Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1873)
- Date
- 1873-05-27
- Page
- Seite 355 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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355 deren Träger zwar nicht im strengsten Sinne des Wortes zeitgenössisch waren, doch aber nahe gering, um sie nach inneren Beziehungen zusammen zu stellen: Flavins Josephus und Rabbi Akiba. Der Erstere zeigt uns jenen großen Theil des damaligen Volkes, welcher den Kampf gegen die Röiuer scheute, sich willig in die Zerstreuung begab, in die Verhältnisse fügte, und, was auch seine innere Stirnrnung sein mochte, den Römern huldigte. Immerhin für den Bestand der Religion urrd des besiegten Stammes voll Eifers, nahm doch Josephus Sprache und Sitte des Siegers an, trat in dessen Dienste, und brachte ihm Ovationen dar. Ganz entgegengesetzt Akiba, der, von jenem Enthusiasmus begeistert, welcher aus dem flammenden Tempel die silbernen Priesterstühle aus die Köpfe der anstürmendcn Römer schleuderte, das Schwert der Freiheit in der einen, und die Fackel der Lehre in der anderen Hand trug, einerseits der Entwickelung des traditionellen Gesetzes neue Bahnen crösfncte, und deren lange Zukunft bestimmend vorbereitete, andererseits dem letzten Freiheitskampfe des jüdischen Volkes unter Bar - Kochba Förderer und Mitstreiter war, und den Märtyrertod dafür erlitt. Dies waren die beiden Strömungen im jüdischen Volke, und beredtere Vertreter derselben können wir nicht finden. -Josephus wirkt an dem Bestände des Volkes, mit, aber seine geistige Wirsamkeit liegt zumeist doch außerhalb desselben. Akiba trägt an dein zeitweiligen Unglücke des Volkes seine Schuld mit, aber seine geistige Wirksamkeit war unermeßlich belclend, und ward dem geistigen Bestände der Glaubensgenosseuschaft zu großer Hülse und dauerndem Werthe. — Was hier mehr in politischer Beziehung, und in getrennten Personen, das gewahreil wir auch bisweilen in einer und derselben Persönlichkeit: zwei verschiedene Strömungen, ihrer Statur nach eher entgegengesetzt, als zur Ausgleichung geeignet, trotz aller Bemühung unvermittelt, oder doch nur scheinbar vermittelt, in einem und demselben Geiste, Strömungen, wie sie eben neben einander in den Zeitgenossen, und weithin in den nachfolgenden Geschlechtern, vorhanden waren. Als großartiges Beispiel hiervon steht Maimonides vor uns, mit seiner genialen Bearbeitung des traditionellen Stoffes, und mit seiner aristotelischen Philosophie, die er in Metaphysik, Psychologie und Logik in seiner Weise durcharbeitete. Wir brauchen nicht zu sagen, welchen Anklang er nach beiden Richtungen fand, und wie dennoch Dies nicht ohne eine liefe Spaltung und mannichfaltigc Kämpfe vor sich ging. Ein Gleiches haben wir ja auch in Mendelssohn, dem der Versuch der Vermittelung in seinem „Jerusalem", so geistreich und blendend er auch war, nicht gelang. Diese Beispiele aus Religion und Philosophie genügen, um die geschichtliche Erkenmniß über das Verhältnis; der Persönlichkeiten zu den geschichtlichen Phasen zu erweisen. Diese großen Entwickelungsphasen bilden sich aus der Bewegung rer Geister heraus, welche die Erscheinungen bald langsamer, bald rascher vorbereitet, zum 'Durchbruche bringt und gestaltet. Diese Bewegung siudet dann ihren durchdringenden Ausdruck in einer bedeutend angelegten Persönlichkeit, oder in mehreren solchen, welche mm wesentlich beitragen, die Erscheinung sichtbar zu machen, zur festen Gestaltung zu bringen und zu einem geschichtlichen Factor heranSzubilden. Auf dem Grunde dieser Erkenntnis; wollen wir nun an die Beantwortung unserer Fragen treten. Die moabitischen Funde. Wir haben auch unsererseits einen, freilich unverschuldeten, Jrrthum gmznmachcn. Jedermann erinnert sich des wichtigen Fundes eines mit Inschriften versehenen Steines, der im moabitischen Gebiete, östlich vom todten Meere, gefunden worden ist, so gerechtes Erstaunen, aber auch so vielfachen Streit der Gelehrten hinsichtlich der Erklärung erregt hat. Vor einiger Zeit nun wurden aus demselben Gebiete verschiedene -Thontäfelchen, Scherben, mit und ohne Inschriften in phönicischen Lettern, Figuren, ganz oder Stücke, Urnen :c. nach Jerusalem gebracht, und zwar zu einem dortigen Bücher- und Antiquitätenhändler Schapira, und einige von diesen nach Berlin gesandt. Die berliner Fachmänner erklärten diese Thonstücke als gefälscht, und nahmen die Existenz einer solchen Fälschungssabrik, deren Haupt der genannte Schapira sei, in Jerusalem an. Die spenersche Zeitung, mw nach ihr andere, brachten hierüber äußerst scharfe Artikel. Hierzu kam, daß zwei Expeditionen von Engländern, die kurz vorher nach Moab stattgefunden hatten, daselbst nirgends selche Thonstücke gesehen und erhalten hatten. Auch erklärte der bekannte, in Arabien viel gereiste Herr von Maltzan, daß er Richts von Derartigem gehört habe. Diesen so bestimmt auftretcnten Erklärungen schrieben wir denn auch eine Notiz in diesem Blatte nach. Run, die berliner Gelehrten haben sich schon öfter geirrt; man erinnert sich des bekannten Falles mit einem gewissen Sinionides, der die berliner Akademie mit griechischen, selbst fabrieirlen Manuscripten getäuscht hat. Vielleicht war dies ein Motiv mit, bei den moabitischen Antiquitäten in'S Gegentheil zu verfallen. Wir erhalten nämlich in der „Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft" Band *2C>, Heft 1, einen Bericht aus Jerusalem, welcher die Autemhieität der Thonstücke unzweifelhaft erweist. Zunächst besteht in ganz Palästina keine Töpferei, die solche Kunstgegenstänre hervorzubringen befähigt wäre. Tie Bearbeitung des Thones steht dort noch auf der untersten Stufe. Am Wenigsten aber vermöchten dies die Beduinen, welche gar keine Thongerälhe im Gebrauche haben, und sie auch nicht zu fertigen verstehen. Und doch haben Beduinen diese Thonslücke