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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-20 · Heft 21 (20.5.1873) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 21 (20.5.1873)
Date
1873-05-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Ein liilMrtciischcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zcitmia erscheint wöchentlich einmal in 2 viS 2 */2 Lyogen. Preis Pierlelmhri.q l Thlr. Anierate werden mit 2 Ngr. für die Petilzcile oder deren Skaum berechnet. Alle Buchhandlungen» Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an. . Herausgegeben von 3iaKnucr Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Blnnugärtner's Buchhandlung in Leipzig. In rcdactionellen Angclcgcnhcilcn , wende man sich an I'r. ö. Philippson in Bonn; binstchllich des Bezugs und der In'eratean üaumgiirlnrr's üuchhandlnntz ind'eivzig. Inserälr. wende bis vonners'- Ina eingehen. finden Inder > arausfolgen. den '.'inminer Berückst prigung. 37. Jahrgang. Leipzig, dm 2«. Mai 1873. J\f 21. Inhalt. Leitende Artikel: Eine Tour um die Welt. HI- — Palästinensische Berciue. — Die preußische Strafanstalt'zu Rawicz. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau. — Ocstreichisch-ungarifche Monar6-ie:^lLien, Drohedr-ez, Ezernowitz.— Großbritannien: London. — Asien. — Aegypten: Kairo. — Corresponden;: Florenz. — Feuilleton: So ist eS gekommen. (Schluß.). — Vermischtes. . ' ' £ci\ciidc ßLx, tifief. Bonn, 11. Mai. Ciue Tour um die Welt, m. Auf dem religiösen Gebiete haben wir Dreifaches in's Auge zu fassen: das individuelle religiöse Leben in der Praxis, den öffentlichen Gottesdienst, und die geistige Auffassung und Bearbeitung der Religion. War nun betreffs des Ersteren eine strenge Gleichheit bei den Juden aller Länder vorhanden gewesen, so änderte sich dies mit dem Anfänge der Culturbewegung gar sehr, und verhältnismäßig schnell. Während bei den Juden im ganzen Osten das gesammte praktische Leben noch auf's Strengste nach den herkömmlichen Vorschriften und Gebräuchen geführt wird, haben sich die Juden in den Westländern mehr oder weniger Aenderungen, eine mehr oder weniger laxe Ausübung gestattet. Es bietet dies von Land zu Laude, von Stadt zu Stadt, von Haus zu Hause ein sehr buntfarbiges Bile dar, mit den mannichfaltigsten Schattirungen versehen, von dem ängstlichen Bemühen an, noch ganz orthodox, wie man es nennt, zu leben, obschon dies im alten Sinne Lech nicht mehr gelingt, bis zur völligen Entfremdung und schon gänzlicher Unkenntniß der väterlichen Sitte. Auch in dieser Beziehung bieten die. verschiedenen Länder in Westeuropa und America Nuaneirungen dar: Holland hält noch am Festesten an der alten Gestalt des JudenthumeS, nach ihm England; in Deutschland ist es der Elsaß, und in Böhmen und Ungarn wird man sich noch ziemlich darin theilen; selbst die einzelnen Bezirke eines Landes unterscheiden sich darin oft merklich. Was so überaus lange Jahrhunderte unveränderlich gewesen ist und gegolten hat, was ein bis in's Kleinste aus- und durchgearbeitetes System darstellt, hat also in dem Zeiträume eines halben JahrhuNdertes in den cultivirten Ländern seine Herrschaft zu einem großen Dheile verloren, und verliert sie über die Masse der Individuen von Tag zu Tage mehr. Es ist dies eine Thatsache, über deren Werth oder Unwerth wir heute nicht zu sprechen haben. Die nivellirende Kraft der Cnltnr, welche die Unterschiede zwischen den Menschen, die inneren wie die äußeren, oft zum Schaden schnell hinwegräumt, und die dringenden Rothwendigkeiten des Lebens, siegten in den Eonslicten zwischen Leben und religiösen Satzungen über die Pietät, welche an die väterliche Sille, an die Gewohnheiten von Kindheit au^ fesselt, und über die Furcht vor Versündigung. Aber gerade in diesem letzten Puncte änderte sich die religiöse Ueberzeugung; man begann, mehr oder weniger bewußt, die wirtliche religiöse Verpflichtung auf die Uebung dieser Satzungen zu bezweifeln und zu verneinen. Man neigte das Hauptgewicht der Religion den Lehren derselben und der Sittlichkeit zu, und befand daher, daß dem Culturlebenwiderstreitende Einrichtungen vor diesem weichen müßten. Man räumte hierin dem Individuum die volle Gewjssenssreiheit ein. Hierin bietet wohl daö neuere Judenthum einen Anblick dar, wie ihn frühere Jahrhunderte nicht halten.

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