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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-06 · Heft 19 (6.5.1873) · p. Seite 313

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 19 (6.5.1873)
Date
1873-05-06
Page
Seite 313 (sequence 11)
Language
German
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313 Widerlegung aufzunehmen. Mit Recht bemerkt Herr Lövy-Bing, was wir von einer zu Paris studirendcn rumänischen Jugend zu erwarten hätten, die an diesem Platze selbst die Intoleranz und Gewaltthätigkeit principiell zu bekennen wagt. Rußland. Wilna, Ende Februar. (Privatmitlh.) Der Bildungödrang unserer hiesigen Glaubensgenoffen hat ganz eigcnthümliche Erscheinungen zu Tage gefördert. Besucht man in den Gymnasien die untersten Claffen derselben, so sieht man nicht selten neben acht- bis zehnjährigen Knaben junge Leute im Alter von fünfzehn bis sechszehn Jahren sitzen. Run schreibt allerdings das Gesetz für jede Elasse ein bestimmtes Alter vor; die Aeltern aber, um ihren erwachsenen Kindern noch die Bortheile der Gymnasialbildung zu Theil werden zu lassen, wissen durch allerlei Schliche und Manipulationen für dieselben Geburtsatteste auszuwirken, in denen ihr Alter niedriger angegeben ist. Die Schulbebörden müssen sich au diese Geburtsalteste halten, obgleich sie der Augenschein lehrt, daß dieselben unrichtig sind. Kürzlich war nun der Eultusminister hier, um die Lehranstalten des Lehrbczirkes Wilna zu inspiciren, wobei er natürlich der oben beregten Uebelstäude gewahr wurde. Er berichtete über dieselben an den Kaiser, und ersuchte um Abänderung der Gesetze, so daß es den Schulbehörden sreistehen solle, das Alter des auszunehmenden Schülers zu bestimmen, ohne Rücksicht auf die Angaben des Geburtsattestes. Seitens des Kaisers wurde der Vorschlag genehmigt. — Wir können denselben nur vollständig billigen. Indessen erheischt doch die Lage derjenigen jungen Leute, die, nachdem sie das Eheider verlassen haben, sich noch gern rnoderne Bildung aneignen möchten, eine besondere Berücksichtigung! — Aus der hiesigen Gemeinde ist von einem kleinen Eravall zuberichten. Herr Dainow, ein recht begabter und beliebter Prediger, hat es sich einfallen lassen, in den . verschiedenen Synagogen unserer Stadt gegen die Feinde moderner Bildung und Eultur scharfe Philippika zu halten. Die Ehassidim nahmen aber den ihm hingeworfenen Fehdehandschuh muthig auf, und sandten dein ihnen feindseligen Darschan einen Drohbrief für den Fall, daß er den in einer bestimmten Synagoge an einem gewissen Sabbath beabsichtigten Vortrag halten sollte. Selbstverständlich war Herrn Dainow sein Leben lieber, als seine Predigt, weshalb diese auch unterblieb. Das hörlustige, rabbinisch gesinnte Publicum gab sich aber mit dieser strategischen Maßregel des Sichrückwärtseoncentrirens keineswegs zufrieden, sondern gab seiner Mißbilligung über den chassidischen Drohbrief in recht tumultuarischer Weise Ausdruck. — Freilich scheint uns Schreien und Toben weniger wirksam, als Handeln, d..h. alle Bestrebimgen und Anstalten zur Verbreitung von Bildung und Eultur kräftigst zu rrnterstützen. I e u i l So ist es gekommen. Erzählung. «Fortsetzung.» VI. Als ich hinter der Bahre Lelio's ging — begann Jsacco seine Erzählung von Neuem — glaubte ich, daß alle Freude und alles, Glück für mich mit ihm in das Grab sinke.' Allein es waren noch gute Geister in dein alten Hause zurückgeblieben, die beiten Kinder, die jetzt meiner Obhut allein anvertrauet waren, und für welche alle Pflichten eines BaterS zu üben, bald wieder mein gedrücktes Herz mit Gefallen und Befriedigung erfüllte. Ich halte niemals geglaubt, das; ein Menschenherz aller menschlichen Gefühle völlig beraubt sein könne; Etwas muß cs doch haben, woran es sich aus dem Wüste des Lebens erheben, und bezeugen möchte, was die Schrift sagt, daß es im Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Ich hatte mich auch hierin geirrt. Samuele war weder Bater, noch Oheim. Die Kinder waren so lieblich, so anschmiegeud, so leicht zu leiten; sie sahen mit ihren unschuldigen Augen so fröhlich in die Welt hinaus, und wie schön waren sie! Aber Samuele war gleichgültig gegen sein Töchterchen, und duldete sie eben nur; Giacomo aber, das gewahrte ich bald zu t e t o n. meinem Entsetzen, haßte er, und hätte ihn arn Liebsten vor die Thüre gesetzt. Die feindselige Gesinnung, die er gegen den Bater gehegt hatte, übertrug er aus den Sohn. So war es mir Vorbehalten, der Schutzengel für die beiden theueren Hinterlassenen zu sein, und ich suchte dies mit allen meinen Kräften wirklich zu sein. Habe ich bisweilen darin gefehlt, so werden es mir Die verzeihen, vor welchen ich bald zu erscheinen hoffe! . . . Das war es denn auch, was mich an dieses verödete Haus fesselte. Ich wußte ja im Beraus, wie es dieser Samuele treiben werde. Aber durste ich diese holten verlassenen Waisen auch verlassen? Ich mußte mir sagen: dann gingen sie unter! — Es war selbstverständlich,' daß Samuele die Bormundschast über Giacomo übernahm, und somit auch die Berwaltung seines Vermögens. Ties hieß aber nichts Anderes, als er riß Alles an sich, und betrachtete es als sein eigenes Gut. Alsbald versteigerte er die schönen Meubles Lelio's und alles irgend entbehrliche Gerälh des Hauses, auch sein eigenes, das bei Lebzeiten seiner Frau angeschasst worden war. Die leeren Zimmer wurden verschlossen, und die beiden Kinder, Grazia mit ihrem Mädchen, in zwei Kämmerchen neben dem meinen eiulegirt, während er selbst sich in das untere Zimmer einschloß, wohin Sie ihn mir 19*

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