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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-27 · Heft 22 (27.5.1873) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 22 (27.5.1873)
Date
1873-05-27
Page
Seite 362 (sequence 10)
Language
German
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362 auf die Befriedigung der Serben und Rumänen, um sie wegen eines jüdischen OeslreicherS auf's Spiel zu setzen. Nedactron.) Rußland. Kiew, 7. Mai. Die russische Unduldsamkeit hat sich einmal wieder in ausfallendster Weise kund gelhau. Da das Petersburger Blatt „Die Börse" selbst Nachrichten darüber bringt, läßt sich an der Nichtigkeit kaum zweifeln. Bekanntlich wird Kiew als die heilige Mutterstadt der russisch-orthodoxen Kirche angesehen und verehrt. Lange Zeiten durfte daher der Fuß eines Menschen, der fid) zu dieser Kirche nid)t bekennt, das Weichbild dieser Stadt nicht betreten. Dies wurde jedod) in den letzten Jahrzehnten nicht mehr beobachtet, und als den Juden, wenn auch unter beschränkenden Bedingungen, der Eintritt in die inneren russischen Provinzen gestattet wurde, machte man mit Kiew keine Ausnahme. Jndcß muß die Geistlichkeit dock) Wiederau das alte Vorrecht Kiews sid) erinnert haben, und so verlangte sie die sofortige Austreibung aller der Juden, welche nicht das Niederlassungsrecht förmlich erlangt haben. Tie „Börse" läßt sid) von dort mittheilen, daß die Polizei die Seitens des StadtgouverncurS angcordneten Maßregeln gegen die Juden mit aller Energie durchführt. Diese Maßregelt: betreffen diejenigen Juden, welche keinerlei Recht Nachweisen können, sid) in der Stadt aufhalte» zu dürfen. Die hebräischen Handwerker und entlassenen Soldaten werden in die schmnzigsten Außenviertel der Stadt verwiesen, und die Zahl der jüdischen Handlungsdiener, denen man erlaubt, im Orte selbst wohnen zu dürfen, ist auf das Minimum beschrankt worden. Alle jüdischen Schankwirthe sind ausgewicsen, eine beträchtliche Anzahl ihrer Glaubensgenossen hat man vorläufig verhaftet, um sie danad) dnrd) ZwaugStranspert ans Kiew zu entfernen. Auch ans Odessa wird von Judenverfolgungen berichtet, die allerdings von den Behörden streng unterdrückt worden sind. Algrrien. Wien, irn Mai. Man wird sid) erinnern, daß französische Journale den, gegen Ende des Jahres IST»», in Folge der großen Niederlage der französischen Heere, und des Sturzes des KaiserthumeS in Algerien, auSgebrod)encn Ausstand der arabischen Stämme dem Mißvergnügen derselben über die, von der Regierung des -l. September deeretirte, Nationalisirung der einheimischen Israeliten zuschrieben. Eine Darstellung des SachvcrhältnisseS in der hiesigen „N. fr. Pr." vom 11. d. aus der Feder des bekannten Reisenden, Freiherrn von Maltzan, bringt uns eine genauere und nnparteiisd)e Schilderung der Ursachen. Napoleon III. hatte die Beduinenhäuptlinge der unterworfenen Stämme durch die Ehrenlegionen höheren Ranges, Zuziehung zu den Festen in Compiögne und anderen Schmeicheleien, seiner Person sehr zugcthan gemacht. Bekanntlich stand Algerien unter Militärverwaltung, und nach den Borurtheilcn jener Stämme war es jenen Häuptlingen immer nod) möglid), sid) den Befehlen von Ofsicieren, selbst niederen Grades, zu beugen. Jetzt aber tarn die Republik, und diese deeretirte die Eivilverwaltung, welche freilich schon früher beabsichtigt, aber niemals anSgeführt worden war.' Die arabischen Stämme stellten sid) unter Eivilverwaltung die Herrschaft von Krämern und armseligen Eolonisten vor, die sie tief verachten. So lauge in ihnen die Hoffnung lebte, daß der Kaiser zurückkehren, uitb die Zügel der Negierung wieder ergreifen würde, hielten sie an sid). Als sic aber zu der Ueberzcugung kamen, daß hierzu die Aussicht gänzlid) geschwunden sei, erhoben sie sid), löschten zu diesem Zwecke die unter ihnen herrschenden Feindschaften ans, und ergriffen die Waffen,, indem sie die Herrschaft der Franzosen, wie ehemals die der Türken, auf den Küstenstrich und die großen Städte beschränken wollten, für sich wieder die große Ebene und das Gebirge in Anspruch nahmen. Herr von Maltzan fährt hier fort: „ES war ohne Zweifel ein Fehler, daß man mit Einführung derCivilherrschast nickst so lange wartete, bis Algerien wieder mit Truppen besetzt war. Man wählte die Periode der größten Schwäche, nm eine Neuerung einzuführen, die selbst unter der stärksten Negierung noch Widerstand gesunden hätte. Tie Landaraber haben kein Verständnis; für eine Eivilregierung. Sie sahen als Eivilistcn in ihrem Lande nur meist unbedeutende Kausleute und Krämer, oder am Hnngcrtuche nagende Eolonisten, Beide oft von zweifelhafter Moralität. Sie glauben nun, daß die Eivilhcrrsd)aft diese Leute zu ihren direkten Borgesetzten machen werde. Sie sympathisiren dagegen mehr mit dem Militär, schon deshalb, weil sic ihm Rang und Stand zuerkennen; denn »ach ihrer Ansick)t steht jeder gemeine Soldat an Rang selbst über dem vornehmsten Eivilistcn. Vom Militär beherrscht, fühlen sie sid) nicht gcdemüthigt, wohl aber, wenn sie einem Eivilistcn, einem „Federfuchser", einem „Ellenreiter", gehorchen sollten. Was sie and) besonders reizte und zu Feinden Frankreichs machte, war die Gleichstellung der akgierischcn Juden mit den Franzosen, welche die Regierung vom 4. September dccrctirt hatte. Auch hier war cs nicht etwa Religionshaß, sondern Standesvormthcil. weil diese Juden ihren Gesck)äften nach gleichsam eine untere .Kategorie der christlich-französischen Eivilistcn zu bilden schienen, und ein Araber sid) tief gcdemüthigt fühlte, nur unter einem Manne zu stehen, dessen Vorfahren im Rang so tief unter den seinigcn gestanden hatten. Alles dies gilt natürlich nur von den einheimischen Juden, unter denen es sehr achtbare Elemente gicbt, die aber nach den aristokratisch-militärischen Standesbegrisfen der Araber einen viel tieferen Rang einnehmen, als die gewöhnlichsten Beduinen."

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