Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1873)
- Date
- 1873-06-03
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 Strömung in dem Volke vorhanden war; die eine, welche sich der Gotteölehre völlig ergab, die andere, die, zum Heidenlhuine hinneigend, sich jener immer wieder entzog, sobald eine besondere Veranlassung eintrat. Wir sehen, wie das ganze Volk dem Gesetze Trene gelobte, nnd doch, sobald ihm Moses verschwunden schien, am Fuße des Sinai selbst sich ein Götzenbild formte, und ihm üppige Feste feierte: wie es aber Moses sofort wieder gelang, insbesondere durch die, mit dem Schwerte dafür kämpfende Schaar der Leviten, seines Stammes, das Volk wieder unter seine Obmacht zu bringen. Wir sehen weiterhin alle die Motive, welche ein, noch von verschiedener Neigung beherrschtes, Volk zur Auflehnung gegen seinen Gesetzgeber und die von ihm vertretene Idee bringen können, die Israeliten zu einer gegensätzlichen Bewegung Hinreißen: bald ist eö der Mangel an Wasser und Nahrung, bald der Ehrgeiz der geheimen Gegner, bald die Ungeduld, in das Land des Besitzes und der Fülle zu kommen, bald die Feigheit vor gefürchteter, oder nach einer geschehenen. Nicdcrlage. So scheidet Moses selbst auö dem Leben mit dem Bewußtsein, daß sein erhabenes Werk in diesem Volke noch' lange nicht eine feste und unerschütterliche Wurzel getrieben habe. Dennoch blieb cs, gepflegt durch die feste Hand seines Nachfolgers, in dem Volke vorhanden, und alle späteren Vorfälle bezeugen, daß bis zum ersten Falle Jerusalems Mosis Lehre und Gesetz ebenso einen getreuen Bestandtheil im Volke behielten, wie sic doch nichtim Stande waren, das gesammte Volk zu durchdringen und zu beherrschen. So sehen wir kenn bald nach Iosua das Hcidenthnm wieder übermächtig in Israel werden, wenn auch das von Moses errichtete Heiligthum mit seinem Cnltus erhalten wurde, allerdings bald nach diesem, bald nach jenem Theile des Landes verpflanzt. Als ein wesentliches Moment müssen wir hierbei das politische beachten. So lauge ein einheitliches Land der Nation fehlte, nnd die Stämme, ja die einzelnen Gruppen in diesen, für sich bestanden, und nur in seltenen Fällen der größten Gefahr die Vereinigung einiger derselben staltsand, hatte auch die Gotteslchrc nur einen schwachen Anhalt, und konnte weithin im Volke dem Heidenthmne den Raum nicht streitig machen. Nur erst, als eine nationale Einheit mit einer Eentralgewalt beschaffen war, konnte sich Dies ändern, und durch die Letztere der Gotteslehrc die Herrschaft einigermaßen gesichert werden. Wir sehen daher David das Narionalheiligthum nach seiner Residenz versetzen, und seinen Nachfolger Salomo einen prächtigen Tempel erbauen. Wir kennen dies als eine zweite Epoche, die dem Verfalle des religiösen Geistes in der Richterzeit gegcnnbcrsteht, betrachten. Wir wissen, das; diese große Veränderung nicht blos äußerlich in der Erbauung des Tempels bestand, sondern auch in einem mächtigen Aufschwünge des Geistes, wie er nnS in den. von David und anderen damaligen Sängern hcrrührendcn, Psalmen, und in den Theilen der Spruchsammlung, die Salomo zngeschricben werden müssen, erscheint. Aber auch hier wesentliche Vorbereitung. Wie sich das Bedürfniß nationaler Einheit und der Schöpfung einer Eentralgewalt im Volke selbst entwickelte, und zum Durchbruche und zur Erfüllung durch das Volk selbst kam, so hatte sich die Verjüngung der Gctteslehre bereits durch Samuel und zu dessen Zeit vorbereitet. Aeußerlich zeigt sich Tics dadurch, daß das Volk die Wahl seines Königes in die Hand Samuels, der Anfangs widerstrebte, legte, und diesem 'noch die Macht cinräumte, auch den Nachfolger des ersten Königes im Voraus zu bestimmen. Innerlicher liegt der Beweis in der Gründung einer Prophetenschule, die von Samuel ausging. Es mußte sich also im Volke eine Erstarkung des religiösen Geistes, dessen Träger Samuel und nach ihm David war, herangebildet haben, die jedoch nach ungefähr einem Jahrhunderte wieder erschlaffte, wozu die Regierung Salomo's selbst in vielfacher Weise beitrug. So sehen wir diesen religiösen Geist nicht mächtig genug, um das mit der Negierung des davidischen Hauses unzufriedov geworrene Volk von der Spaltung res Reiches zurück zu halten, nur die eine Hälfte, das Reich Israel, mit der politischen Opposition, auch in die religiöse, in die Herrschaft deö Heidenlhnmes, verfallen. Selbst die gewaltigen Anstrengungen res feucrigen Elia und seines Jüngers vermochten den religiösen Geist in diesem, dem Untergänge zneitenden Theile der Nation, nicht wieder zu erwecken. In dem anderen Theile ein beständiges Hinnur Znrückslnrhen, im Volke geleitet durch die Propheten, zur Obmacht gebracht durch die Könige. In stetem Wechsel dringt ans rem getreuen Theile des Volkes die Gotteslehre von Zeit zu Zeit bis auf reu Thron, und sinkt daun wieder in die Ohnmacht zurück. Als eine denkwürdige Epoche stellt. sich uns die Zeir des Königes Hiskia dar, in welche zugleich die Wirksamkeit des Propheten Iesaia fällt. Das Hcidenthnm halle unter ressen Vorgängern die volle Herrschaft erlangt; der Tempel war geschlossen, der siebenarmige Leuchter erloschen, die Opfer hatten ansgehört, die Priester und Leviten sich zerstreut, und entheiligt. Hiskia veränderte dies durch seine Gebote vollständig. So rer Bericht des Geschichtsschreibers. Lesen wir nun das erste Eapitel des Buches Iesaia, so erhalten wir ein anderes Bild. Der Tempel besteht in seiner ganzen cnlrnellen Herrlichkeit, seine Vorhöfe werden durch die Menge zertreten, Sabbath. Neumonde und Feste werden gefeiert, und Opfer in Fülle gebracht, auch Gebete vielfach gehalten. Aber mit diesem eiserigcn Beobachten des Eeremeniales ist die-tiefste sittliche Entartung verbunden, Mord, Raub, Bestechlichkeit, Unterdrückung der 'Armen, Schwelgerei aller Art sind an der Tagesordnung, die Gettcslehre wird verhöhnt, Götzenbilder aller Art im Volke verbreitet und verehrt. Es beginnt die Weissagung deö Sturzes, ans welchem später eine Wiederherstellung durch den Sieg der Gottcslehre über das ganze Volk erstehen werde. Man sieht also, daß die Herrschaft der Letzteren in dieser Zeit eine mehr äußerliche war, wenn auch die HerzenSfrömmigkeit in dem Geiste Einzelner waltete. Von da ab ein immer-