Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1873)
- Date
- 1873-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Ein »»Mtciischcs Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner 1>r. Ludwig Pljilippson in Bonn. Vertag von Baumgärtncr's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zcitun-, erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2 lj-> Bogen. Preis Ltierten>ihri.q I Thlr. Inserate werden mit - yljjr. für die Petii;eitc oder deren Raum berechnet. Alle Buchliandlungen, Postämter und Zeitnnas-Expeditionen nehmen BestcUnugcn an. In redactioncllen Angelegenheiten wende man sich an l>r. C. yiiiliwfon in Bonn; binstchlliw dco 2ie;ngo und der Inieratcan onumyärlnrr's r'-uchlinn-Iuny ind'eipzig. Znirräle. welche bis Donnerstag eingcdcn, finden inderraraufsolgcnden llkun'.iner Berüelsi^ligung. 37. Jahrgang. Leipzig, beit 27. Alm >873. J\? 22. 3nl|nll. Leitende Artikel: Eine gelchichllichc Erkenn,nisj. - 3>k meadiliichcn Äirah-. - i'iech einmal -,nr ««cichichic d-S jiidiichcu CalenderS. — Zcitungsuachrichten: Deutschland: Berlin, Cöln, Schwerin sMedlenbiiral, Meiningen, Posen. Bonn. - Ocstreichisch^ ungarische Monarchie: Kroilichan, Pest, Aus Gallien.-— Frankreich: Paris. — Gro ßbri lanni en: London. — Serbien: Pest. — Nnßlarid: Kiew. — Algerien: Wien. - Feuilleton: Rabbi Akiba. — BermischtcS. e§cr!<:r:e)c. Bonn, 2l. Mai. Eine geschichtliche Erkenntnis;. Nichts ist auffallender, als die Verschiedenheit in den Zeitaltern, wenn man den religiösen Geist, die Auffassung der Religion in ihnen beobachtet. Wir gewahren da Epochen, in welchen die Religion die Geister völlig erfüllte und beherrschte, wo sie daS vorwiegende geistige Element war, und den Lorder- und Hauptraum des Lebens einnahm. Die Lehren der Religion wurden, wie sie sich auch unter dem Einflüsse der Zeiten gestaltet hatten, mit der vollsten Uebcrzeugung festgehalten, und die Satzungen derselben mit äußerster Gewissenhaftigkeit in Ausübung gebracht. Kein Zweifel an die Ersteren kam in den Seelen auf. Jede Uebertretung der Letzteren ward als eine schwere Sünde gegen Gott erachtet und gescheut. Ja, mit großem Eifer wurden diese Satzungen imnrer mehr über alle Zweige des geistigen und des wirklichen Lebens ausgedehnt, die gottesdienstlichen Eeremonieen und Gebete vermehrt und aufgehäust. Ein anderes Zeitalter: welcher Gegensatz! Völlige Gleichgültigkeit gegen die Religion, mit welcher man den Zusammenhang nur ncd> durch schwache Fäden erhält; ihre Lehren bekrittelt, bezweifelt, angefochten, wenn nicht noch mehr; ihre Satzungen außer Acht gelassen, und immer mehr ans dem Leben verdrängt. Dazwischen wieder Perioden, in welchen man der Religion, wie man sie überkommen hatte, treu anhänglich blieb, aber die Perstandesbildung verlangt bereits, ihre Lehren zum Perständnisse, zur Begründung auf rationellem Wege zu bringen, n»d die Verpstichtung zu den Satzungen zu untersuchen. Ties Alles nun in den mannichfaltigsten Nuaneirnngen, Zeiten, wo die geschilderten Zustände neben einander bestehen, und hierdurch Verwirrung, Gegensatz und Kampf entstehen. Auch zeigt uns die Geschichte, daß derartige Epochen nicht etwa in bestimmter "Reihe auf einander folgten, sondern sich öfter wiederholten, daß wir namentlich im Judemhnme schon oft Zeiten der strengsten Orthodoxie mit solchen der laxen Observanz, der Strenggläubigkeit mit selchen der Ungläubigkeit abwechseln sahen, und zwar als unser Stamm noch im heiligen Lande wohnte, und nachdem er über die Erdoberfläche zerstreut ward. Wir fragen uns da sicherlich: woher kommt Dies? welche sind die Ursachen dieses Wandels? — Lange Zeit, so lange nämlich die Geschichte sich mit Rainen und Zahlen und eonstatirten Daten begnügte, pflegte man diesen religiösen Wandel an bestimmte Namen zu knüpfen, und hervorragende Persönlichkeiten als die Urheber dieses Umschwunges zu bezeichnen, wie man denn auch in der Geschichte die Perioden nach den 'Namen Einzelner zu benennen pflegte. Es ist dies sehr bequem, und man hatte hierdurch Veranlassung, alles Lob oder allen Tadel ans Ein Haupt zu häufen, und der Masse zuzurusen : Ties ist euer Idol. Sache und Person wurden in einander gemengt, und die erstere durch die letztere geheiligt oder gebrandmarkt. Bon diesem Wege ist die Geschichte, wie sie in unserer Zeit nach einem tieferen Verständnisse der Vergangenheit und ihrer Erscheinungen strebt.