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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-27 · Heft 22 (27.5.1873) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 22 (27.5.1873)
Date
1873-05-27
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
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354 zurückgekommen. Man hat erkannt, daß in der Geschichte, wie in der Natur, Nichts im Sprunge geschieht, Nichts plötzlich wie ein Deus ex maelünu erscheint, sondern sich Alles vorbereitet, entwickelt, und wenn es reif geworden ist, in die Erscheinung tritt, sich dann in einem Geschlcchte oder einer Persönlichkeit gewissermaßen coneentrirt, durchbricht, darstellt. Die einzelne Persönlichkeit ist der Repräsentant der Richtung seiner Zeit, und steht auf der Grundlage, welche die vorhergegangcne geschaffen hat. Naturgemäß giebt dieselbe dieser Richtung das Gepräge ihrer individuellen Eigeuthümlichkeit, welches die spätere Zeit schneller oder langsamer wieder abstreist. Auch kommt es aus die Intensität dieser Persönlichkeit an, wie weit sie in die Zukunft hinaus zu greifen vermag, oder der Beschränktheit ihrer Zeit angehört. In letzterem Falle wird sie für diese um so wirksamer unk eingreifender sein, während im ersteren sie von ihrer Gegenwart weniger verstanden, isolin, meist verfolgt und verurtheilt dastehcn wird. Aber keine menschliche Größe, die nicht den Ursprung ihres Wesens in der ihr voraufgegangenen Zeit, ihre wesentliche Gestaltung in ihrer Gegenwart hat, und somit nur der Träger Dessen ist, waS in ihrer Mitwelt lebt. Sie hat mindestens so viel Anderen zu verdanken, als man ihr selbst zu verdanken hat. Die Duelle der unermeßlichen Wirksamkeit auch der größten Persönlichkeit liegt daher nicht sowohl in deren eigener Schöpferkraft, als in der Beschaffenheit, Geisteörichtung und den Zuständen ihrer Zeit. Denken wir uns diese Persönlichkeit in einer anderen Zeit lebend und sie würde entweder gar keine oder doch eine sehr verschiedene Wirksamkeit finden. Um uns dies recht anschaulich zu machen, versetzen wir uns einen Augenblick auf ein benachbartes Gebiet, und zwar auf das, auf welchen! die Individualität vorzugsweise zu walten scheint, die Philosophie. Auch hier drängt es sich uns auf, daß die hervorragendsten Philosophen, bei aller Entfaltung ihres persönlichen Wesens, doch nur Träger und Ausdruck des Geistes ihrer Zeit sind. Stellt uns nicht Kant Las Bild des Rationalismus in seinen tiefsten Zügen dar, welcher der zweiten Hälfte des vorigen IahrhundcrteS einwohnte, der Alles begreifen und erwiesen haben wollte, dennoch aber Voraussetzungen zur Grundlage nahm, die er als eingeborene Ireeen des Menschen anerkannte? Zeugt nicht Fichte von dem Verfalle der staatlichen Gesellschaft unter dem Joche brutaler Militärgewalt, in welchem die Rettung nur durch die Energie der Individuen, die, in sich gekrästigt, sich zusamluenschaaren, gefunden werden konnte? Was Anderes bietet nnS Schellings Naturphilosophie, als den Charakter einer UebcrgaugSzeit, in welcher die erwachten ^Naturwissenschaften ihre Selbstständigkeit anstrcbten, die Philosophie den Verlust ihrer vom Thatsächlichen losgelösten Selbstständigkeit ahnte, und zugleich eine ungezügelte Romantik ihr Spiel trieb? Dahingegen drückt Hegel doch nur jenen Servilismus — wir wünschten allerdings, einen milderen Ausdruck zu haben — aus, der den heimlichen Liberalismus durch das Anschmiegen und Guthcißcn des Vorhandenen und Herrschenden zu bemänteln suchte; und mit Recht wird man Schopenhauer als den Ausdruck jener Trostlosigkeit ansehen können, welche sich, nach dem scheinbaren Scheitern des sogenannten Völkerfrühlings im Jahre 1818, und unter der unbestrittenen Herrschaft der Reaction, fühlender Geister bemächtigte. Wir haben diese Beispiele aus der jüngsten Zeit gewählt^ weil das Verstänrniß derselben uns noch so nahe liegt. Aber auf unserem eigenen Gebiete sind dergleichen Erscheinungen gar viele. Daß gerade auf Diesem der Satz, daß jede hervorragende Persönlichkeit doch nur in dem Boden der Vergangenheit wurzelt, überall seine Bestätigung findet, leuchtet von selbst ein, da man sich im Iudeuthume stets nur um die Behandlung des tradirlen Stoffes bewegen konnte. Wir sehen hier großartige Persönlichkeiten, die ihr Leben und ihre ganze Kraft auf einen, für ihre Zeit erfolglosen, Kamps verwendeten, weil ihnen die Strömung in ihren Zeitgenossen entgegen war. Wir sehen hingegen andere Männer, die an Geistessülle und Geistestiefe Jenen nicht gleichkamen, eine Wirkung auf ihre Zeit nicht allein-, sondern auf eine lange Entwickelung üben, weil sie eben mit rer Richtung und den Anlagen des sie umgebenden Geschlechtes völlig übereinstiunnen. Erinnern wir uns z. B. an die heroische Gestalt Ieremia's, der an Höhe der Gedanken, an Tiefe der Gefühle, an Fülle und Kraft des Ausdruckes, und selbst an Consequenz und Ausdauer, so erhaben vor uns steht, und der doch Alles über sein Volk und sich hereiusiürzen sah, was er durch viele Jahrzehnte hindurch mit Aufopferung seiner selbst bekätupft hatte, ja nicht einnial die geretteten kleinen Reste des Volkes abhalten konnte, nach Aegypten zu fliehen. Und ihm gegenüber stellen wir Esra, der bei aller Vortrefflichkert, so weit wir nach Dem urtheilen können, was uns von ihm übrig geblieben ist, sich, an Geist nüt Ieremia verglichen, nicht über das Niveau der Mittelmäßigkeit erhob, und doch nicht blos aus sein zeitgenössisches Geschlecht, sondern auch auf das ganze spätere Judenthum bis heute einen so wunderbaren Einfluß übte, daß man ihn oft genug mit Moses verglichen hat. Wir haben hierfür eben nur die Erklärung, daß in ihm rer ganze Pulsschlag seines Volkes, der Bedürfnisse, des Verlangens und der Geiftesrichtnug des aus dem Exile nach dem zertrümmerten Jerusalem zurückgekehrten Volkes schlug, daß alle Fibern seines Herzens und Geistes von Der» bewegt waren, wonach das Volk sich sehnte, und was eS als daö Gesetz seines LebeuS ahnte. Daher der Gehorsam, den er in sehr schwierigen Momenten und Fragen des Volkslebens fand, die willige Folge in allen Einrichtungen, die er traf, und die sofort die festesten Wurzeln i:u fruchtbarsten Boden schlugen. — Auch Das können wir uns deutlich machen, daß zu Zeiten, wo sich verschiedene, ja entgegengesetzte Strömungen im Volke vorsinden, auch ganz verschiedene Persönlichkeiten von großer Bedeutung neben einander erscheinen. Wir heben hier ein Paar solcher Namen hervor,

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