Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1873)
- Date
- 1873-06-24
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226933--31752-3254687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
420 Es gehört nicht zum Zwecke dieser Artikel, diese zweite, die talmudisch-rabbinischc Entwickelung, naher zu charakterisiren, wie wir dies in unseren Vorlesungen über die Entwickelung, der religiösen Zvee, in unseren „Weltbewegenden Fragen" und an anderen Orlen gethan haben. Handelt es sich doch diesmal nur um die Erkcnnmiß, auf welche Weise sic entstanden sei und sich ausgebildet habe. Wir sehen sie aus dem Impulse und dem -Geiste desjenigen Theiles der jüdischen Volksmasse hervorgehen, der nach den Trümmern Jerusalems aus dem babylonischen Exile zurückkehrte, diesen Impuls sixirt durch Esra und Nehemia, fortgetragen durch die nothwendige Ausbildung eines, aus dem Volke hervorgegangenen, Gelchrtenstandes, gefördert und getrieben durch die großen Ereignisse und VcrhÄmisie, wie sie sich für das jüdische Volk ergaben und gestalteten, verpflanzt aus dem von Juden entvölkerten Palästina nach den babylonischen Ländern, und durch das zweite Exil und die Zerstreuung bis zu ihrer Vollendung gedrängt. Hier vor Allem ist es die Strömung in dem Gesammtgciste des Volkes, welche als die eigentliche Mutter dieser Phase betrachtet werden muß, und gerade hierin liegt die Ursache der bewundernswerthen Eonscqnenz, die sich in ihr durch das Jahrtausend ihrer Entwickelung bewährt. Einzelne Männer, welche schöpferisch sonst in eine bestimmte Züchtung eintreten, geben derselben verschiedenartige Wendungen. Innerhalb der talmudrschcn Entwickelung mußte aber, vom Volksgeiste gezwungen, jedes Weitergehen eng an das vorhergehende geknüpft werden, und jede Willkür des persönlichen Geistes' wurde zurückgewiesen, oder verschwand nach kurzer Zeit. Tausend Beispiele lassen sich hierfür aus den: Talmud selbst rnführen. Die theils tüchtigen, theils mächtigen Kräfte rer ein^Men hervorragenden Männer mußten sich dicsent Gesetze des Volksgeistes fügen, und waren daher nur nach dieser Richtung hin dienstbar. Dennoch müssen wir hervorheben, daß diese Geistesrichtung im jüdischen Volke .nicht alsbald vollständig ausgebildet erscheint, daß ihr vielmehr mehrfache andere Strömungen entgegentraten, die sie zu überwinden hatte, worin eben wiederum ein Beweis für unsere ganze Anschauung liegt. Die Momente dieser entgegengesetzten Ströntnngen können wir als dreifache bezeichnen: das Savducäerthmn, die außevjüdische Bildung, nuv die Unwissenheit. Es ist sicherlich irrig, daS Sadducäerthum wesentlich als politischer diatur anzusehen, wenn auch politische, und noch mehr sociale Motive mit hereinspielrcn. Der Beweis hierfür liegt in dessen Gegensätze, dein Pharisäerchmne. Dieses, wie schon sein Name bezeichnet, beruhete in Der Je« der Absonderung des jüdischen Volkes in Lehre und Leben von den übrigen Völkern, und doch war es nur nach rer religiöseu Seite der Hauptgegner der Römer, und seine Träger nahmen das römische Joch leichter, und das Exil mit großer Leichtigkeit hin, nur mit dem Gedanken beschäftigt, Judeuthum und Juden zu erhalten auch ohne politische Existenz und Bederuusg. Maar erkennt dies schon in der Stärkung des Messiasgcdankens und der Messiashosfmingen, die das Pharisäerthum dem Volke einpflanzte, und worin ausgesprochen liegt, daß es auf die politische Existenz und Selbstständigkeit gar nicht ankame, wenn nur Volk und Religion fortbestehen, da jene wieder herzustellen der Zukunft Vorbehalten sei. Eben so wenig waren die Saddncäer grundsätzlich politische Zeloten. Der Gegensatz lag vielmehr in der religiösen Züchtung. Während die Pharisäer die conseguente Entwickelung und Ausführung des Gesetzes nach allen vorhandenen und sich weiter ergebenden Lebensmomenten zum Zwecke hatten, um hierdurch das Volk mit seinen religiösen Jdeeen in der Absonderung von den übrigen Nationen, und hiermit die religiösen Jreeen selbst zu erhalten, dadurch aber nothwendig die Religion aus der Sphäre der individuellen Gewissensfreiheit entheben, und zur sixirten Rechtssache machen mußten, folgten die Saddncäer dem Gedanken, daß ans dem Boden des schriftlichen Gesetzes die individuelle Freiheit ihre volle Geltung habe. Sie nahinen daher das schriftliche Gesetz als einzige Basis der Lehre und des Gesetzes an, und wollten sich auf diesem Boden innerhalb der zeitlichen Lebensverhältnisse frei bewegen. Vielleicht war es nur der Gegensatz, daß sie sich an den Buchstaben des schriftlichen Gesetzes hielten, und so von der einen Seite sich allzustreng fesselten, während sie aus der anderen frei sein wollten. Jedenfalls war ihr Princip: ohne das Fundament des Judenthumes aufzugeben, sich dem allgemeinen Leben der damaligen Menschheit anzuschließen. Hierin lag aber eben so sehr ein Widerspruch gegen den bereits erstarkten Bolksgeist und die gegebenen Verhältnisse, als auch ein Widerspruch ui sich selbst. Denn das schriftliche Gesetz verlangt eine Auslegung, und diese muß jedenfalls eine ähnliche Autorität, wie ras schriftliche Gesetz, erhalten, wenn sie irgend welche Geltung erlangen soll. Die freie Bewegung muß daher, so bald man daS schriftliche Gesetz buchstäblich ausführen will, alsbald wieder aufgehoben werden. Dies erweist die spätere Secte der Karäer, welche doch wieder genöthigt waren, eine Auslegung mit unbedingter Autorität zu schassen; dies beweist der Proceß, den das Ehristenthnln durchmachen mußte, das zuerst die Unabänderlichkeit des Gesetzes aussprach, dann unter Paulus sich von demselben lossagte, und dennoch bald wieder ein autoritatives Gesetz schuf, das kanonische Recht, das Gesetz der Kirche. Es kann daher nicht aussallen, daß das Saddncäerthuin sich nur zwischen den syrischen Kämpfen und dem Falle Jerusalems erhielt. So lange hatte diese GeisteSströmnng noch einen Boden in einem Theile res Volkes, man meint gewöhnlich in dem aristokratischen, eine Sphäre, innerhalb welcher es noch Leben und Stoff zum Leben hatte. Außerhalb Palästinas konnte es nicht bestehen bleiben, seine Anhänger mußten sich der Volksrichtung ergeben, oder unter die Heiden aufgehen. ' Daß unsere Ansicht über das Wesen des Sadducäerthumes die richtige ist, erweist sich daraus, daß im Grunde von den Juden, welche der griechischen Wissenschaft und Bildung sich