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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-06-10 · Heft 24 (10.6.1873) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 24 (10.6.1873)
Date
1873-06-10
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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393 für unS, die Schmach von uns abzuwälzen, daß, während die protestantische Kirche sich der verlassenen Zudenkinder, freilich um sie zu bekehren, annimmt, das reiche europäische Israel sich nicht um sie kümmert. Genehmigen Sie :c. Das berliner Localcomilö für Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Palästina. Loew y, Schriftführer. Wir verweisen aus den Leitartikel in Nr. 21 S. 339. „Palästinensische Vereine." Wir würdigen die Absichten der Unternehmer sehr wohl; allein wir haben uns zu sehr überzeugt, daß alle derartige Projccte, die von Europa, hier von Berlin aus, für daS heilige Land entworfen und geleitet werden, erfolglos sind, als daß wir dem neuen Gedanken ein besseres Loos Zutrauen sollten. Herr Loewy selbst sagt, daß ihnen die Hyperorthodoxie entgegcnstünde, welche keine Verbesierung zulassen will. Nun, wer . ist in Jerusalem allmächtig, wenn nicht die Hyperorthodoxie? Wie wollen die Herren in Berlin diese machtlos machen, und deren Ränken und Gewaltschritten gegenüber das in der Idee nutzreiche Werk durchführen?' Uebrigens müssen wir doch gegen die Annahme, die der geehrte Abfasser des Briefes ausspricht, protestircn, als ob nur-die Hyperorthodoxen und die Indifferenten sich an diesem Werke nicht betheiligcn würden. ES giebt noch eine große Anzahl solcher, die einerseits den Erfolg völlig bezweifeln, und andererseits sagen: Haben wir im Vaterlande für die Waisen nicht noch Vieles, fast Alles zu thun? Wer sundirt erst die Waisenhäuser und Waisenvereine im Vaterlande? Da ist z. B. die ganze Provinz Posen, in welcher eine einzige Waisenanstalt in der Stadt Posen besteht mit — fünfzehn Zöglingen. In Schippenbeil und Königsberg, wie gering sind noch deren Mittel. DaS ausgezeichnete Waisenhaus in Paderborn lebt immer noch von Tag zu Tag, und seine Fondirung ist so schwach, daß es noch des alljährlichen HerumreisenS der verdienten Gründerin bedarf, um bestehen zu können! . . . Wir haben das Recht, so zu sprechen, denn Jahr aus, Jahr ein erhalten wir Briese, welche um Versorgung von Waisen flehen, denen, sei es hier, sei es dort, der Versorger und Erzieher verstorben ist, und — nur selten gelingt es unS, solchen Kindern ein angemessenes llMerfommcn zu verschaffen. Es gilt hier noch außerordentlich Viel zu thun, da eben unsere Väter für diesen Zweck nur wenig uns hinterlaffen haben. — Dies sind doch Gründe, die sich hören kaffen. Der Ausruf selbst lautet in seinem Haupttheile: „Unter den vielfachen traurigen Vcrhältniffen, welchen unsere Brüder im heiligen Lande noch unterliegen, ist das betrübendste „die leibliche und sittliche Verwahrlosung des nicht unbeträchtlichen Theileö der Zugend, welchem das herbe Loos zu Theil geworden ist, die Aettern zuZverlieren." Nach jetzigem Brauche übernehmen, wie glaubwürdig berichtet wird, die betreffenden Gemeindegruppen, cbVo, nur dann die Pflicht der Waisenverpslegung und Erziehung, wenn durchaus kein Verwandter sich rer armen Verlassenen angenommen hat. — Daß diese Art der Unterbringung aber nicht allein in Betreff der geistigen Pflege, sondern selbst in Bezug aus die nächsten, leiblichen Bedürsniffe ungenügend ist, bedarf für denjenigen, welcher auch nur oberflächlich dortige Zustände kennt, keiner Auseinandersetzung. So erklärt sich die betrübende Erscheinung, daß häufig jene unglücklichen Kinder die willkonunene und leichte Beute seelenkäufcrischer Missionare werden, welche sie in ihre Schulen.aufnehmen, kleiden, pflegen und zum Absalle vom väterlichen Glauben vorbereiten. Eine wirksame Abhülse dieser nur in allgemeinen Zügen geschilderten, in der Wirklichkeit oft herzzerreißenden Uebclstände kann nur durch Errichtung gut geleiteter Waisenhäuser verschafft werden. Es würden diese nicht nur dem Nothstande abhelfen, sondern bei correctcster religiöser Erziehung zugleich Pflanzstätten geistiger Eultur und sittlicher Hebung für Palästina werden, in denen die verwaisten Zöglinge gründlich und methodisch in der Kenntniß der jüdischen Lehre, wie auch im nothwendigen profanen Wissen, unterrichtet, und außerdem auch zur Erlernung technischer Fertigkeiten angeleitet werden könnten. Es würde hierdurch in nicht zu ferner Zeit die Heranbildung eines, bei treuer Anhänglichkeit an den Glauben der Väter gleichzeitig intelligenten und social-selbstständigen, Bevölkerungskernes als kräftiger Träger künftiger Enlturbestrebungen erzielt werden. Auf Grund dieser Erwägungen, und in Folge der Mittheilung eines seiner Vorstandsmitglieder, welches durch eigene Anschauung von den Zuständen Palästina's Kenntniß genommen hat, hat der hiesige Verein für palästinensische Angelegenheiten in seiner jüngsten Generalversammlung den Beschluß gefaßt: zunächst die Errichtung eines Waisenhauses in Jerusalem oder dessen 'Nähe anzustreben, dessen Ausgabe und Zweck wir oben kurz angedeutet haben. In der zuversichtlichen Ueberzengung, einem verdienstvollen Werke das Wort zu reden, wenden wir uns nun an Sie und den ehrwürdigen Herrn Rabbiner mit der ergebenen Bitte, sich unseren Bestrebungen anznschließen, sowohl durch selbstständige Unterstützung, als auch durch Veraustallung zweckdienlicher Sammlungen in Ihren Kreisen, ohne Beeinträchtigung der regelmäßigen Spenden für Palästina." Die Herren in Berlin, die dem neuen Unternehmen verstehen, stur: Dr. Eassel, E. Mende, A. H. Heymann und M. Gottschalk L'ewy. Bon außen werden als Zustimmende schon Männer von Namen genannt. Der in Berlin anwesende deutsche Generalconsul von Alten hat sich beifällig geäußert. 24

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