Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1873)
- Date
- 1873-06-10
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
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389 sondern nur die Macht, die nöthigensalls zum Schwerte und Scheiterhaufen greift. Die Frage »ft nun: hat die katholische Hierarchie Aussichten, irgend wo zu dieser Macht zu gelangen? Zn Nordamerica, England und Holland, in den drei nordischen Staaten, in der Schweiz, und im größten Theile Deutschlands hat sie keine Aussichten hierzu, weil die große Mehrheit der Bevölkerung protestantisch ist.. In Oestreich vermöchten sie nur durch eine furchtbare Umwälzung, in Spanien durch den fortgesetzten blutigen Bürgerkrieg, in Italien durch eine Niederlage des Bolkes in einem gewaltigen Kriege von Außen, die Oberhand zu gewinnen. So bleibt nur Frankreich übrig, dieses Frankreich, iii welchem der Wechsel der obsiegenden Parteien ein unaufhörlicher ist, und die Gegensätze sich immerfort berühren, wo zugleich trotz der vollständigen Durchführung der Gleichberechtigung der Gedanke einer Staatsreligion nie erlosch, und Robespierre seine Religion der Vernunft ebenso zu einer solchen mit Hülfe des Fallbeiles machen wollte, wie es die heutigen Bischöfe mit der katholischen Kirche wieder durchführen wollen. Zn Frankreich wird die Religion politisch aufgefaßt, und spielt eine politische Reelle. Kaum hat daher die obengedachte Eoalitien die vereinigte repnblicanische Partei besiegt, als die Klericalen mit lautem Geschrei die Durchführung ihrer Grundsätze verlangen. Man fordert, daß die Protestanten und Zuden aus allen Staatsämlern ausgeschlossen, und möglichst die Juden wieder in Ghetti eingesperrt, oder aus dem Stinte getrieben werden. Man sieht hieraus, daß es sich eben um die grundsätzliche Alleinherrschaft der katholischen Kirche handelt. Die -12,000 Juden, die im gegenwärtigen Frankreich unter 'M\ Millionen Franzosen leben, bilden keine Macht, welche die Kirche zu fürchten und deshalb niederzuschlagen hätte. Selbst die Protestanten, die nur nach Hunderllausenden zählet!, namentlich seit das Elsaß abgetrennt ist, sine kaum als eine politische Gegenmacht zu betrachten. Es versteht sich nun, daß die katholische Hierarchie von Frankreich aus auf die anderen Staaten zu wirken gedenkt. Ter Sitz der katholischen Politik wird von Rom nach Versailles verlegt. Tie französischen Waffen sotten der katholischen Hierarchie in allen Staaten den Sieg erringen. Rach Ztalien wendet sie zunächst den Blick, um den päpstlichen Thron und die Stühle der kleinen Fürsten wieder herzustellen; hiermit glaubt sie die Shmpathieen des östreichischen Herrscherhauses wieder zu beleben, und in dessen Staaten eine große Wendung hcrvorzubringcn. Allerdings haben riese Pläne noch wenig reelle Unterlage. Denn zunächst kommt es doch daraus an, ob in Frankreich selbst die siegreiche Ecalckion sich am Ruder zu erhalten und eine feste Regierung dauerhaft zu gründen im Stande sein werde; dann wird es noch lange dauern, bis Frankreich fähig sein wird, die Waffen wieder nach Außen zu tragen; und endlich steht es so isolirt, und würde bei dem ersten Versuche, eine auswärtige Macht zu bekriegen, in Europa so viele Gegner finden, das; es schwerlich aus einen Sieg hoffen darf. Die Klericalen in Fränkreich wissen Dies wohl eben so gut; aber sie benutzen den augenblicklichen Sieg, um in Frankreich selbst, so viel wie möglich, für sich zu erlangen, und ihre Genossen in Deutschland, Oestreich und Ztalien zu ermuntern und anznsenern. Eiitsiweilen führen sie daher ihren Feldzug gegen die Protestanten und Zuden anS, und lassen auf diese letzteren eine Flnth von Schmähungen und Anschuldigungen loS, worin sie von den Klericalen aller Länder fort und fort unterstützt werden. Ein ganz anderes Schauspiel bietet gegenwärtig Galizien. Bekanntlich sind jetzt durch ein Gesetz die direewn Reichsrathswahlen im cisleithanischen Oestreich eingesührt werden, während bis dahin die Mitglieder des Reichsraihes durch die siebzehn Landtage der einzelnen Kronlänrer gewählt wurden. Es stehen also die ersten directen Wahlen zum Reichsrathe bevor, und Dies nimmt die Bevölkerung aller Orten außerordentlich in Anspruch. Zn Galizien stehen nun drei Völkerschaften sich gegenüber: die Polen, die Ruthenen und die Juden. Die crsteren hatten bis jetzt stets die Oberhand, und nutzten Dies zur möglichen Bedrückung der beiden anderen ans. Um so mehr fühlen sich jetzt die Ruthenen und die Inden angeregt, sich durch das ihnen gebotene gesetzliche Mittel der Wahl ein Gegengewicht zu verschaffen, nicht nm den Polen an sich zu nahe zu treten, sondern die Gleichberechtigung zu bewahren und durchzuführeu. Tie jütische Bevölkerung bildet in Galizien einen beträchtlichen Proeeutsatz, und in politischen Dingen gilt nicht selten die lebhafte Betheilignng mehr als selbst die Zahl. Da nun in Galizien eine nationale und eine wligiöse Scheidung besteht, und von den Polen unerbittlich genährt wurde, so liegt es in der Natur der Sache eben so, das; die Inden bei der Wahl in geschlossenen Reihen auftrelen, wie auch, daß sie sich als Verband mit dem Verbände der Ruthenen vereinigen müssen. Dieses Bewußtsein war längst in den hervorragenden Persönlichkeiten der jüdischen Bevölkerung wach gewesen, nno cs gilt jetzt, es auch in der Gesanuntmaffe zu beleben. Die weiter unten mitgerheilten Nachrichten zeigen kenn auch, daß die Sache in vollem Gange ist, nnd daß man augenblicklich darnach strebt, die einzelnen Gemeinden unter eine gemeinsame Leitung zu bringen, wozu der seit einigen Jahren bestehende Verein „Schomer Israel" die Handhabe bietet. Ein Bild hiervon giebl der felgende Bericht der „N. fr. Pr.: „Unser lemberger Eerrespontenl berichtet uns in dem nachstehenden Briefe, das; das von rem Vereine „Schomer Israel" eingesetzte Wahleomit«'- sich mit den israelitischen Aclionseomitcks in Krakau, Przemysl, Stanislan, Trohebhez, Darnopol u. s. w. und mit rem Ausschüsse des rmhenischen Vereines „Rada Ruska" behufs einträchtigen Vorgehens iu's Einvernehmen setzen werde. Diese signalisirleu Maßnahmen enthalten die praktische Ausführung unserer im Leitartikel des heutigen Morgenblattes gemachten Vorschläge. Indem wir allen Verfassungstreuen Galiziens, und namentlich den Ruthenen und Juden, nochinals die Mahnung, einträchtig mit einander'Hand in Hand zu gehen, Zurufen, lassen