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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-13 · Heft 20 (13.5.1873) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 20 (13.5.1873)
Date
1873-05-13
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 infonfccrS die elfteren unter dem Schutze Englands in gedeihlichen Umständen sich befinden. In der astatischen Türkei finden wir einige größere Gemeinden, in Bagdad, Damaskus, Smyrna und an anderen Orten zahlreich, in ihrer Mitte Individuen, die sich der europäischen Cultur genähert haben, die Massen arm und unwissend. Bon der türkischen Negierung haben sie nicht zu leiden, wohl aber werten sw nicht selten, z. B. in den beiden letztgenannten Städten, vom griechischen Pöbel behelligt, während deren Geistliche sich in anerkennenswerther Weise duldsam und gerecht zeigen. Von Babylonien ans rettete sich, nachdem der Verfall daselbst begonnen hatte, die jüdische Gelehrsamkeit durch einzelne Träger nach Aegypten, Nordafrica, z. B. Fez, nach Spanien und der Provence. Aber auch hier, von den beiden letztgenannten abgesehen, welche Verödung! Der geistige Aufschwung ist bis auf die letzte Spur verschwunden. In Aegypten, außerhalb Kairo's, nur noch eingewanderte Europäer, die jetzt in Alexandrien eine aufblühende Gemeinde constituirt haben; in Tunis und Tripolis, wie in Fez und Marokko, auf's Acnßerste niedergedrückte und oft mißhandelte, an einzelnen Orten zahlreiche Juden. Nur in Algerien unter der französischen Herrschaft haben sich die eingeborenen Israeliten, wie man sagt, 37,000 an der Zahl, schnell emporgerasft; seit dem November 1570 find sie französische Bürger geworden, doch bis jetzt noch nicht unbestritten; die jetzige französische Regierung und die Nationalversammlung können noch nicht zu dem Entschlüsse kommen, das desfallsige Teeret der Negierung vom 1. September zu bestätigen, oder aber aufzuheben. Ebenso hat sich unter der englischen Verwaltung in der Eapstadt eine Gemeinde vollständig organisiri. Unter den Beduinen an der Südgränze Algeriens leben auch jüdische Beduinenstämme, und das Volk der Fallaschas erkennt man jetzt, wenn auch noch nicht allgetnein, als jüdischen Ursprunges an. Diese Ueberschau in Asien und Asrica giebt uns zugleich den Anhalt, nach den civilisirten Ländern wieder zurückzukehren, um daselbst die culturhistorischeu Zustände unserer Glaubensgenossen übersichtlich anzuschauen. Gerade aus obiger Schilderung wird es uns klar, das; auch für sie die Culmr allein die Mutter besserer Zustände, ebenso der materiellen, wie der geistigen, ist. Lange Zeit, dies lehrt uns die Geschichte, vermag der jüdische Geist, aus dem, von ihm früher gesammelten, eigenthümlichen geistigen Materiale heraus, dem Drucke der uneultivirten Völker zu widerstehen, und sich eine gewisse geistige Thätigkeit und Bewegung, wenn auch auf eigenem, beschränkten Gebiete zu bewahren. Aber im Laufe der sich mehrenden Jahrhunderte verschwindet allmälig diese Zähigkeit und Elasticität des Geistes. Der schaffende Geist sinkt zu einem bloßen Wiederholen und kleinlichen Festhalten des Gegebenen, und von hier aus verliert sich schließlich auch jedes Streben nach Wissen, und dieses selbst. So erging es unserem Stamme in Asien und Asrica, und er, der an dem Aufblühen und der Entfaltung des arabischen Geistes einen so regen Anlheil genommen hatte, verlor jede Sprungkraft, nachdem die muhammedanische Bevölkerung in Erstarrung gesunken war, und die brutale Despotie ihre ganze Wirkung über dieses große Gebiet der Erde ansübte. Zwei Factoren müssen sich vereinigen, um in der Gesammtheit der jüdischen Masse die Enlturbewcgung anznregen, und zu der Mächtigkeit zu erheben, deren sw fähig ist; nämlich die Eultur der Völker selbst, denen sie angehört, und die freie Bewegung, die durch den Wegfall aller beschränkenden Ausnahmegesetze, und den vollen Antheil an dem bürgerlichen und staatsbürgerlichen Leben gegeben wird. Allerdings vermochte selbst bei der größten Abgeschlossenheit immerhin die doch nicht ganz zu vermeidende Berührung im Leben, Einzelne zu einem hohen Grade der Geistesbildung kommen zu lassen, und so sehen wir vor und zur Zeit Mendelssohns eine nicht unbedeutende Zahl jüdischer Individuen durch Wissen und Bildung sich auszeichnen, und insbesondere war der ärztliche Stand zu aller Zeit bei den Juden stark vertreten, so daß selbst in den finstersten Jahrhunderten Fürsten, und sogar Päpste, jüdische Leibärzte hatten. Dies übte aber auf die Masse keinen sichtlichen Einfluß. Wo hingegen den Juden der volle freie Antheil am Volks- und Staatsleben gewährt wurde, wie in Alexandrien und Rom, da schlossen sie sich auch vollständig der allgemeinen Eultur an, und selbst ca, wo ihnen auch nur ein beschränkter Spielraum gestattet war, wie unter der arabischen Herrschaft während cer Blüthezeit der Letzteren in Spanien, Nordafrica und Aegypten, entfaltete sich eine hohe' Geistescultur unter den Juden dieser Länder. Als den spanischen Flüchtlingen in Holland eine ziemliche Freistätte gewährt worden war, gingen ans diesen immer noch viele Schriftsteller in spanischer Sprache hervor, und es entsprangen Männer aus ihnen, wie Spinoza, Menasse ben Israel u. a. Es kann nun hier unsere Absicht nicht sein, die Geschichte der bürgerlichen Emancipation auch nur zu skizziren. Genug, außer Rußland, Rumänien und Serbien, haben die Juden gegenwärtig in allen civilisirten Staaten die volle Gleichberechtigung erlangt, und wdnn es allerdings nicht ohne Einstllß bleibt, daß es immer noch auf den Geist der Vmvaltuug und den Willen der Persönlichkeiten ankommt, welche die Verwaltung leiten, das geschriebene Wort des Gesetzes nach allen Richtungen hin zur Wahrheit oder illusorisch zu machen, so kann dies, doch dem unwiderstehlichen Fortschritte nicht lange entgegenstehen. Berücksichtigt aber muß es in der Beunheilung der Wirkungen werden, daß diese Gleichstellung in den meisten Staaten kaum ein Menschenalter zurückgelegt hat. Dagegen kann wiederum die innere Emancipation früher datirt lverdcn; sie amg, mit Ausnahme Frankreichs, der gesetzlich durchgeführlen staatlichen Gleichstellung überall vorher, und rang sich aus der Volksseele selbst heraus. Hier ist nun nicht zu übersehen, daß die ge.valisame Beschränkung der Juten auf den Handel während anderthalb Jahrtausenden aus die gewerbliche Richtung derselben «och wahrend vieler

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