Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-27 · Heft 22 (27.5.1873) · p. Seite 358

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 22 (27.5.1873)
Date
1873-05-27
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226929--31686-3254617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

358 Rabbiner Oppenheim wird daher auch zugebcn müssen, "daß ein wirklicher Ausschluß der Priester vom Calenderwesen nicht stattgefunden hat; aber er hat Recht zu sagen, daß, während in anderen Religionen ras Ealenterwesen Sache und Eigenrhum der Priester gewesen ist, dies in der israelitischen Religion nicht der Fall war. Tie Ealenderbestimmuugen gehörten nicht zu den priesterlichen Functionen, sondern zu den richterlichen, und insofern die Priester auch an den Letzteren Theil nahmen, hatten sie bei den calcndarischen Fragen eine Betheiligung. Für die Beleuchtung Dessen, was das Priestcrthum in Israel gegolten hat, und gelten sollte, ist dies allerdings von Werth. — 2m Allgemeinen dürfen wir hinsichtlich des Priesterthumes ans die Angaben der Mischnah und Gcmara nur einen bedingten Werth legen, insofern nämlich, als sie sich nur auf die Zustände beziehen, welche während des zweiten Tempels sich entwickelten. Damals erst, als man mit der Ausführung des pentatenchischen Gesetzes heiligen Ernst machte, gelangten auch die Priester zu den in demselben beschriebenen Rechten und Pflichten, und im Anschlüsse daran wurde die ganze Priesterinstitution durchgearbeitet und realisirt. Run aber entstand zu derselben Zeit der jüdische Gelehrtenstand, wie es nothwendig in der gezeichneten Richtung lag, und dieser war seiner Natur nach demokratisch. Wahrend also das Detail des Priesterwesens erst durch den Gelehrtenstand geschaffen ward, hatte dieser durch sich selbst eine antipriesterliche Tendenz, welche den Priestern nur daö Rothwendige auf dem Grunde des Schriftgesetzes zugestehen konnte, und jeder Ueberhebung der Priesterschast entgegenwirkcn mußte. Dies ist der Schlüssel zu vielen sich widersprechenden Erscheinungen. Man wollte äußerlich erhallen und schützen, was principiell der eigenen Tendenz widersprach. Die klare Anschauung dieses eigenthümlichen Berhältnisses wird mancher Verwirrung Vorbeugen. So stellte neulichst ein holländischer und, ihm felgend, ein französischer Gelehrter die Behauptung aus, das ganze israelitische Priesterthum . sei erst von Esra cingeführt worden, und nrußte doch einige Blätter weiter berichten, daß Esra der Urheber des jüdischen Gelehrtenstandes gewesen sei, mit welchem der Einfluß der Priester äußerst geschwächt wurde, und schließlich ganz aushörte. Den gelehrten Herren entging dieser crasse Widerspruch, der sich ihnen doch hätte bemcrklich machen müssen. Sbeitu iicjäli (xcßuc&fceu/. Deutschland. Berlin, 9. Mai. (Privatmitth.) Es wird Sie kaum überraschen, wenn, ich heute einige wenige Worte einem zeitweiligen Zustande widme, der einen socialen und sittlichen Gehalt besitzt. Die allgemeine Krise, welche auf dem Geldmärkte und in allen Essectengeschästen augenblicklich vorhanden ist, ist Jedermann bekannt. Was die Hauptsache ist, es hat sich damit ein Stur; des „Gründerthumes" verbunden, der nicht zu übersehen ist. Die Ursache liegt in keiner Parlamcntörede, keiner Untersuchungscommission, keiner Furcht vor einem Gesetzentwürfe, sondern factisch im Gründerthume selbst. Dieses ist an sich nur eine Ueberspeculalion, die nothwendig, wie jede derartige, zuletzt durch die « Unmasse des Prodnctes lmd durch den Mangel an Geldmitteln zur Deckung der Zahlungen 311 Boden stürzen mußte. Rur war der Unterschied, daß eine Ucherspeculatiou immer noch ein, vom sittlichen Standpuncte aus, schuldloser Jrrthum, z. Bi bei irgend einer Waare, sein kann, während daö Gründcrthmn sich in zahllosen Fällen der Täuschung und des Betruges schuldig macht, und andererseits durch die schnelle und ungeheuerliche Bereicherung nichtsnutziger Einzelner die traurigsten Wirkungen ans die sittlichen Erfordernisse übte, die auch an daS industrielle Leben gestellt werden müssen, wenn die Gesellschaft gesund und bestehen bleiben will. Jetzt ist nun ein zweifaches Heilmittel eingetreten. Bon der einen Seite wurde dem Gründerthume, besonders durch den großartigen Anstoß, den Laster gegeben hatte, die Larve abgerissen, und eS in seiner Nacktheit so hingestellt, daß der ganzen Tendenz, und Allen, die sich in irgend compromittirender Weise damit beschäftigt hatten, Verachtung und Schmach aufgedrückt wurde. Andererseits hat die nothwendig folgende Krise seine financielle Hohlheit erwiesen, und so den Weg zu ihm einstweilen verranunelt. Man darf sich hierüber nicht wundern. In unserer Zeit gehr alles schnell, und so stellen sich auch die Nachtheile und das Gift irgend Liner Erscheinung rasch vor die Augen. Nebel und Tunst halten nicht lange vor, daS Licht der Erkenntniß und der Wirklichkeit fällt bald hinein; was die Erstere allein nicht vermag, ergänzt und richtet die Zweite Man kann sagen, daß ein wahrer Alp von uns genommen ist, und Alles wieder ansathmet, was Bildung, Wissenschaft, Religion und Sittlichkeit zu seinem Lebensodem hat. Sicherlich geht der Gedanke des Associationswesens darum nicht verloren; aber cs mußte gereinigt und gemäßigt werden, um sich nicht für immer anrüchig zu machen. Cöltt, kl. Mai. t Privatmitth. t Sie haben in den Leitartikeln Nr. 17 und 19 die Lügenhaftigkeit des wiener „Vaterlandes" erwiesen. Ties Geschäft machen die ulttamontancn Blätter nicht schwer. So brachte jüngst die „Eöln. Ztg." einen kleinen Auszug aus dem Hauptblatte deö UltramoutauiSmuS, dem Univerö, rer in Paris erscheint, dem Blatte des berüchtigten Louis Beuillot, über cölner Zustände. Die Hauptaufgabe deS Artikels — die ultramontancn Organe arbeiten nach der Schablone, nach ausgegebencn Losungsworten — war auch in Eöln, die Juden als Urheber und Träger der allkatholischen Bewegung zu bezeichnen, während doch alle Welt weiß, daß nicht allein die : j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.