Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1873)
- Date
- 1873-06-03
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
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Datei ist die starre Conseguenz zu bewundern, auf welche die Uebersetzung hält. 70:3 *^r-ib ransi (19, IS) wird übersetzt: „liebe deines Nächsten Wohl wie deines" und der Beisatz durch eine weitläufige Erläuterung begründet. Nichts desto weniger wird 7023 ib' ranan (11», 3-1) in der gewöhnlichen Übersetzung: „du sollst ihn lieben wie dich selbst" ohne Beisatz wiedergegcben. Die angeführte Erläuterung, sowie zahlreiche andere, gleichen auf's Haar Stücken aus Predigten und Homilieen, und werden, so weit sic verständlich sind, den Zuhörern des Herrn Verfassers recht wohl bekannt sein. In manchen Anmerkungen sucht derselbe seine gewaltige Gelehrsamkeit in profanen Wissenschaften zu erweisen. S. 207 und 288 in der Anatomie, Osteologie und Physiologie, S. 6.14 in der Botanik, und ohne Zweifel sind Zuschriften mit der bekannten doxologischen Phrase t-i bn -’r o:n Nb zu Dutzenden auf seinem Schreibtische zu finden. Beräuchern sich doch die Herren Neuorthodoxen — diese Pygmäen des talmudisch-rabbinischen Wissens — mit denselben hyperbolischen Lobeserhebungen, welche leider unter dessen Heroen gebräuchlich waren. Was würde aber wohl ein solcher Heros — etwa ein IT'-'N nssiö oder »sb^n rpbN '“i von diesem Pentatencheommentare urtheilen? Im' besten Falle: er halte den Inhalt für a-ba.-i bnn, oder dieses sei eigentlich ein mnta (maoj, mit welchem man sich nicht sein solle. Wie kommt es nun — und das ist die ernste Seite der Sache —, daß die Welt nicht an dem ersten Bande dieses närrischen Machwerkes genug hatte, und auch der zweite und dritte Band noch Abnehmer fand und findet? Es ist allein der Eifer und die Rührigkeit der Orthodoxen, die solches möglich macht. Sie kaufen nicht nur selbst die Schriften ihrer Parteiführer, ob sie sie verstehen oder nicht verstehen, sondern geben sich auch zu Agenten und Eolporteuren für dieselben her. Jede Gelegenheit zur Anbringung eines Exemplares wird ergattert und anSgenutzt. Mein Tischnachbar bei einem Hochzeitmahle in Frankfurt am Main, ein Kaufmann, der früher die dortige Messe besucht hatte, wurde während seiner kurzen Anwesenheit daselbst aus Anlas; jener Hochzeit sofort von seinen alten Geschäftsfreunden abgefangen, und zum 'Ankäufe der leiden ersten Bände res hirschischen Pentateuches beredet. Er erzählte mir bei Tische von seiner Acquisition, und fragte mich nach deren Werlhe. Ich gedachte des talmudischen Satzes: irr T'rrn v.-zl'Z" pvjra npa npb*^- -n bi i::;- und sagte ihm nichts Unliebsames über seinen Einkauf. Mir aber hatte der Mann, ohne es zu ahnen, einen guten Theil meiner heiteren Stimmung genommen. Unwillkürlich stellte ich eine Vergleichung an zwischen diesem Eifer der Orthodoxen und der Gleichgültigkeit der Fvrtschriltsmänner, die so wenig für die Förderung des Schriflthumes ihrer Partei thun, und sich kühl bis an's Herz hinan gegen dasselbe verhallen. Gott bessere es! \V. c i! 111 uj .M i a i' ß t ic Id le 11. Deutschland. Berlin, 10. Mai. (Privatmittheil.) Die Sitzung des Reichstages Freitag den 16. d. zeigte durch eine eigenthümliche Fügung so recht Das, was freilich dem Borurtheilslosen niemals erst zu erweisen nothwendig war, nämlich, daß es entschieden ein Unrecht sei, die Bezeichnung Jude und Judenthum in das Getreibe der politischen Parteien hineinzuziehen, und sie mit irgend einer bestimmten Partei zu identificiren. Tie Juden, weil sie eben kein eng begränztes politisches Parteisyslem vertreten, gehören, wie politisch allen Rationen, so auch allen politischen Parteien an. Natürlich muß hierbei die einzige Ausnahme gemacht werden, daß Juden, wenigstens so lange sie dies sind, einer solchen Partei, welche zugleich eine bestimmte specifisch-religiöse Confessio» zu ihrem Zwecke hat, nicht beitreten können, ohne sich selbst aufzugeben. Wie gesagt, ein thatsächlicher Beweis hierfür ergab sich zufällig in der gedachten Sitzung. Der Abgeordnete Sonnemann trat bei der Verhandlung über Elsaß-Lothringen für die französischen Wühlereien in dem Reichslande ein, und ließ sich selbst zu sehr antideutschen Auslassungen Hinreißen. Sofort trat ihm der Abgeordnete Bamberger in energischem Widerspruche entgegen, und wicö jenes unpatriotische Gebaren unter dem Beifalle des Hauses kräftig zurück. Es war ein parlamentarisches Duell zwischen zwei Männern, die beide der jüdischen Religion angehören. — Ter jüngst verstorbene Viagnus Levy hat testamentarisch einer Reihe von hiesigen allgemeinen Vereinen und Anstalten Legate von 3on,50u und mehr Thalern vermacht. Wir bemerken dies nur jenen, neuerdings erhobenen Insinuationen gegenüber, als ob die jüdischen Neichen ihre Spenden auf jüdische Anstalten beschränkten. — Außer den beiden in diesem Blatte bereits erwähnten Israeliten, welche jüngst zu Professoren der medicinischen und mathematischen Wissenschaften in Königsberg und Breslau ernannt worden sind, ist jetzt noch ein dritter, Herr Dr. Max I a ssö, gekommen, der bis jetzt außerordentlicher Professor der Mediein in Königsberg war, und nunmehr eine ordentliche Professur daselbst erhalten hat. Schippenbeil (Ostpreußen), 18. Mai. (Privatmittheil.) Unter dem offenbaren Segen Gottes, den die heilige Schrift ja „Vater der Waisen" nennt, gereiht unser hiesiges Waisenhaus, das bekanntlich in Folge des Nothjahres gegründet worden ist. immer mehr. Der eiferig für dasselbe bemühte Vorstand sieht sich bereits im Stande, fünfzehn Waisen zu erziehen, und ein Hans mit weiter zu bebauendem Terrain für 12,000 Thaler anzukaufen. Eine wesentliche Hülfe haben ihm hierzu eine Gabe