Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1873)
- Date
- 1873-05-20
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226928--31665-3254595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
338 Denn die laxe Uebuug des Gesetzes in Alexandrien nnd Rom, während der ersten Jahrhunderte des Mittelalters in Westeuropa, ist viel mehr aus Unkenntniß des noch wenig außerhalb Asiens verbreiteten jüdischen Wissens, als aus Bewußtsein und mit einer gewissen religiösen Begründung entsprungen. Ganz anders ist es um das zweite Moment, um den öffentlichen Gottesdienst oder, besser gesagt, um das Gemeindeleben beschaffen. Man kann sagen, daß das Gemeindeleben bei den Juden in der neuesten Zeit, nachdem es in den zwanziger und dreißiger Jahren schwer danieder lag, einen bedeutenden Aufschwung genommen, und große Lebenskraft bewiesen hat. Nicht allein, daß die von den europäischen Gemeinden losgelösten Theile, die Einwanderer in die americanischen, australischen nnd africanischen Länder, sich trotz ihrer Lereinzelung überall wieder vereinigten, Gemeinden bildeten, Synagogen aufbauten, Begräbnißplätze anlegten, und Schulen gründeten — in den uralten Sitzen selbst wurde das Gemeintewesen überall verjüngt und umgegossen, namentlich in constitutionelle Formen gebracht (welche freilich die ursprünglichen der mittelalterlichen Jutengemeinde, aber seit langer Zeit geschwunden waren,, zahllose prächtige Synagogen gebaut, und, was von großer Bedeutung ist, die Wohlthätigkeitsanstalten verjüngt, vermehrt, und mit bedeutenden Mitteln versehen. Hierin ist die Opferwittigkeit für religiöse Zwecke nur gestiegen. Was aber diesem Allen erst den rechten Werth verleiht, das ist der Geiueiusinn, der sich in den letzten Jahrzehnten bei den Juden in einer Weise entwickelt hat, wie er sich bis dahin bei diesen noch niemals gezeigt hatte. Durch die Zerstreuung und die mittelalterliche Abschließung war er den Juden insofern ganz abhanden gekommen, als ein Jeder sich nur um das Weichbild seiner Gemeinde kümmerte, und eher Eifersucht zwischen den einzelnen Gemeinden bestand, als Theituahme und gegenseitige Aushülfe. Allmälig ist dies durch die Einwirkung d<w Presse, durch thatsächlichcs Beispiel, und am Meisten durch die Angriffe der Gegner in Wort und That, und die von diesen mehr als billig den Juden auferlegte Solidarität, anders geworden, und wir brauchen hier keine Beispiele dafür anzuführen, daß ein unverschuldetes Leiden von Juden als solchen in einem Lande Mitgefühl und Unterstützung bei den Glaubensgenossen in allen anderen civilisirten Staaten sinket. Noch weniger ist cs nölhig, hierbei hervorznheben, daß dieser Gemeinsinn der Juden für einander den Gemeinsinn derselben für ihre christlichen Mitbürger, für die Zwecke des Staates und' der Gesellschaft, für die Leiden und Freuden des Vaterlandes, durchaus keinen Abbruch thut. Es hat sich aber hierdurch ein gewiffes geistiges Band zwischen den, der Cultur angehörigen Israeliten gebildet, daS, ohne durch einen allgemeinen Verein dargestellt zu werden, doch besteht, und in allen Fällen, wo cs Noth thut, sich auch bethätigen wird. Auf diesem Boden hat denn auch die Reform des Gottesdienstes eine gewisse Bedeutung erhalten, aber auch viel mehr Staub ausgewirbelt, als nöthig gewesen wäre. Die sogenannte Orthodoxie, welche sich der schnellen Entwickelung des individuellen Leben entgegenzustemmen machtlos war, klammerte sich an jede Veränderung res Cultus, sie zu Hintertreiben, oder doch zu einem Gegenstände erbitterten Streites zu machen, damit die Fortschreitenden doch irgendwie an die Macht des Stillstandes und an die Wucht des Herkömmlichen erinnert würden. Tenn zu verkennen ist es nicht, daß der öffentliche Gottesdienst gerade am Meisten Gelegenheit bot, ihn von vielen Mißbräuchen zu säubern, und ihni nach rem Bedürfnisse unserer Zeit ansprechendere und verständlichere Formen zu geben, ohne das tradirte Gesetz, wenigstens in dessen Grundmomenten, zu verletzen. Auch haben in sehr wesentlichen Theilen selbst sich als sehr orthodox bezeichnende Synagogen sich reformirt, und bieten einen ganz anderen Anblick dar, als noch vor dreißig Jahren. Ter Gegensatz, in welchen sic zu den berechtigtesten Forderungen traten, führte manche Gemeinde, oder auch nur einen Bruchtheil derselben, zu entschiedeneren Schritten, und schließlich gewann die religiöse Üeberzeugung so viel Einwirkung, daß auch grundsätzliche Veränderungen, wie Betreffs der Gebete um Wiederherstellung des Opfcrcultus u. s. w. vorgenommen wurden. Im Ganzen aber ist, mit sehr geringer Ausnahme, keine Gemeinde von dem eigentlichen Boden der Tradition in ihrem Gottesdienste gewichen, und man ist im Ganzen heute noch nicht über den Standpunet des Hamburger Tempels (1820) hinausgegangen. Dies wollten wir hier ganz besonders coustatiren, und damit auch den eigentlichen Eharakter der vielen Streitigkeiten bezeichnen, welche wegen rer sogenannten gottesdienstlichen Reform in den jüdischen Gemeinden, besonders Deutschlands, srattsanden und finden. Allerdings ist eben dieses Bedürfniß gottesdienstlicher Verbesserungen wesentlich in Deutschland erwacht und lebendig geblieben, und hat seinen Wiederhall in Dänemark und Schweden, in Belgien und America gefunden, ohne in diesen Ländern zu Streitigkeiten zu führen. Denn in dem Letzteren haben die Juden von Anfang an verstanden, sich in einzelnen Gemeinden an einem und demselben Orte, je nach der in ihnen vorherrschenden Eultusrichtnng, zu constituircn; und in den anderen drei Ländern war bei der verhältuißmäßig kleinen Zahl der Juden Entschiedenheit vorhanden. Die französische und die englische Synagoge, letztere mit Ausnahine zweier getrennter Gewänden, sind gänzlich stehen geblieben; von der holländischen setzt man dies von selbst voraus. Böhmen und Ungarn rechnen wir in diesem Sinne zu Deutschland. Nachdem der eigentliche Heerd der jüdisch-religiösen Gelehrsanckeit in Polen dem Erlöschen nahe gekommen war, hatte sich bereits in Deutschland die Grundlage zu einer neuen Wohnstätte derselben gebildet. Die Culturbewegnng, welche zunächst die jüdischen Geister auf die Wege der allgemeinen Bildung und Wissenschaft treiben mußte, konnte andererseits nicht unterlassen, * bald auch die religiöse Saite wieder anzuschiügen. Es tag dies