Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1873)
- Date
- 1873-05-06
- Page
- Seite 316 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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316 zu sehr an dem Hause der Basso, um nicht möglichst jeden Skandal, jeden offenkundigen Streit -gern vermeiden zu wollen. Giacomo kam zum Apotheker, bei rem er wohnen mußte. Nur Mittags kam er zum Esten zu uns, und am Sabbath und an Festtagen verbrachte er einige Stunden bei uns, da er die übrige Zeit dieser Tage bei seinen Büchern verweilte. Tie Trennung kam mir und Grazia, dieser wohl noch mehr, sehr hart an, und die Lücke, die in unserem kleinen Kreise durch sein Scheiden gerissen wurde, war uns lange Zeit sehr empfindlich. Auch machte es sich bald, daß Giacomo den Umgang mit den anderen Lehrlingen und der besseren Zugend seines Alters nicht ganz vermeiden konnte. Er hatte das Herz seines Bakers geerbt, offen und voll Menschenliebe, anziehend für Jedermann, und nur das Böse und Rohe von sich abweisend. Es konnte nicht ausbleiben, daß er seinen Kameraden «lanche Stunde widmen mußte, und Grazia war sehr eifersüchtig hieraus. Doch war der theuere Knabe bei uns, so ergoß 'sich ein so reicher Strom von Liebe aus seinen Blicken und Worten; er brachte stets eine kleine Ucberraschung oder Gabe für Grazia mit, kleine Näschereien, die er selbst bereitet hatte, eine seltene Blume,' ein duftendes Kraut aus dem Apothekergarten, wohlriechende Salbe und dergleichen, daß jeder Umnuth schnell verschwand und die fröhlichste Stimmung eintrat. Freilich bedurfte jetzt Giacomo etwas mehr Aufwand als früher, unt> man durfte Samuele oamit nicht kommen,. Ich wollte auch bei ihm mein Ansehen durch allzu häufiges Fordern von Kleinigkeiten nicht abschwächcn. Aber wozu hatte ich denn ein kleines Sümmchen aus den Geschenken erspart, die mir von Zeit zu Zeit irgend ein Geschäftsfreund Samuele's in die Hand drückte, etwa nur schnelleren Einlaß bei ihm zu erhalten? Ich hatte das immer mit Widerwillen genommen; jetzt war cs anders, denn es wanderte aus meiner Hand schnellin die Tasche nieines Giacomo, der es wahrlich nicht schlecht verwandte, aber doch Etwas haben mußte, um nicht gar zu armselig zu erscheinen. Grazia beseufzte oft, daß sie gar Nichts hierzu beitragen könne; aber ihr geiziger Pater gewährte auch ihr kaum ras Unentbehrliche. Allerdings des PntzeS bedurfte sie nicht. Sie war so schön und anmuthig geworden; ein Blick aus den sanften braunen Augen, ein Lächeln um den feinen rosigen Mund, imb wer hätte Sammet und Seide an ihr vermißt? Faro war sehr zufrieden mit seinem Lehrlinge, der schnelle Fortschritte machte und ihm bald gute Dienste leistete. Und dabei war er so fröhlich und guter Laune, immer bereit zu Gefälligkeiten, immer aufgelegt zu Scherz und Spiel, trotz des Errkstes, mit dem er seine Kunst und sein Lernen betrieb. Waö sott ich Euch, Signor, aushalten? In dem Herzen der Kinder reiste die Liebe der Zugendgespielen zur unwiderstehlichen Neigung heran; sie wußten es nicht, ich aber bemerkte es wohl. Zch gestehe es Euch, eS machte mich glücklich. Zch träumte, die Dinge könnten nicht günstiger verlaufen; Sarnuele mußte doch gern einwilligen, da er dann das Vermögen Giacomo's in seinen Händen behalten konnte, und so das ihm so fatale Blatt Lelio's in meinem Besitze bedeutungslos ward. Das ganze Vermögen fiel doch einmal den Kindern zu. * Ach, wie grausam sollte ich mich geirrt haben! iFortsetzung folgt.) Vermischtes. Bei den Franzosen sind Ausdrücke noch im Umläufe, welche die Inden beschimpfen, und in anderen Sprachen nicht gebräuchlich sind. In der Sitzung der Nationalversammlung vom 1-1. Januar kam folgender kleiner Zwischenfall vor. Abgeordneter Nive.. „Zn Erwägung, daß die jüdische Auslegung ..." Mehrere Stimmen. Wie? jüdisch? Ein Mitglied. Das Wort jüdisch ist nicht parlamentarisch. Herr von Ehampvallier. Ziehen Sie „jüdisch" zurück. Langlois. Dieses Wort hat nichts Beleidigendes. Ein Mitglied. Es ist weder gesetzgeberisch, noch juridisch. Mathieu-Bodet. Es ist vollkommen juridisch. Der Präsident. Es ist eine Erwägung, welche der Redner vorliest, nicht der Text eines Gesetzes. Rivö. Die Bersaukmlung scheint, wenn ich mich nicht irre, den Ausdruck „jüdisch" sonderbar zu finden. Ein Mitglied. Sagen Sie „buchstäbliche Auslegung". Riv6 stimmt zu. ' Die jüdische Presse im Ganzen befindet sich nicht in blühenden Umständen. Zn America enthalten die dort erscheinenden jüdischen Wochenschriften regelmäßig auch — Theaterberichte, Eoncert- und Ballkritiken u. dgt., um ihr Publicum anzuziehen. Denn aus Mangel an Stoff kann es nicht geschehen, da die americaliischen Blätter doch nur zmn größten Theile die europäischen Blätter abschreibenwobei es auf etwas mehr oder weniger nicht ankäme. Es nimmt sich sonderbar aus, nach einem etwa sehr frommen Leitartikel einen sehr frivolen Bericht über „unsere Theater" zu lesen. Im deutschen Sndosten hat ein jüdisches Wochenblatt jetzt seine Zuflucht zu — Handels- und Börsennachrichten genommen! Wir gestehen, da sind uns Eonccrtberichte noch lieber. Zndeß sind dergleichen Manoeuvres weniger für die Redactioncn ein schlimmes Zeugniß, als für — das jüdische Publicum! Denn einerseits lesen unsere Glaubensgenossen außer den politischen Zeitungen nicht viel, andererseits begnügen sich viele Familien, wenn sie wirklich ein jüdisches Blatt lesen, mit — einem Exemplare, das bei ihnen roulirt.