Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1873)
- Date
- 1873-06-10
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Rawitsch (Provinz Posen), im Mai. tPrivatmitlh.,*) llnnlittekbar nach seinem Amtsantritte hierorts hat unser Bürgermeister die städtischen Schulanstalten durch eigene Wahrnehmung kennen zu lernen gesucht, und ihnen bis jetzt unausgesetzt seine volle Theilnahme zugewendet. Nach den von ihm wahrgenommenen Ucbelständen ist er seither bemüht gewesen, deren Beseitigung bestmöglichst zu veranlassen. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß nur durch eine völlige Reorganisation des hiesigen Elemenrarschulwesens den gerechten und gesteigerten Forderungen der Gegenwart entsprochen werden, und daß dasselbe nur soweit einen gedeihlichen und erfreulichen Aufschwung erhallen könne. Deshalb hat derselbe in Uebereinstimnmng mit den übrigen Mitgliedern des Magistrates sich mit einem Promemoria an die Stadtverordneten gewendet, in welchem auf die Nothwendigkeit dieser Schulreform hinweisend, Vorschläge zur Ausführung derselben gemacht werden. — Aus den in den Archiven vorhandenen Nachrichten geht hervor, daß bis zum Beginne dieses Jahrhunderteunser Schulwesen hier noch gar sehr im Argen lag. Der Schulunterricht war dem Privatwege anheim gegeben, rer Gehalt des Lehrers war vollkonuucn den Leistungen desselben entsprechend. Erst etwa um das Jahr 1820 begann die Staatsregierung dem Schulwesen eine größere Sorgfalt zuzuwendcn, indem die Qualisicatien und die persönlichen Verhältnisse der Lehrer geprüft und entsprechende Maßregeln getroffen wurden, um einen möglichst geordneten Volksunterricht zu erzielen. Obgleich die Geschichte der katholischen Schule schon mit dem Jahre 1800 beginnt, so waren ihre Ncfultate dennoch 1837 so bedeutungslos, daß die Repräsentanten der katholischen Gemeinde in Gemeinschaft mit ihrem Propste die Vereinigung der katholischen Schule mit der evangelischen Stadtschule nachsuchten. In dieser den Geist wahrer Toleranz bekundenden Denkschrift wurde beantragt, „daß die Schulen hierorts weder evangelische noch katholische, sondern allgemeine Lehranstalten seien, die katholische aufgelöst werde, die Kinder derselben den anderen Schulen einverleibt werten möchten, und hinsichtlich des Religionsunterrichtes dem betreffenden Geistlichen daS Erforderliche zu thun überlasten bleibe." *) Wir geben diesen ausführlichen Bericht, weil er den Entwickelungsgang, den das Schulwesen jetzt in vielen Geineindeu durchläuft, genau schildert. Tie jüdische Schule hat ihre volle Berechtigung da, wo ihr streng-coufessionetle Schulen entgegenstehen, und wo das öffentliche Schulwesen dürftige Erfolge producirt. Entwickelt sich nun das ertliche Schulwesen zur konfessionslosen Schule, und werden daselbst tüchtige höhere Lehranstalten gegründet, so hat die jüdische Schule ihre Wurzel verloren. So wurden wir jüngst aus einer sehr wackeren Gemeinde befragt, ob sie ihre jüdische Elementarschule noch länger erhalten solle, da durch gute höhere Schulen am Orte die Zahl der Schüler ans dreißig herabgesunken sei, zum größten Theilc Kinder armer Acltern. Wir antworteten, daß die Erhaltung der Schule so lange Pflicht der Gemeinde sei, bis sie sich überzeugt habe, daß die Schüler eine gute confessionslose Schule besuchen kennten. Redaction. Die nachgcsuchte Vereinigung kam jedoch nicht zu Stande; sic scheiterte theils an Intoleranz und IheilS an Abneigung, und hierdurch ist leider rer innere Friede der politischen Stadtgemeinde getrübt, und dieser bedauernswerthe Zustand von Generation zu Generation vererbt worden. Die Schule blieb eine Eouununalanstalt ausschließlich für katholische Kinder, deren Bestand gegenwärtig 110 beträgt, 7 3 Mädchen und 70 Knaben, welche geschlechtlich combinirt, von zwei Lehrern unterricht werden. Diese können nun bezüglich ihrer Leistungen weder mit der Knabennoch Töchterschule concurriren, da diese einen größeren Lehrercctus, weüergehenre Lehrziele, mehr und tiefer greifende Lehrobjecte:c. haben, und nach allen Richtungen hin vorteilhafter^ ausgestattet sind. Zu dem kommt noch, daß die reicheren und intelligenteren Katholiken ihre Söhne in die Realschule, und ihre Töchter in die Töchterschule schicken, wodurch schon äußerlich jene Schule an Bedeutsamkeit verliert. — Die jüdische Schule, seit dem Jahre 1837 organisirt, hatte sich, seitdem sie namentlich einen Rector erhallen hatte, bezüglich ihrer Leistungen der Anerkennung der Staats-und Stadlbehörden zu erfreuen. 1817 wirkten an ihr sechs Lehrer, zwei Hülsslehrer und zwei Lehrerinnen, welche zusammen 15<)U Thlr. Besoldung erhielten, während der Gesammtaufwand des Institutes sich auf 1700 Thlr. belief. Die Glanzperiode sing jedoch mit der Errichtung der Realschule seil 1854 an zu erlöschen, und von dem Tage ab (1808 >, an welchem die Töchterschule, und in jüngster Zeit auch die Knabenschule, ihre Schlagbäume erössncten, und die Zöglinge mosaischer Confession in ihnen Aufnahme fanden, ging die jüdische öffentliche Schule von Tag zu Tag sichtlich ihrem Verfalle entgegen. Die Herstellung der VorbereitungSclasten für die Realschule zu Ostern ->. e. hat nun ihr vollends den Todesstoß gegeben. Gegenwärtig ist die Schülerzahl eine so geringe, daß sich die Auflösung fast von selbst vollzieht, ohne daß es eines weiteren Antrages bedarf. Von allen Wohlhabenden entvölkert, gehören ihr vielleicht noch dreißig Kinder solcher Acltern an, die ein Schulgeld zu entrichten nicht itn Stande sind. Reben den beiden erwähnten Schulen — der katholischen und der jüdischen — bestand hier lange Zeit hindurch eine vierclassige Knaben- und eine desgleichen Mädchenschule; beide mit streng confessionellem evangelischem Charakter. Dieser hat jeroch im Laufe der Zeit eine humanere Richtung angenommen, und solventen Schülern war für Geld und gute Worte rer Zutritt in den qu. Anstalten gestattet. — Eine große Anzahl, den ärmeren Elassen angehörige Kinder, hatten jedoch lauge Zeit gar keinen Schulunterricht. Erst durch die Gründung cer alttnannschen Armen- und Waisenschule, und durch die Errichtung der sogenannten Hospitalschule im Jahre 1852 wurde rem Bedürfnisse der Schule für die ärmeren Elasscu der evangelischen Gemeinde entsprochen. Beide Schulen haben Halbtagsnnterricht, nämlich drei Elassen mit zwei Lehrern, mit durchschnittlich je 200 Schulkindern in jeder Schule. So haben wir gegenwärtig vier verschiedene Schulen, in welchen die armen