Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1873)
- Date
- 1873-05-06
- Page
- Seite 314 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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314 tragen halfen. So traurig war es nunmehr um diese theuere Wohnstätte früheren Glückes und Behagens bestellt! Und dennoch war eS hell und licht um mich durch die beiden lieblichen Kinder, und durch die Sorge um sie, die in ihrer Unschuld nichts Böses ahnten und, weil sie bald nichts Besseres kannten, fröhlich gediehen. Aus meinen Armen und meinem Schoße wuchsen sie heran; des Abends trug ich sie in ihre Beuchen und' wachte, bis sie eingeschlummert waren; der Morgen traf mich ebendaselbst, um ihren ersten Blick und ihr erstes Lächeln zu erwarten. Wenn sie krank waren, verließ ich ihr Kämmerchen nicht, und hielt das fiebernde Händchen so lange in der meinen, bis Gott die Genesung wieder gesandt hatte. Die Kinder waren immer bei einander, und der etwas ältere Knabe beschäftigte sich allein mit dem zarten Mädchen, das an seinen Blicken und Lippen hing. Als sie älter, wurden, unterrichtete ich sie gemeinschaftlich, und theilte ihnen das Bißchen Wissen mit, daSich besaß. Aber Giacomo hatte einen feurigen Geist, und bald stand ich verlegen ihm gegenüber, wenn er mich mit seinen Fragen bestürmte. Ich mußte mir sagen, daß er weisere Lehrer und gelehrtere, als ich war, haben müßte. Dies gab nun eine Scene mit Sainnele, die ich längst hatte kommen sehen, und auf welche ich vorbereitet war. Er hatte, wie gesagt, die Sorge um die Kinder mir ganz allein überlassen. Einmal des Tages mußte Grazia zu ihm kommen, er behielt sie, kaum einige Worte mit ihr wechselnd, eine Viertelstunde bei sich, und entließ sie dann wieder, was sie auch gern sah. Von Giacomo wollte er gar "Nichts wissen, und wenn er ihm zufällig im Hause begegnete, blickte er ihn feindselig an, daß das Kind zitterte, und ihm bald überall auswich. Dies suchte ich denn auch möglichst zu bewirken, denn ich war nicht sicher, daß er dem Knaben, wenn er ihm nahe käme, einen Stoß versetze. Ich selbst leistete Santuele die geringen Dienste, die er für seine Person beanspruchte, willig, ohne daß wir mehr Worte, als nöthig waren, wechselten. Nach längerem Zögern entschloß ich mich nunmehr, mit ihm eine ernste Unterredung zu halten. Ich trat zu einer etwas ungewöhnlichen Zeit bei ihm ein. Er saß wie immer vor seinen Geschäftsbüchern neben einer offenen Geldtruhe, aus welcher die Goldhaufen entgegenblinktcn. Es war dies ja seine einzige Augenweide^ Er blickte finster auf, und rief mir zu: „Was willst Du? Ich habe Dich nicht gerufen, ich brauche Dich nicht, geh!" Hiermit schlug er den Deckel der Truhe zu, als ob er fürchte, ich könnte mich daraus stürzen, und mit einigem Raube davoneilen. „Ich weiß es, Samuele," erwiederte ich, „aber ich habe mit Euch zu reden." „Ich wüßte nicht worüber; mache es kurz." „Es bedarf auch nicht vieler Worte; Giacomo ist jetzt sieben Jahre alt und braucht Lehrer. Beauftragt mich also, ihin solche zu halten." Samuele stand wie angedonnert, und seine2lugen warfen mir zornige funkelnde Blicke zu. „Was denkst Du?" fuhr er endlich mit rauher Stimme mich an; „willst Du mich und den Knaben zum Bettler »lachen? Er ist es ja schon, sein Vater hat Alles verschwendet. Der Junge braucht Nichts zu lernen, er kann einmal sehen, wie er fortkommt. Und was geht es Dich an? Ich bin der Bormund, und Du bist der Knecht. Du hältst den Mund, und gehst an Deine Arbeit. Wenn's Dir nicht gefällt, so scheere Dich aus dem Hause!" Der Bösewicht wußte nur zu gut, daß ich das Haus, d. h. die Kinder, um keinen Preis verlassen würde. Darauf pochte er, denn er selbst würde meiner ebenso wenig gern entbehrt haben. Ich war ja mit dem Leben in diesem Hause vertraut, und leistete ihm zu viele Dienste, ohne meinen Lohn zu fordern, dessen ich ja gar nicht bedurfte. Allein so schnell war ich von dem hartherzigen Manne nicht zu schlagen. Vielmehr trat ich näher zu ihm heran, und sagte mit fester Stimme: „Samuele, das hilft Euch "Nichts. Ich habe ein Papier in Händen, auf welchem in beglaubigter Weise das ganze Vermögen Eueres verstorbenen Bruders, also jetzt Giacomo's, verzeichnet steht. Ich habe das Papier in Sicherheit gebracht, daß Ihr es mir nicht entreißen könnet^ und wenn Ihr mich aus dem Hause weiset, so wird es noch Gerechtigkeit im Lande geben, um der armen Waise zu dem Ihrigen zu verhelfen. Giacomo ist gerade so ein Bettler, wie Ihr selbst seid. Was die Lehrer kosten, will gar Nichts sagen gegen Das, was er zu fordern hat." Samuele war aufgesprungen, wie wenn eine Natter ihn gestochen hätte, sein Antlitz ward erdfahl, seine Gestalt schlotterte. Mühsam stieß er die Worte heraus: „Du lügst, Schurke . . . Nichts hat er, gar Nichts . . . Das Bißchen, was hier ist, gehört mir . . . mein Bißchen Armuth willst Du mir entreißen? .... Was ist das für ein elendes Papier? Wie hast Du es erschlichen? Was hast Du auSspionirt, Elender, der mein Brod ißt, und mich verräth? . . Je mehr ich die Wirkung meiner Worte gewahrte, desto ruhiger ward ich; ich wußte, daß ich ihn in meiner Hand hätte. Gelassen erwiederte ich: „Ihr wißt am Besten, daß ich kein Verrälher und kein Spion bin, daß es im Hause der Baffo's seit dem Tode Lelio's keinen redlichen Mann weiter giebt, als mich. Lelio war ein besonnener Mann, wenn Ihr es auch nicht wissen wollt, und kein Verschwender. Er wtlßte sehr wohl, waS er sich von Euch zu versprechen habe, und übergab mir deshalb jedes Jahr eine Abschrift seines Abschlusses mit Euch, die vom Notar beglaubigt worden ist, und die ich, wie gesagt, sicher hinterlegt habe. Er wußte wohl, daß es eines Tages für ihn zum Bruche mit Euch kommen müsie, und da er Euere Ränke fürchtete. so sah er sich vor. Ach, daß es schlinuner kommen mußte, als er sich gedacht hatte! Ihr wißt mm, Samuele, wie die Sache steht. Selbst mein Tod würde Nichts daran ändern. Thut nun, was Ihr nicht lassen könnt. Mich erschüttert Ihr durch