Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1873)
- Date
- 1873-05-13
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 ©eneratiencn nothwentig wirken muß, und umsomehr, als die Industrie und der Handel gerade seit der Emancipation der Juden einen ungeahnten Ausschwung genommen haben, und so lange nehmen müssen, als in Asien und Africa mit jedem Jahre neue große Völkerschaften in den unermeßlichen KreiS des Prodnetenaustauschcs hereingezogen werten. Allein es ist ein Voruriheil, eine völlig falsche Vorstellung, daß da, wo den Inden seit langer Zeit der Betrieb der Handwerke freigestanden hat, sie dennoch ausschließlich dem Handel oblägen. In Amsterdam wie in den russischen Provinzen, in Jassy wie in den türkischen Städten, gehört ein sehr großer Theil der jüdischen Bevölkerung dem Arbeiter- und Handwerkerstande an. Ta natürlich, wo ihnen noch vor fünfzig oder gar dreißig Jahren die Ausübung des Handwerkes verboten, der Eintritt in die Zünfte untersagt war, kann sich dies nur allmälig entwickeln; aber auch hier zeigen sich an vielen Orten, besonders wo sie in größerer Zahl wohnen, günstige 'Resultate. Zu bedauern ist cs aber, daß überall das alte Vorurtheil, jc^t in entgegengesetzter Richtung Steine auf sie zu werfen, nicht abläßt. Tenn sobald Juden sich in irgend einem Fache auszeichnen, oder auch nur darin thätig sind, macht man ihnen einen Vorwurf daraus, und beschuldigt sie, sich dieses Faches bemächtigen zu wollen. ES ist dies nicht blos im Handel, der Fabrik und rem Handwerke der Fall, sondern auch im Mehrfache, in der Literatur, in den Künsten, in der Presse. Hemmnisse und Widerwärtigkeiten begegnen dem Juden aus allen Wegen, die er einschlägt, und wenn dies die Einzelnen nicht selten bewegen wird, einen Beruf zu wählen, in welchem sie Derartiges nicht zu fürchten haben, so weckt doch andererseits dieser Uebelstand ihre Streblrast immer von Neuem. Blicken wir nun noch auf das religiöse Gebiet und dessen Entfaltung. Wir wissen, daß wir hier bis zur neueren Zeit, was das praktisch-religiöse Leben betrifft, ans einem, den Juden aller Länder gemeinsamen Boden stehen. Tie talmuoisch-rabbinische Entwickelung hatte sich, mit Ausnahme der kleinen Abzweigung der Karäcr, die allgemeine Geltung verschafft. Es machte dabei wenig aus, daß sich zweierlei synagogale Riten gebildet hatten, und daß, immer außer dem eigentlichen Gebetsfonds, in einzelnen Ländern, ja Gemeinden, verschiedene Gebete aufgekonuuen waren. Fragen wir aber nach der theoretischen Entfaltung, nach der mehr oder weniger wissenschaftlichen Bearbeitung des religiösen Stoffes, so gewahren wir, daß wir in den verschiedenen Zeitepochen den Hecrd der geistigen Bewegung und Thäligkeit in immer anderen Länderstrichen finden. Aus Palästina war derselbe (Alexandrien als mehr in sich gesondert und eigenthümlich übergehen wir., nach Babylonien übertragen worden; von hier aus verpflanzte er sich vorzugsweise nach Spanien, von hier über die Provence nach Deutschland, und später nach den Slavenländern. Wenn auch in Deutschland, Italien und Holland die talmurisch-rabbinische Thäligkeit durchaus nicht aufhöne, so überwog doch in den letzten Jahrhunderten Polen sie sämmtlich, und der slavifch-jüdische Geist «rächte sich in Methode und Anschauung auch in Deutschland geltend. Die neuere Zeit hat hierin einen abermaligen Wandel hervorgebracht, und zwar aus selbstverständlichen Gründen. Hatte sich erst der jüdische Volksgeist der allgemeinen Eultur und Wissenschaft eröffnet, so konnte sich ja auch das Indenthum selbst dieser umwandelnden Einwirkung nicht entziehen, und d a s Land mußte der neue Hauptsitz der jüdisch-religiösen Geistesarbeit werden, in welchem, auch durch die Zahl begünstigt, diese Eulturbewegung in den jüdischen Geistern am «leisten Platz griff, und dies ist Deutschland. Indeß dürfen wir dies ursächlich auf äußerliche Momente nicht beschränken. Es müssen hierin auch iimerc Gesetze wirken, die sich uns nicht so deutlich erkennbar darstellen. Denn wir sehen zur selbigen Zeit den Geist in den slavischen Juden auch auf dem Gebiete selbst wie erschöpft, auf welchem sie bis dahin excellirten. Die talmndisch-rabbinische Gelehrsamkeit hat in den Slavenländern gegenwärtig jede schassende Energie verloren; sie ward geistig so schwach, daß sie das Entstehen und die Ausbreitung des völlig entarteten Ehassidismus nicht zu verhindern vermochte, ja nicht einmal nachdrücklich zu bekämpfen fähig ist. Dies ist eine Thatsache, welche uns auf innere psychologische Gesetze und Ursachen hinweist. Gehen wir hierauf noch etwas näher ein. (Schluß folgt.) Die jüdischen Katakomben bei Nom. Ta einmal die Frage der sogenannten jütischen Katakomben bei Rom in d. Bl. angeregt worden ist, so wird eS hoffentlich Ihren Lesern nicht uninteressant sein, noch einmal Näheres und Verläßlicheres über dieselben zu hören. Ter bekannte römische Archäolog Rafaele Garrneci hat sich im zweiten Bande seiner Dissertazioni «reheologiclie (Rom lS(i«) eingehender mit diesen Katakomben beschäftigt. Er ist vollständig von ihrem jüdischen Ursprünge überzeugt. Die Gründe, die er dafür anführt, sind dreifacher Art. Einmal ist ein guter Theil der Gräber — was man bei den christlichen Begräbnißstätten nicht findet — als Höhlen in der Wand unterhalb des Fußbodens angebracht, und entsprechen der Anlage und den Maßen nach genau den , die in der Mischna besprochen werden.*) Aehnliche Gräber hat der Graf *) In der Mischna Moöd Katvn l, G werden yao mit n-n:>p bezüglich der Zwischenfesltage zusanunengestellt, aber in der Gemara zur Stelle 8, 2 werden sie unterschieden, indem die erstereu „auSgegraben", die letzteren „gebaut" werden. In Baba bathra 100, 2 wird die Größe der vo» 1 Ellen Länge, 7 Ellen hoch und G Ellen breit angegeben. Dr. M. P. 20*