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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-20 · Heft 21 (20.5.1873) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 21 (20.5.1873)
Date
1873-05-20
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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315 Judenfamilien in Mesopotamien reicht urkundlich weiter in die Borzeit hinauf, als diejenige der ältesten europäischen Adelssamilien, denn während diese nur in seltenen Fällen den Ursprung ihres Geschlechtes bis auf die Kreuzzüge znrückführen können, reicht der noch erhaltene Stammbaum mancher dieser Judenfamilien bis in die Tage jener großen weltberühmten babylonischen Gefangenschaft zurück, wo sie weinten und wehklagten „an den Wasserbächen Babylons." In Bagdad und Basra leben ihrer viele Hunderte, genügsame fleißige Handwerker, Krämer und Bauern, welche ihre muhammedanischen Nachbarn au Sittlichkeit und Bildung wie an Zuverlässigkeit und Achtbarkeit weit überragen, linb sich nicht mit anderen Volksstämmen vermischen. In der Stadt Hilleh, zunächst bei den Ruinen des alten Babylon, zählt man noch eine Gemeinde von etwa .‘5000 Seelen solcher Israeliten, die nach verbrieften Ueberlieferungen die direeten Nachkömmlinge jener alten Stämme sind, welche Nebukadnezar gewaltsam aus Palästina nach den Ufern des Euphrats verpflanzte. Sie sind nach der Aufhebung der Gefangenschaft nicht mehr nach ihrer vorigen Heimath zurückgcwandert, sondern haben sich in diesem alten Ehaldäa heimisch gefühlt, und sind gern zurückgeblieben, denn es war für sie ein geweiheter Boren durch die Gräber Esra's und des Propheten Ezechiel. Jahrtausende lang unter dem herbsten äußeren Drucke lebend, haben sie sich ihre Sprache und ihren Glauben, sowie ihre Bildung, rein und unvermischt erhalten und sich unter einander brüderlich gestützt, und den Stamm ihrer Bedränger überlebt. Im Verkehre mit den Muhammedanern ihrer Umgebung haben sie von diesen nur die eine Sitte angenommen, daß ihre Weiber und Töchter verschleiert gehen, und sich nicht häufig öffentlich sehen lassen. Wie arm und gedrückt sie auch sind, so pflegen sic doch ein musterhaftes, liebreiches, wahrhaft patriarchalisches Familienleben, und suchen ihren Kindern eine möglichst sorgfältige Erziehung zu geben, denn man findet beinahe keine Männer unter ihnen, welche nicht des Lesens und Schreibens kundig wären und irgend ein Handwerk verstünden. Trotz aller Verachtung und allem Drucke, der noch heutzutage auf ihnen liegt, und sie zu Armuth und Kriecherei verdanuut, sind sie ihrem Glauben treu geblieben, und haben sich ihre Körperschönheil und seltene Kraft erhalten. Sie leben meist nur von Pflanzenkost und Milch, und sind scheu und mißtrauisch gegen Fremde, obschon dienstfertig uu, Geld, und die besten Dolmetscher und Factore für die Reisenden, jedoch zurückhaltend über Alles, was ihre eigene Geschichte und Lage betrifft. Ihre Rabbiner sollen angeblich noch immer die Annalen ihrer Geschichte sortführen, und im Besitze merkwürdiger Handschriften und Aufzeichnungen aus ferner Vorzeit sein, welche wohl der Mühe verlohnen dürften, daß einmal ein europäischer Gelehrter sich dort unter ihnen einbürgern, und diese wichtigen literarischen Schätzen heben würde. lDer vor einigen Jahren verstorbene Reisende Benjamin II wollte von solchen Aufzeichnungen gelehrter Rabbiner jener Gegenden Nichts wissen, und stellte überhaupt die Gelehrsamkeit derselben nicht hoch. Redaction.) Aegvpten. Kairo, im April. Englische und französische jüdische Blätter erzählen ausführlich die Geschichte eines jungen Menschen, Namens Heman, der bei den Schulbrüdern (Freres ignonmtiiisj in die Schule ging, und trotz der Bitten seiner Mutter, einer Wittwe, und der Anstrengungen einiger Freunde, die ihn sogar eine Zeit lang nach London gebracht haben, zum Ueberrritte zur katholischen Kirche bewegen wurde. Obgleich wir daS Benehmen der Schutbrüder hierbei durchaus nicht für ganz gerechtfertigt anerkennen können, so vermögen wir doch auch nicht, in die bitteren Auslassungen jener Blauer einzustimmen. Die Schulbrüder verhehlen niemals, daß sie jütische, muhammedanische und protestantische Schüler mir der offen kundigen Absicht in ihre Tchule ausnehmen, sie möglichst zum Uebertritte zu erziehen und zu bewegen. Die Aeltern müssen dies wissen, und können sich später kaum mit Recht beklagen, wenn die Väter ihren Zweck erreichen. Schlimm genug, wenn Inden mit Muhammedaner nicht für einen anderweitigen genügenden Unterricht ihrer Kinder sorgen, und sie dürfen schließlich über die Erfolge der Schulbrüder noch weniger Anklagen erheben, wenn sie jenes Unterlasten. Der junge Heman ist durch die Schnlbrüder nicht gezwungen worden, sondern hat Eifer und List in Fülle angcwender, um von seinen Verwandten los zu kommen, wozu ihm selbstverständlich die Schulbrüder die Gelegenheit verschafften. Mit dem Monarafalle ist dieser also nicht zu vergleichen; mögen unsere Glaubensgenossen die nöthige Lehre, und genügende gemeinnützige Thätigkeit, daraus ziehen. Corresponden;. Florenz, am G. Mai 1873. Die Freundlichkeit, mit rer Sie mein Schreiben vom 5. März d. I. ausgenommen haben, läßt mich ein Gleiches auch für diese Zeilen erhoffen. — Während meines Aufenthaltes in Rom vom l I. Februar bis zum 1. d. M. habe ich die Vaticana znin Theil, die Easanata, die Angelica und drei andere kleinere Sammlungen vollständig kennen gelernt. Die Resultate dieser Untersuchungen werden dazu beitragen, um Bekanntes zu ergänzen, und bisher Unbekanntes mitzutheilen, Vermuthungen zu bestätigen und Jrrthümer zu berichtigen. Für Letzteres führe ich aus einer bedeutenden Menge von Fällen nur ein Beispiel an. Der bereits mehrfach als unzuverlässig erkannte Assemani bemerkt zu Eod. 2'.» der Vaticana nach einem Schlußsätze, wie er ihn dort gelesen haben will, daß diese Handschrift einem Umith ben Asriel, welcher Schatzmeister des Königes war, angchört habe. 21

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