Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1873)
- Date
- 1873-06-10
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
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Wirksamkeit, sowie in der ersten sächsischen Kammer sich stets als ein wackerer Kämpfer für Gewissensfreiheit, für die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse bewährt habe. Hier gedachte Redner des Anthciles Kochs an den Arbeiten und Resultaten ces -JahreS 1818, da er in der Paulskirche in der Mitte jener Vertreter der gesummten deutschen Ration sich befunden habe, welche durch Verkündigung der großen» Principien der Freiheit des Geistes und der Gewiffen einen Schleier über eine trübe Vergangenheit gebreitet habe, die für die Bekenner des Judenthumes so prüfnngSreich gewesen sei. Israel habe ein langes und dankbares Gedächtniß. Darum fühle sich Redner veranlaßt, als Sprecher der hiesigen israelitischen Gemeinde auch jener Zeit zu gedenken, die vor dem Beginne der amtlichen Thätigkeit des Iubilares liege. Jene großen Gedanken einer mächtig bewegten , epochemachenden Zeit habe Dr. Koch in unser engeres Vaterland, in unsere Stadt getragen, für ihre Verbreitung und Verwirklichung im Staats- und bürgerlichen Leben unverdrossen und erfolgreich gewirkte Deshalb gebühre ihm und in ihm allen Kämpfern für Recht und Gewissensfreiheit ein besonderer Dank. Der Jubilar antwortete etwa mit felgenden Worten: Ihre gütige Ansprache hat mich tief gerührt, doppelt gerührt, da sie mich, durch ihr Zurnckgreifen aus eine längst hinter uns liegende Vergangenheit, an einen Mann unwillkürlich erinnerte, dem ich, dem Alle, die das Glück seines Umganges hatten, mit tiefster Dankbarkeit und Hochachtung sich verbunden fühlen: es ist Ihr berühmter Glaubensgenosse, der unvergeßliche Ricsser. Er war uns Freund, Lehrer und Führer für alle großen Jdeeen, die jene Zeit bewegten; sein hervorragender Geist, seine imponirende Sittlichkeit, haben auf uns einen bestimmenden unverwischlichen Einfluß geübt. Sie aber haben mir nicht zu danken; ich selbst konnte nach meinen schwachen Kräften nur wenig thun bei Allem, was seitdem geschehen ist; auch ist ja nur ein altes, langdauerndes Unrecht gegen Ihre Glaubensgenossen gut gemacht worden. Ich danke Ihnen vielmehr für Ihre Erinnerung an Priester, die Sie in mir geweckt haben, sowie für die theilnehmende freundliche Gesinnung, die Sie Namens Ihrer Gemeinte mir bekundeten. Einen weiteren Beweis für die Anerkennung, welche die Kundgebung der Gemeinde gefunden hat, gab der Herr Oberbürgermeister durch einen Galabesuch, den derselbe dem Sprecher der Deputation in dessen Wohnung abstattete. Mühlhausen, 2I. Mai. In der heutigen Sitzung des Zuchtpolizeigerichtes kam die Klage, eines Israeliten von Türmenach zur Verhandlung, welcher einen jungen Mann aus der Gemeinde wegen Verlamndung belangte, der das Gerücht verbreitet hatte, die Israeliten hätten zu ihrem Peßachfeste ein Dienstmädchen geschlachtet, und der Kläger in hervorragender Weise an dieser Gräuelthat Theil genommen. Der Beschuldigte wurde zu 10 Thalern Srrase, zu einer Entschädigung in gleichem Betrage und zur Veröffentlichung des Richterspruches auf seine Kosten vernrtheilt. (Hiernach war wohl das Ganze nicht ernstlich gemeint.) Posen, im Mai. < Privatmitth.) Zu den jetzt bereits am Längsten bestehenden israelitischen Waisenanstatten gehört die hiesige Waiscnknabenanstalt, die bereits 26 Jahre besteht. Der 3&. Bericht ist eben erschienen, nach welchem bis jetzt KU Waisenknaben ausgenommen worden sind, von denen 5l Handwerke erlernten, sechzehn in den Kaufmannsstand eintraten, acht nach America zu ihren Verwandten gingen :c., fünfzehn sind gegenwärtig in der Anstalt. Das Haus ist erweitert, Turnunterricht in der Anstalt eingeführt worden. Die Einnahmen im verflossenen Jahre betrugen 6202 Thal er, unter welchen 269 Thaler, die ein früherer Zögling als für ihn gehabte Kosten zurückerftaltet hat, bemerklich sind. Tie Ausgaben betrugen -MIO Thlr., worunter sich 1228 Thlr. Baukosten besinden, so daß zum Fonds 1S52 Thlr. abgeführt werden konnten. Im Ganzen könnte man doch innerhalb einer Gemeinde, wie die Posens, eine lebhaftere Bethätigung des WchlihätigkeitSsiunes für diesen Zweck erwarten, um die Mittel zur Vermehrung der Zöglinge zu beschaffen. Die Provinz, für welche jede Metropole mitzusorgen hat, würde diesen Segen sehr empsinten, und man brauchte nicht bei jedem außergewöhnlichen Unglücksfalle nach dieser Richtung hin die allgemeine Wohlthätigkeit ick Anspruch zu nehmen. Bekanntlich aber giebt es wohl keine größere jüdische .Gemeinde in Deutschland, in welcher der Gemeinsinn so schwach vorhanden ist, wie in Posen, keine Gemeinde, welche bei allen gemeinsamen Acten des Judenihnmes wie verschwunden erscheint und nur durch ihre Abwesenheit glänzt. Bonn, 30. Mai. (Privatmilth.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Berlin, 29. Mai 1873. Hochgeehrtester Herr Doctor! Wir erlauben uns Ihnen unter Kreuzband ein Exemplar unseres Aufrufes für Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Palästina zu übersenden. Wir geben uns zugleich der Hoffnung hin, daß auch Sie, geehrtester Herr Rabbiner, den cdelen Zweck, welchen wir im Auge haben, durch Empfehlung in Ihrem Blatte unterstützen werden. Unser Unternehmen ist ein sehr schwieriges; einerseits steht unö die Hyperorthedoxie gegenüber, welche jede Verbefferung der Zustände im heiligen Lande abweist, andererseits die Indifferenten und diejenige Partei, welche jede Erinnerung an das heilige Land von sich weist. Man muß die Zustände kennen, um zu begreifen, daß eine totale Veränderung nicht möglich ist. Ist der Same der Eultur gestreut, so werden sich auch bcffere Zustände, wenn auch allmälig, entwickeln. Es ist unsererseits nur eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn wir, nachdem wir das Licht vorn Osten empfangen haben, uun auch wieder unsere bessere Erkcnntniß dorthin verpstanzen. Es ist ferner eine Pflicht