Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-06-03 · Heft 23 (3.6.1873) · p. Seite 375

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 23 (3.6.1873)
Date
1873-06-03
Page
Seite 375 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226930--31704-3254636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ist durch die financielle Ealamität, die über uns hercingebrechen ist, so abgeschwächt, daß man an einen Bericht über dieselbe, wenn man nicht dazu verpflichtet ist, gar nicht denken mag. Das Mitgefühl für so unsägliches Leid, das in zahllose Familien cingedrnngen ist, beherrscht jedes Gemülh. Wenn ich, wie ich mich erinnere, bei einer früheren Krise den Schrifrvers: „Cs war kein Haus, in welchem nicht ein Todter", gebrauchte, so ist er diesmal ungleich mehr an feinem Platze. Es handelt sich hierbei in überaus vielen Fällen um Männer, die ehrlich und mühsam sich ein mäßiges Vermögen erworben halten, und sich jetzt desselben beraubt und, was noch mehr sagen will, in der Rothwcndigkeit sehen, sich für insolvent zu erklären, also auch für ihre Zukunft feine Aussichten mehr haben. Daß es daauch bedanernswerthe Feiglinge giebt, welche Hand an ihr Leben legen, vermehrt nur die schrecken und die Trauer. Sie werden es daher Ihrem Evrresponrenten nicht verargen, wenn er diesen Gefühlen zuerst den Ausdruck leiht. Denn cs ist ja Alles wahr, was man über den bodenlosen Schwindel, der hier und an anderen Plätzen herrsckwnd geworden war, und Alles mit sich Hineinriß, vernrtheilend sagt; anch daß man solchen Ansgang schon längst vorausgeschen hat; auch daß ein solches Gewitter läuternd wirkt, und die Atmosphäre reinigt; darum aber kann man doch Mitleid mit dem Hause haben, das, vom Blitze getroffen, niederbrennt. Sie wissen, wie sehr ich dieses Börsentreiben verabscheue, wie klar mir die traurigen Folgen für die Sittlichkeit und den ganzen Eultnrstand unserer Zeit, für die Schätzung der Intelligenz und wahrhaften Bildung, der Tugenden der Arbeitsamkeit, Mäßigkeit und Sparsamkeit sind; aber dennoch kann ich cs nicht zur Schadenfreude an dem Sturze so vieler Urheber und Förderer dieses modernen Nebels bringen, weil die zeitweisen Wirkungen sich nicht auf diese beschränken, sondern auf ausgedehnteste Verhältnisse vernichtenden Einfluß üben, und besonders weil ich an eine Besserung nicht glaube. Trotz allen Verheerungen sieht man jetzt schon die Keime, ans welchen mir der Zeit dieselben Giftpflanzen sich wieder entwickeln werden. Man will vor Allem die Geschäfte wieder ansangen, und da gelangt man nach einigen Jahren wieder ans dieselbe Stufe, wenn anch vielleicht von nicht gleichem Umsange. Beweis hierfür, daß alle vorangegangenen schweren Krisen die heutige nicht verhindert haben. Es liegt tief eingewurzelt in der Gestalt unseres ganzen modernen Eretitwesens, sowie psychologisch in der Unruhe, in der Triebkraft, in der unbeschränkten Sirebelust des jetzigen Geschlechtes, in welcher das Aufwacksende nicht minder erzogen wird. — Geht man vom religiösen Standpunete aus, so weiß man, daß innerhalb der Kreise, in welchen sich dieser Sturm abspielt, von Religion wenig verhauten ist, daß eie ethische Frivolität mit religiöser Leichtfertigkeit Hand in Hand geht. Unter den Börsenmännern giebt es immer eine kleine Anzahl, welche sich streng an die Orthodoxie halten, einzelne, die, ohne die Religion zu schätzen, abergläubisch sind, und dieses in einzelnen Handlungen bethätigen, auch selche, welche durch irgend eine reiche Gabe zu einem wohlthätigen Zwecke das Glück an. der Börse zu erkaufen oder zu bezahlen denken; die Mehrzahl aber ist völlig irreligiös, spotten jedes religiösen Gefühles, jeder religiösen Ueberzengnng. Wie sie eben für Luchts als Börsenspiel Sinn haben, besitzen sie solchen auch nicht für die Religion. Das Jlwenthnm hat von ibrem Sturze, außer einigen Spenden für seine Wehtlhätigkeilsanstatlen, Nichts zu verlieren. Wohl aber könnte sich in der großen Masse ans diesem Strafgerichte eine religiöse Erhebung entwickeln, wenn die Lehrer und Sprecher rer Religion unabhängig und mnthig genug wären, die Dinge bei dem rechten Rainen zu nennen, und lies in jede Eiterbeule unerschrocken einzuschnciden. Starcmiasto (Galizien), lll. Mai. Ter „R. sr. Pr." wird von hier geschrieben, und wir geben es besonders um res Schlusses willen wieder: „Tic achtzehnjährige Waise Chane Lea Oietlj lJüdin) faßte den Entschluß, ihren bisherigen Glauben nnt der kalorischen Religion zu vertauschen, und verließ zum Behnfe der Ausführung ihres Vorhabens heimlicherweise das Haus ihres Oheimes und Vormundes. Unter der jüdischen Bevölkerung, hat nun dieser Vorfall eine derartige Aufregung' hervorgerufen, daß zur Verhütung unliebsamer Seeuen von Seiten des Bürgermeisters sogar die Intervention dev Sicherheitswache nnd Gendarmerie angerufen werden mußte. Inzwischen halte sich Ehane Lea Roch in das Hans eines christlichen Bürgers geflüchtet, wo sie sich mehrere Tage hindurch verborgen hielt. Als nun aber hier die schutzlose Waise von ihren bisherigen Glaubensgenossen ernstlich bedroht wurde, mußte sie unter Escorte in das Bezirksantt übergeführt, und daselbst für längere Zeit nntergebracht werden. Erst in der verflossenen Woche ist es ihr endlich nach vielen vergeblichen Versuchen gelungen, in Begleitnng eines Ortsgendarmen ans Slareiniasto zu entfliehen, und in dem przemysler Benedictinerklofter eine Zuflucht zu finden. Aus Anregung des hierortigen Pfarrers wurde bereits von der christlichen Bevölkerung zu Gunsten der Proselytin eine Eelleete veranstaltet, an welcher sich insbesondere anch der galizische Landadel bcibeiligen dürste. Tcm Vernehmen nach soll der Rcichsrathsabgeordnete Fürst Adam Sapieha «Sohn des Lanrmarschalles von Galizien) den Betrag von sechstausend Gülten als Heirathsansstaltung für die Reubekehrte bestimmt haben." «Wenn auch die feuerige Glaubenstrene der Juden, die sich hier manifestirl, höchst lobenswert!) ist, so muß man doch die Art, wie sie sich äußert, entschieden znrückweiscn. Jede Gewalttätigkeit im Dienste der Religion ist verwerflich. Das haben wir Inden doch Wehl hinlänglich erfahren. Sie bringt anch nur das Gegeniheil hervor, und hier z. B. eine Geltbelehnnng, die andere schlechte Subjeete leicht zur Nachfolge verleiten könnte. Redaetien.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.