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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-20 · Heft 21 (20.5.1873) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 21 (20.5.1873)
Date
1873-05-20
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 freilich den in Jerusalem vorherrschenden Zuständen angemessen ist, an deren Zweckmäßigkeit jedoch viele Zweifel vorhanden sind. Wir haben also jetzt eine ganze Reihe von Unternehmungen, die sich auf das Land unserer Väter beziehen. Ein Verein für jüdische Kolonisation in Palästina, eine Ackcrbauschule in Jaffa, Errichtung von Herbergen für jüdische Pilger in Jerusalem, die Errichtung eines Hospitals und einer Schule in Safed, — und vielleicht noch mehrere, die unserer Aufmerksamkeit entgangen oder entschwunden sind. Selbstverständlich gehen über alle diese hinweg die Almosensammlungen für die Armen Jerusalems in der gewohnten Weise weiter fort. Allerdings hat die neuere Zeit in Jerusalem das rothschilosche Krankenhaus und einige Veranstaltungen Montesivre's, sowie die von L. A. Frankl gegründete lämmelsche Schule ent- und bestehen gesehen, doch haben wir genaue Berichte nur über die Thärigkeit des ersten Institutes, wie sie fast Jahr für Jahr veröffentlicht werden. Inwieweit aber andersartige Anstalten zu einer segensreichen Wirksamkeit gelangen können, ist uns nicht sicher. Tenn die übelen Zustände unter den Juden in Jerusalem, wie sie hinlänglich und unparteiisch geschildert worden sind, haben sich noch nicht im Geringsten gebessert. Ohne sagen zu wollen, daß es bei den dortigen Muhammedanern und Christen besser aussehe, muß man es doch tief beklagen, daß unter unseren Glaubensgenossen, wie sie an der heiligen Stätte wohnen und weilen, Trägheit, Unwissenheit, Bettelei und Zanksucht immer noch so vorherrschen, wie vor einem halben Jahrhunderte. Allerdings giebt es unter ihnen .auch einige tüchtige Talmudisten, und gewiß nicht wenige wahrhaft fromme Seelen. Sonst aber sind die gewöhnlichen Begleiter der Unwissenheit und Trägheit, Heuchelei und Verfolguugssucht, unter ihnen im Schwange. Es sind dies so bekannte Dinge, daß es nicht einmal des Muthcs bedarf, um sie auszusprechen, oder gar einer näheren Beweisführung. An eine Besserung ist nach menschlichem Gesichtskreise nicht zu glauben. So lange die türkische Herrschaft Syrien, Palästina und die angränzenden Länder in liefe Indolenz versunken läßt, der Verkehr stockt, das Land ringsum öde und wenig bebaut bleibt, die Beduinen bis an die Thore Jerusaleuts streifen und Besitz und Ertrag unsicher machen, so lauge die starre Orthodoxie mit flammendem Schwerte dem Volksunterrichte und der Bildung jeglichen Eingang verwehrt — so lange sind auch dort nur Almosen am Platze, und Stiftungen, die in tiefe Kategorie gehören, wie Krankenhäuser n. s. w. Betrachtet man ein Waisenhaus nur als Bersorgungsanstalt für älternlose Kinder, so reiht es sich solchen Anstalten an. Denkt rllan aber an Erziehung und Unterricht, so stoßen wir aus vielfache Bedenken. Man erinnere sich, daß Sir Moses Montesiore kaum der Excoinmunication entging, als er nicht mehr blos Almosen spenden, sondern auch gewerbliche Institute errichten wollte. Die Alliance hat cS deshalb vermieden, Schulen in Jerusalem zu begründen, wie sie in Smyrna und Damaskus gethan, und doch die nächste Veranlassung auch in Jerusalem gehabt hätte. Dies ist cs, was uns bewegt, hinsichtlich des neuen Unternehmens zu besonderer Vorsicht zu ermahnen. Denn wir haben im Vaterlande für Waisenerziehung noch so viel zu rhnu, daß für diesen Zweck in weiter Ferne, wo noch dazu die unmittelbare Einwirkung höchst erschwert wird, einzuschreiten, und große Opfer zu bringen, bedenklich erscheint. Tics veranlaßt uns, über unser Verhältniß als der Redaction dieser Ztg. zu den palästinensischen Angelegenheiten unS einmal auszusprechen. Bis zu den vierziger Jahren war, wie alle früheren Angelegenheiten, auch die Thäligkeit für unsere Glaubensgenossen au den heiligen Stätten in Verfall, und weithin in Vergessenheit gesunken. Da waren wir es, welche im Beginne der. vierziger Jahre den erlöschenden Funken von Reuem allzufachen unternahmen. Mit dem frischen Muthc, mit welchem wir in unsere publicistische Lausbahn eingetreten waren, und alle aus diesem Gebiete vorhandenen Fragen in Angriff nahmen, mit dem innigen Interesse, welches wir der Vergangenheit und der Gegenwart des Judenthumes widmeten, sahen wir auch auf das Land unserer Väter, und auf die elende Lage unserer Glaubensgenossen daselbst, und hofften, aus Besserung wirken zu können. Wir wollen nicht verschweigen, daß der nächste Anstoß von außen kam. Friedrich Wilhelm IV. hatte die Gründung eines auglicanischen Bisihumes in Jerusalem in Verbindung mit englischen Pietisten beschlossen, eine große Summe dafür bestimmt, und trug sich mit dem Gedanken, selbst einen Orden, den Cchwanenoreen, damit zu verbinden; der völlig durchsichtige Miizweck dieses Unternehmens war die Propaganda unter den Juden in Jerusalem. Mau wollte sie in daö zu errichtende Krankenhaus, in Schulen rmd Haudwerkerstätten aufnehmen, und daselbst die armen und mittellosen bekehren. Dies forderte zu einer Gegenanstalt auf, um die Armuth vor der Verlockung zum Absalle zu schützen. Unsere Absicht ging daher zunächst dahin, ein Hospital in Jerusalem zu errichten, und bis dahin durch Sammlung von Almosen dem Elende Hülfe zu bringen. Die Spalten dieser Zeitung aus jenem Jahre geben Zeugnis; von unserem eifrigen Streben und dessen Erfolgen. Das pariser Haus Rothschild stellte uns für das zu errichtende Hospital 100,000 Francs zu Gebote, und andere Spenden zu diesem Zwecke liefen ein, und wurden von dem Vorstände der braunschweiger Gemeinde zur Eassasührung übernommen. Wir waren in den Stand gesetzt, Tausende von Thalcrn nach und nach in Jerusalem zur Bertheiluug zu bringen. Wenn auch noch nicht gründlich von den dortigen Zuständen unterrichtet, wußten wir doch, auch durch unmittelbare Zuschriften belehrt, daß der bisherige Weg der Almoscuspende nur Gelegenheit zu Unterdrückung, Begünstigung und Ucbervortheilung gab, und vermieden diesen deshalb. Alööalv erhoben auch Jntrigue und Verdächtigung ihr Haupt. Man fürchtete, daß das bester unterrichtete Europa die bisherigen Agenten verkästen, und den durch Oeffentlichkeit und Offenheit

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