Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1873)
- Date
- 1873-05-06
- Page
- Seite 315 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226926--31640-3254568- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 Nichts, ich werde niemals mehr fordern, als nethwendig ist, aber nehmt Euch in Acht." Hiermit wandte ich den Rucken und verließ das Zimmer. Ja, es verhielt sich ganz so, wie ich zu Samuele gesprochen hatte. Hier — und er klopfte an die alte Weste, die er trug — Hier, in einer verborgenen Tasche, trage ich das Papier noch bei n>ir. Es ist von Lelio'S eigener Hand. Hiermit griff der Greis in eine Brusttaschc und holte ein vergilbtes Papier heraus; seine Hand zitterte, aus seinen Augen flössen Thränen. -Er schlug es nicht aus einander, und ich griff nicht danach. Wozu auch? Es war jetzt längst bedeutungslos geworden. Was sind menschliche Vorsichtsmaßregeln? Es kommt immer anders, als wir cs gemeint haben, und was wir auf's Klügste ersinnen, schlägt, wenn nicht in's Gegcntheil, meist in's Leere um. Achnliche Gedanken mochten dem alten Isacco durch den Kops gehen. Er sagte: Ich weis; wohl, daß dieses Papier schon lange nutzlos ist. Wenn ich cs recht bedenke, so weiß ich nicht einmal, ob ich es nicht für ein Unglück halten solle, daß ich es damals besaß. Aber es ist das einzige Vermächtnis; meines theuercn Lelio, und die Hand hat cs selbst geschrieben, die jetzt im Grabe vermodert ist; ich habe mich nie von ihm getrennt, und es soll mit mir in die letzte Ruhestätte gehen. Nach einigen Tagen rief mich Samuele, und sagte mir mit abgewandtem Gesichte und mürrischem Tone, ich solle Giacomo einen Lehrer schaffen, und bestiunnte zugleich das Geld, das ich dafür verwenden könnte. Es war karg genug, für den Augenblick genügte c%. Später forderte ich mehr, und wenn auch mit unverhohlenem Widerwillen, gestand es Samuele mir zu. Ich war stets sehr bescheiden in meinem Verlangen. Wieder verging eine Reihe von Jahren, von glücklichen Jahren. 2Bic thöricht ist cs, wenn man das Erwachsen geliebter Kinder heranwünfcht, während mit ihrem Jünglingsalter erst die rechten Sorgen und Kümmernisse um sic eintreten! Giacomo war ein sehr begabter Knabe, der die Hoffnungen seiner Lehrerweit übertraf, und Grazia entfaltete sich immer mehr zu einem lieblichen, schönen Märchen. Aus Liebe zu Giacomo folgte sie seinen Studien von fern, um mit ihm darüber plaudern zu können. Die beiden Kinder hingen so zärtlich au einander, und nicht minder an mir, dem sic seine Fürsorge durch ihre Liebkosungen und ihre Anhänglichkeit reichlich belohnten. So war Giacomo fünfzehn. Grazia dreizehn Jahre geworden, und cS mußte an den Lebenüberuf des Knaben ernstlich gedacht werden. Dieser aber hatte bereits sich entschieden; er wollte durchaus Arzt werden, und sprach seine Abneigung vor jedem anderen Stande so ernsthaft aus, daß an ein Abreden gar nicht zu denken war. Wie cs hier zu Lande geschieht, mußte dann der Knabe zunächst aus einige Jahre zu einem Apotheker in die Lehre gegeben werden, welche Aussicht für (Giacomo durchaus erfreulich war. weil er neben seinen Büchern sehr gern mit allerlei Euriositäten hantirte. Ich mußte deshalb mit seinem Onkel sprechen, und dies war wieder eine Ausgabe für mich. Samuele empfing meine Mitthcilung über die Absichten Giacomo's, wie Alles, was seinen Reffen betraf, mit unverhohlenem Widerwillen, diesmal mit wahrem Zorne. „Ich bin durchaus nicht böse," rief er anS, „daß der Junge mir aus dem Hause kommt; aber woher will er das viele Geld nehmen, daS erforderlich ist, bis er Arzt geworden ist, und die Leute mit seiner Medicin auszuplündern versteht? Ich habe eS Dir schon gesagt, Isacco, daß er Nichts hat, daß sein Vater Alles verschwendet hat, von mir erhält er keine Lira . . ." „DaS Letztere glaube ich gern," erwicderte ich, „das Erstere ist nicht wahr, und Ihr braucht Euch keine Mühe zu geben, es mir einreden zu wollen. >, Doch das wird sich mit rer Zeit finden. Der Apotheker Faro, mit dem ich schon gesprochen habe, gesteht uns die billigsten Bedingungen zu; Giacomo kann ein halbes Jahr länger bei ihm bleiben, mn daS Lehrgeld abzuverdienen." Die giftigen Blicke, mit denen mich Samuele verschwenderisch regalirte, schienen sich bei meinen letzten Worten etwas zu mildern. „In der Familie Bajso's hat es bis jetzt," murrte der widerwärtige Mann vor sich hin, „noch keinen Arzt und keinen gelehrten Schwärmer gegeben; sie verstanden das Leben und seine Forderungen besser. Nun, sein Pater war auch ein verkehrter Kopf, mag er laufen, wohin er will." „Wollt Ihr nicht selbst die Sache mit Faro abmachen?" fragte ich ihn noch. „Wozu das? soll ich etwa als Bürge eintreten, wenn der Junge dumme Streiche macht?" „Die wird veredele, gut geartete Jüngling nicht machen!" siel ich heftig ein, „dafür stehe ich. Ihr würdet wohl auch dieser Meinung sein, wenn Ihr Euch jemals um ihn gekümmert hättet. Ucbrigens wird Faro schließlich die Bestätigung des Eontracteö von Euch, als dem Vormunde Giacomo's, verlangen, und es könnte doch wohl in Euerem eigenen Interesse liegen, daß die Einwohner von Porlezza glaubten-, Ihr wäret ein sorgsamer Oheim für Eueren Neffen." Samuele warf mir einen stechenden Blick von der Seile zu. Meine Worte hatten Eindruck auf ihn gemacht; aber er schien zu erwägen, was mich wohl zu dieser, von mir nicht erwarteten Auslassung bewogen hätte. Rach einigem Nachdenken sprach er: „Gut, ich will mit Faro selbst sprechen." Er nickte mit dem Kopfe, um mich zu verabschieden. Die Sache war besser gegangen, als ich geglaubt hatte. Ich kennte meinen Giacomo mit der Nachricht beglücken, daß Alles in Ordnung sei. Meine Worte hatte ich allerdings in guter Absicht gesprochen. Ich wollte dem hartherzigen Samuele eine Brücke bauen, um später vielleicht doch gut mit ihm auS einander zu kommen. Daß Dies Opfer kosten werde, wußte ich . . Wenn ich nur einen Theil des Vermögens meines theuercn Giacomo - seinen Händen zu entreißen vermöchte. Auch hing mein Herz