Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1873)
- Date
- 1873-05-06
- Page
- Seite 310 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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310 Oestreichisch-nngarische Monarchie. Wien, 15. April. Se. k. und k. apostolische Majestät hat dem israelitischen Neligionslehrcr und Seelsorger an den Strafanstalten zu Prag und Rzepy, Dr. pliil. Samuel Raudnitz, in Anerkennung seiner Verdienste um die Seelsorge und den Unterricht der israelitischen Strafgefangenen, das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. —. Wir entnehmen hiesigen Blättern folgenden Bericht: „Gestern fand im Saale der Handelsakademie die constituireudc Versammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" statt. Herr- Joseph Ritter von Wertheimer eröffnete als Alterspräsident die zahlreich besuchte Versammlung, erklärte den Verein für constituirt, und verlas sodann den Rechenschaftsbericht. Die Allianz bezweckt zunächst die Unterstützung der leidenden Brüder im Oriente. Einnahmen an Fonds und Jahresbeiträgen werden ausgewiesen bis zum 12. April d. I. 30,500 fl. in Rente und 33,251 fl. in Baarem. Verausgabt wurden für Unterstützungen in Rumänien 8000 fl., für die Sustentation eines runiänischen Rabbinatscandidaten 150 fl., an 37 zurückgekehrte Auswanderer 1001 fl. 51 kr., für Unterstützungen in Smyrna 2000 fl. Die Regieauslagen betrugen 281 fl. 88 kr. Das Gefammtvermögen des Vereines beträgt 30,500 fl. in Rente und 18,010 fl. in Baarem. Hierauf nahm Herr Kuranda als Präsident der Cultusgemeinde das Wort, und betonte, daß man vorerst für Hebung des Volksunterrichtes in unserem Vaterlande zu wirken habe. (Bravo.) Dies habe durch Gründung und Erhaltung von Schulen in unseren rasch verarmenden Landgemeinden zu geschehen. Die Allianz übernehme auf diese Art nicht nur eine externe, sondern auch.eine interne Mission. (Bravo.) Anschließend hieran hebt Dr. Hönigsberger die Nothwendigkeit der Gründung von Filialen, insbesondere für Galizien, hervor. Dr. Landesberger constatirt ebenfalls, daß die Gründung der Allianz, welche vor Allem die sociale Emancipation anzustreben habe, einem tiefgefühlten Vedürfniffe Entspreche, und legt der zu wählenden Vorstandschaft ebenfalls an's Herz, so viele Filialen als möglich zu errichten. Zum Schlüsse wurde zu den Wahlen geschritten. Das Scrutinium ergab als gewählt in den Vorstand die Herren Gustav Ritter von Epstein, Moritz Ritter von Goldschmidt, David Guttmann, Moritz Freiherr von Königswarter, Joseph Mautner, Adolph Neustadt, M. Ritter von Pollak, Felix Roth, Dr. Julius Satin, Alfred Tauber, Eduard Freiherr von Todesco und L. Ritter von Wertheimstein; in den Beirath die Herren Jakob Branreis, E. Baumgarten, S. Gottlieb. Dr. M. Güdemann, Hildburghäuser, Dr. A. Jellinek, Dr. H. Knepler, Dr. L. Kompen, Dr. I. Kuranda, L. Ladenburg, L. Ritter von Popper, B. Singer, Karl Ritter von Weil, W. Wertheim, E. Wiener Ritter von Wellen und S. Pappenheirm-Man erfleht hieraus, daß im Schoße dieses Vereines eine zwiespältige Meinung vorhanden ist: die eine constituirt diese Allianz allein zu Gunsten der orientalischen Juden, und beginnt damit, 15,000 fl. für Rumänien und Smyrna auszugeben, darunter 1090 fl. für „zurückgckehrte Auswanderer", d. h. für vagabondirende Schnorrer; während die andere Seite vorzugsweise die inländische Mission verlangt, die bei der traurigen Lage der Landgemeinden in Böhmen, Mähren und Galizien eine so große Aufgabe hätte. Wie eS nach den Thatsachen scheint, wird die erstere Meinung die Obhand behalten, und die reichlichen Sammlungen werden nach dem Oriente fließen, wo sie wie Tropfen auf einem heißen Steine verschwinden. In Oestreich scheint Dies viel weniger angemessen als in Frankreich, wo die jüdischen Gemeinden so reichliche Mittel aus dem Staatssäckel erhalten, und es der Alliance dennoch zum Vorwurfe gemacht wurde, daß sie, bei aller Fürsorge für Tanger und Bagdad, in Paris selbst 500 jüdische Kinder ohne Unterricht umherlaufen läßt, und daß sie bei ihren italienischen Eomitös nicht den geringsten Schritt gethan, um die Rabbinerschule von Padua zu erhalten. Wer bedenkt, daß im ganzen cisleithanischen Oestreich kein einziges jüdisches Lehrerseminar, oder auch nur eine Bildungsanstalt für jüdische Neligionslehrcr besteht, dem wird eö doch, bei aller Freude an irgend welchen wohlthätigen Werken, hinsichtlich dieses Vorgehens etwas unheimlich zu Muthc. Dasselbe gewahren wir ja in Deutschland, wo z. B. das Seminar zu Münster in sehr dürftigen sinanciellen Zuständen sich befindet, und angewiesen ist, jährlich bei den Gemeinden Almosen zu sammeln, ohne daß ihm aus den nicht gering fließenden Quellen der Alliance in Deutschland irgend welche Unterstützung zukäme. Es ist dies nur ein Factum, welches dem alten Sprüchworte: „das Hemd ist mir näher als der Rock" zuwiderläuft, vielleicht weil eben der Rock den Augen der Welt sichtbarer ist, als das Hemd. —. Zahlreiche jüdische Gemeinden in Böhmen und Mähren haben zur Feier der Vermählung der Erzherzogin Gisela wohlthätige Stiftungen gemacht, z. B. Teplitz, Brünn, Proßnitz, Bielitz rc. Die Telegramme der hiesigen Zeitungen geben davon schnelle Kunde. Wien, 10. April. iPrivatmitth.) Sie stellten jüngst unter^ Anderem auch die Frage bezüglich der Besoldung der israelitischen Neligionslehrcr, welche an Communal- oder Staatsschulen fungiren. Was Wien betrisst, kann ich Ihnen folgende Auskunft geben. Ein Rcligionstehrer unterrichtet am Communalrealobergymnasium. Die Commune wollte sich jedoch dazu nicht verstehen, demselben ein Gehalt zu geben, und bestimmte blos jährlich 200 fl. als Pauschale, worauf jedoch der Vorstand der jüdischen Gemeinde nicht eingehen wollte. Der andere Religionslehrer unterrichtet an der k. k. Staatsrealschule. Das Gesetz, das in dieser Beziehung erst im vorigen Jahre crflossen ist, bestimmt, das; der Religionsunterricht an Staatsschulen, falls keine Fonds vorhanden sind, aus Staatsmitteln bestritten werden soll. Die wiener jüdische Gemeinde besitzt nun bekanntlich