Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-20 · Heft 21 (20.5.1873) · p. Seite 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 21 (20.5.1873)
Date
1873-05-20
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226928--31675-3254605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

348 Leben hinfort ohne Zweck und Inhalt sei. Dennoch klammerte Ich konnte daran anknüpfen, um ihm Beruhigung in das vielich mich in diesem Augenblicke an das nächste Geschäft, die Leiche des hingemordeten Kindes aus den Händen der Gewaltthätigen zu erhalten, und ihm eine letzte Ruhestätte zu bereiten. Mit Hülfe des Herrn Altari brachten wir die Leiche hierher, und begruben sie auf der Höhe des alten Friedhofes. Biele Thränen fast der ganzen Bevölkerung Porlezza's flössen au der Gruft. Ich errichtete dem Unvergeßlichen den Denkstein, und pflanzte mit eigenen Händen die Trauerweide. Bald aber erforderte meine ganze Sorge und Pflege Grazia's Zustand. Sie glich jetzt ihrer Mutter in deren letzten Lebensmonden. Ihr Köpfchen neigte sich zur Seite, ihre Gestalt verfiel, ihre Brust sank ein. Sie war wieder das zarte Bäumchen, das in der ersten Blüthenpracht mit seinen Wurzeln auf felsiges Gestein getroffen hat. Nach einiger Zeit hauchte sie ihren letzten Seufzer in meinen Armen aus. Als ihr Auge gebrochen war, flüsterten die bleichen Lippen noch einmal: Giacomo! ... Dennoch kehrte ich auch von ihrem Grabe nach diesem Hause zurück. Samuele mochte mich nicht entlassen, denn ich kannte alle seine Geheimnisse, war mit seinen Gewohnheiten vertraut und, was vielleicht Alles überwog, ich erhielt keinen Lohn für meine Dienste. Ich zählte ihm zwar oft genug vor, was ich an ihn zu fordern hätte, ich hielt genaue Rechnung darüber, über Capital und Zinsen, aber ich forderte es nicht. Ich selbst hatte ja hier allein die Stätte aller meiner Erinnerungen, der glücklichen wie der trübseligen, von denen ich noch lebte, ich hatte aber auch hier die Stätte meines Hasses und meiner Rache. Ich war diesem Frevler die lebendige und stete Mahnung an seine Verbrechen, daß er sie niemals vergesse. Die Speise, die ich ihm brachte, verwünschte ich zu Galle, und er las dies in meinen Zügen; den Wein, den ich ihm reichte, verwünschte ich ihm zu Gift, und er sah dies aus meinen Blicken. So lebten wir noch dreiundzwanzig Jahre mit einander. Tie Strafe kaut über ihn. Die Geister Derer, die er gemordet hatte, umringten ihn. Oft hörte ich ihn mitten in den Nächten aufschreien und jammern. Anfangs eilte ich an fein Lager, um mich au seinen Qualen zu trösten. Da ich aber sah, daß dies seine Aengste verminderte, blieb ich fort, und überließ ihn den Schreckcnsbildern seines aufgeregten Gewissens. Niemals stieg er diese Treppe wieder hinan, niemals betrat er diese Kammer wieder. Jetzt — jetzt steht er vor feinem Vater Emmanuele, der ihn fragt: Was hast du meinem Lelio gethan? Was hast du mit Giacomo und Grazia begonnen? Und hinter Emmanuele steht der höchste Richter und — doch was darf eine sündige Creatur — denn es ist, wie die Schrift sagt, kein Mensch, der nicht sündigt — was darf sie sagen, was dieser dem Geiste eines Bruder- und Kindeömörders thue. . . Isacco Halle sich aus seiner» Schmerze zu einem Asfcclc gehoben, der ihn darüber hinweg führte. Ich sah dies gern. geprüfte Herz, so viel ich vermochte, zu schassen. Er fragte uiich viel über Gott, Mensch und Unsterblichkeit. Ich war glücklich, ihm aus meiner innersten Ueberzeugung, ans meinem Glauben, Wissen und Forschen bestätigen zu können, was in ihm selbst lebte, nur unklar und unbewußt. Da kam die Stunde des Abschiedes. Er begleitete mich nach dem Hafen. Er versprach mir, wenn er irgend in Bedrängniß käme, sich an mich zu wenden, ich würde kommen uSb helfen, wie ich es vermöchte. Ich legte hierzu meine Karte in seine Hand. Dann bestieg ich das Schiff; eine Zeit lang sah ich die hagere gebeugte Gestalt noch am User stehen; daun wandte er sich zur Stadt zurück, und eilte davon. Er hatte ja noch einen Todten zu begraben. Zwanzig Jahre sind seitdem verflossen. Meine Reisen führten mich nicht wieder nach Oberitalien, und ich hörte Nichts aus Porlezza. Ich hätte mich wohl nicht veranlaßt gesunden, Obiges niederznschreiben, wenn nicht vor Kurzem ein Freund mich um einen Reiseplan nach den oberitalienischen Seeen gebeten hätte, wobei ich ihm zur Pflicht machte, > Porlezza zu besuchen, und einige Nachforschungen über Das zu halten, was ich früher dort gefunden hatte. Er berichtete mir. In Porlezza fand er die Strada di Ghetto noch, aber das alte Haus und die Synagoge waren verschwunden. Dafür war ein neues HauS vorn in die Ltraßenlinie getreten, ein Haus wie alle anderen. Von den Basses wußte ihm Keiner mehr zg sagen. Den alten Friedhof tonnte er nur nach vieler Mühe ausfinden. Er war gar ganz verwildert, von dornigem Gestrüppe überwachsen; kaum daß er im höchsten Winkel Spuren dreier Gräber herauserkennen tonnte, auf denen Trümmer zerbrochener Denksteine lagen. Ein Weinbauer in der Uingegeud theilte ihm mit, daß in dieser Gegend 18','.« ein hartnäckiges Gefecht zwischen Freischärlern Garibaldi's und östreichischen Soldaten stattgefunden habe. Der Tod macht Alles schnell vergessen; nur was mitten im Verkehre des Lebens steht, bleibt erhallen. Von den Juden in Porlezza ist keine Spur übrig, aber an der Straßenecke prangt noch immer der Name: Strada di Ghetto! Vermischtes. (Israelitisches T a u b st u m m e n i n st i tu t.) Dieser Tage fand in London eine Generalversammlung der Leiter und Förderer des Taubstummeninstitutes im Hause der Anstalt statt. Der Rechenschaftsbericht, welcher verlesen wurde, wies ein Einkommen von 17ü 1 Pfo. St. und eine Ausgabe von 1708 Pso. St., somit eitlen Ueberschuß von 83 Psd. St. nach. Das Interesse der Wohlthäter an diesem Institute nimmt, wie wir der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.