, Fußbekleidnug, Gürtelunv Schleierarten, Haartrachten :c. gehandelt werden soll. Der Sachkundige weiß, daß dieses Thema bedeutende Schwierigkeiten hatte, da aus Mangel all bildlichen Darstellungen, oder auch nur einer schriftlichen Beschreibung, die Taten auö allen Ecken, namentlich der talmudischen Literatur, zusammengeholt, und die'