Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1873)
- Date
- 1873-05-20
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
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347 Fürsprache bewegen, ich mußte ihn befreien. Zch packte ein Bündelchen zusammen, schützte bei Grazia Etwas vor, ich weiß nicht mehr was, und verließ HauS und Stadt. Was ging mich Samuele an? Zch fragte nicht nach seiner Erlaubniß. Die Eitadette von Mailand war mein Ziel. Diese barg das kostbare Kleinod, das ich ihr wieder entreißen mußte. Zch «änderte rüstig auf der Straße seit; dann und wann benutzte ich einen Wagen, den ich auf der Straße traf; ich rastete kaum die Zeit, derer ich bedurfte, um mich aufrecht zu erhalten; die Furcht, du kommst zu spät, trieb mich rastlos vorwärts. Am dritten Tage laugte ich in Mailand an, und eilte, soviel ich noch vermochte, zu dem Thore der Eitadelle. Zch bat uni Einlaß, ich wollte den Ofsicier sprechen, der darin befehligte. Doch die Schildwache ließ mich nicht ein; sie verstand meine Worte und mein Flehen nicht, denn sie war ein Deutscher, und als ich mich zur Zugbrücke drängte, stieß sie mir den Kolben in die Seite, daß ich zu Boden taumelte. Zch war in Verzweiflung; ich hätte mich am Liebsten mit der Brust auf das Bajonett gestürzt, aber was hätte dies Giaeomo geholfen? Zch raffte mich auf, und schleppte mich in die nächste Straße der Stadt zurück. Aber ich konnte nicht weiter, und sank auf die Steinstufcn eines großen Hauses nieder. Da saß ich, den Kopf in die Hände gestützt, starr in's Leere blickend, von Zeit zu Zeit rang sich ein Stöhnen aus meiner Brust, ein Thräneustrom aus meinen Augen. Da trat ein Mann vor mich, und sah mich einige Augenblicke an; dann sprach er mit sanfter Stimme, aus der ein warmes Mitgefühl mir entgegen klang: „WaS ist Euch, Mann? Was habt Ihr? Worüber jammert Zhr? Was ist Euch begegnet, daß Ihr dermaßen klagt und niedergeschlagen seid? Seid Zhr krank? Leidet Ihr Mangel?" Zch blickte auf, es war ein stattlicher wohlgekleidctcr Mann bei Zähren, und aus seinem Antlitze blickte mir Theilnahme und Wohlwollen entgegen. Aber ich konnte nicht antworten, die Kehle war mir wie zugeschnürt. Ich blickte ihn nur an, aber meine kummervollen Züge und meine vernachlässigte Kleidung sprachen wohl beredter zu ihm, als mein Wort. Er ergriff meine Hand, und sprach: „Was Schweres hat Euch betroffen! seid Zhr nicht ein Zsraelit? Habt Vertrauen zu mir, ich bin eS auch. Tech kommt mit mir in mein Haus, da tbeilt Ihr mir mit, was Euch drückt." Zch felgte ihm in das Haus, aus dessen Stufen ich gesesien hatte. Es kam mir vor, als ob der Herr einen Engel mir gesandt hätte zur Rettung meines Giaeomo. Es ist wahr, der Ertrinkende greift nach einem Reis, das aus der Oberfläche des Wassers schwinuut. Er führte mich in ein reich geschniücktes Zimmer, ließ mich nicdersitzen, und reichte wir ein Glas Wein. Zch kam aus meiner Erstarrung zu mir, ich konnte wieder sprechen, und begann ihm zu erzählen, Alles, Alles zu erzählen. Kaum hatte ich ihm den Ort und die Familie genannt, woher ich käme, als er ausrief: „Da seid Zhr wohl Jsacco, der Diener der Basso's? Zch kannte Lelio wohl; ich war in Euerem Hause, als Emmanuele noch lebte. Später war Lelio öfter bei mir in Geschäften; waS für ein herrlicher Mensch er war! Die Nachricht seines TodeS betrübte mich tief. Doch erzählt, Zsacco!" ZedeS seiner Worte ist mir treu in der Seele geblieben, denn sie hallten in ihr wieder, und regten mich wie neubelebend an. Zch berichtete ihm in der Kürze "Alles, was vorgegangcn war. Aber er wurde, wie ich weiter erzählte, immer trauriger, und als ich geendet hatte, schüttelte er das Haupt und sagte mit wehmulhsvollem Tone: „Die Sache ist wenig tröstlich, guter Zsacco. Wer in diese Hände fällt, ist verloren. Sie sind Tiger, die nach Beute lechzen. Sie wollen ein Exempel statuiren, und da kommt eö ihnen wenig darauf an, ob schuldig oder.unschuldig. Nur ein Wunder kann den armen Jüngling retten. Doch vielleicht geschieht eö. Zch will es versuchen. Der Platzeommandant der Eitadelle ist mir wohlbekannt. Er ist mir Dank schuldig, da ich ihm nicht selten aus Geldverlegenheiten geholfen habe. Aber was mehr sagen will, er wird mich in Zukunft noch öfter brauchen. Zch will zu ihm eilen, will sehen, was sich thun läßt, wenigstens einen Aufschub will ich erbitten, und man kann sich dann nach Wien -wenden. Bleibt hier, Zsacco, und harret meiner Rückkehr." Das war eine lange, lange Stutlde; jede Seeunde ein Eislrepfen, der in mein glühendes Herz siel, und es immer mehr erstarren -machte. Aber auch sie ging vorüber, und Signor Altari kehrte zurück. Sein Aussehen verkündete mir nichts Gutes. Seine Stimme klang heiser, als er anhob: „Macht Euch auf das Schlimmste gefaßt, Zsacco. Es ist vorüber. Gestern wurden die Männer ans Porlezza vor das Kriegsgericht geführt. Zwei Stunden später war ihr Urtheil gefällt. Heute früh sind sie, von den Schüssen der kaiserlichen Musketiere durchbohrt, gefallen. Es war aut gezielt worden, sie hatten ihr Leben schnell ausgeathmet. Ta\x eine Gunst habe ich erlangt. Der Leichnam des armen Giaeomo soll uns auögeliefert werden, damit wir ihn nach den Vorschriften unserer Religion bestatten können. Zch erlangte dies nur dadurch, daß ich den Eouuuandauten fast fußfällig bat, sich den Urtheilsspruch über Giaeomo Basso kommen zu lassen und einen Einblick in ihn zu thun. Zch that ihn mit ihm. Der arme Knabe! Er fiel durch — die Denünciation seines Oheims Samuele! Unglücklicherweise fand man in seinem Zimmer einige Flugschriften zweifelhaften Znhaltes. Dies genügte, um ihn der Bermtheilung auheimfallen zu lassen. Böse, böse Zeiten! wann werdet ihr enden?" . . . Wie ist es möglich, Signor, fuhr Zsacco nach einigem Stillschweigen fort, daß der Mensch solche Stunden überlebt? Nicht vorher würde er es begreifen, und nicht nachher begreift er es . . . In meinem bodenlosen Schmerze über diesen grausamen Tod Giaeomo's fühlte ich dennoch zugleich, daß auch das Schiff meines Lebens hieran gescheitert und zertrümmert, daß mein 21*