Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1873)
- Date
- 1873-05-20
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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339 in der Natur des jüdischen Wesens, das aus sich selbst, wie auch aus seinen geschichtlichen Verhältnissen, aus den Wegen, welche die geschichtliche Vorsehung es geführt hatte, zu allen Zeilen in der Religion sein Hauptmotiv und seine Hauptthätigkeit gefunden hatte. Schon Mendelssohn griff, nachdem er so eben bedeutende Erfolge auf dem philosophischen Gebiete erlangt hatte, die Bearbeitung des religiösen Stoffes auf, und seine Schrift- Übersetzungen, sowie sein „Jerusalem", zeugen für den Eifer seines Strebcns. Von hier ab haben wir denn eine Entwickelung zu verfolgen, welche selbstverständlich ihre verschiedenen Phasen bereits umschließt. Das reiche Leben, das sich hier entfaltete, gehört aber wesentlich Deutschland an; nur Frankreich bietet noch einige wenige Originalwcrke, während die übrigen Eulturländer nur vom jüdisch-deutschen Geiste lebten. Die alte halachische Literatur hörte wie mit einem Schlage auf; die neuhebräische Poesie blühcte zwar noch etwas auf, ohne jedoch sich als Factor des Geisteslebens geltend machen zu können: ihre Hauptaufgabe stellte sie sich in Uebersetzungen moderner Dichtungen. Das eigentliche Streben war darin enthalten, eine jüdische Religionswissenschaft zu gründen, eine wissenschaftliche jüdische Theologie herzustellen. So bildete sich eine moderne jüdische Literatur, wie sie sich einst in Alexandrien,' in Babylonien, in Spanien und Italien gebildet hatte, vorzugsweise aber mit dem Ziele, eine streng wissenschaftliche Methode einzuführen, und auf diesem Wege ein neues wissenschaftliches Resultat zu schassen. War dies die eigentliche Hauptader, die durch teil neuen Organismus stießen sollte, so versteht cs sich doch von selbst, daß diese kaum zu irgend einer Energie gelangen, vielmehr bald versiegen mußte, wenn nicht ein stark pulsirendcs Leben in dem gesammten Körper geweckt und genährt wurde. Wenn daher in den zwanziger Jahren die wissenschaftliche Methode auf dem Gebiete des Judenthumes aufkam, und ihre Wirksamkeit begann, so war es doch ein noch glücklicherer" Umstand, daß in den dreißiger Jahren auch das allgemeine Leben auf dem religiösen jüdischen Gebiete kräftig geweckt ward, die jüdische Presse erstand, und nach allen Richtungen hin ihren ^reckenden Einfluß, ihre rasch gestaltende Kraft übte. Es wurde ein weites Feld urbar gemacht, aus welchem eben so sehr daS Leben in seinen mannichfaltigen Erscheinungen, wie die Wissenschaft im strengeren Sinne, Rührung fand. In der eigenthümlichen Entfaltung unserer Zeit liegt es überhaupt, das Vedürsniß der Geistesbildung von der engeren Wissenschaft nicht zu trennen, wie dies in früheren Jahrhunderten der Fall war. Die Wissenschaft zieht aus dem allgemeinen Bildungöleben ihre besten Impulse, und oft ihren bedeutendsten Stoss, ihre zutreffendsten Gegenstände; ebenso wie wiederum die Wissenschaft ihre gültigsten Resultate sofort dem Leben zu übergeben hat. Die Wechselwirkung machte sich auf jüdischem Gebiete um so nothwendiger, als dasselbe an sich und an seinen Mitteln beschränkt ist, und sonst die Wissenschaft in Gefahr stand, Boten und Nahrung zu verlieren. Eine Erscheinung dürfen wir hierbei nicht übergehen, nämlich, daß alsbald in der jüdischen Wissenschaft sich sofort der Gefchichtstricb vorzugsweise gellend machte, und die Behandlung des Gedanken- und Lehrstoffes verdrängte. Mag dies immerhin in der Natur des Judenthumes liegen, auch darin seine Erklärung sinken, daß die Geschichte ganz und gar früher vernachlässigt worden war, und andererseits daS Judenthum vor Allem seine Existenz geschichtlich nachzuweisen und zum Verstäntniß zu bringen hatte, so deutet es doch hinwiederum auf einen Mangel an schassendem Geiste hin, der sich denn auch, namentlich in der letzten Zeit, sehr fühlbar macht. Selbst die geschichtliche Arbeit droht im Fortgang zur bloßen Gelehrsamkeit zu werden, und sich in Monographien zu verlieren, deren Zusammenhang nicht inehr erkennbar bleibt. Doch wollen wir uns hierüber heute mit dieser Wahrnehmung begnügen, da sich wohl bald Gelegenheit sinket, sie weiter auszuführen und näher zu beleuchten. Unsere Leser werden mit nns hier rasten wollen. In dem raschen Getriebe unseres gegenwärtigen Lebens ist eö von Nutzen, bisweilen Stationen zu machen, und einen Rückblick auf den zurückgelegten Weg, und auf die gefammte Flur zu werfen, die wir einnehmen, uut auf der wir streben und arbeiten. Aber zn lange darf, sich Niemand danrit aufhalten, wenn er sich nicht bald allein gelassen sehen will. Wohl, so wollen auch wir in den Ruf des Tages einstimmen: Vorwärts! —* aber mit Bewußtsein, mit voller Klarheit über den Weg, und mit der Hoffnung auf ein gedeihliches Ziel, sollte uns dies auch nicht immer wolkenlos und ohne Wetter und Sturm erscheinen. pülästittenslsche Vereine. Wie wir aus Berlin vernehmen, ist daselbst abermals ein Eomitö in der Bildung begriffen, das sich zum Zwecke die Errichtung eines Waisenhauses in Jerusalem gesetzt hat. Die Männer, welche zu diesem Zwecke zusammengetrelen sind, oder noch zusanunentreten, gehören der sogenannten streng orthodoxen Züchtung an, und wollen sich innerhalb veö Eomitü's ans diese beschränken. Selbstverständlich werden sie Geldbeiträge annehmen, ja fordern, ohne zu untersuchen, aus welchen Händen sie kommen. Wie es gegenwärtig bei den meisten solcher Geldsannnlungen zu geschehen pflegt, wird das Eomitö den Spendern den herzlichsten Dank wissen, ohne ihnen aber irgend einen Einfluß auf die Ausführung zu gewähren. Tics liegt schon als Rothwendigkeit vor, weil bei etwaiger Wahl durch die Eontribuenten leicht in das Coniito Elemente kommen könnten, die nicht gewünscht werden. Die Ausführung selbst muß nothwendig auf diese Weise eine ganz bestimmte Richtung erlangen, wie sie 2t*