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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-06 · Heft 19 (6.5.1873) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 19 (6.5.1873)
Date
1873-05-06
Page
Seite 306 (sequence 4)
Language
German
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306 Fassung schließlich durch Drehen und Wenden seine giftigen Absichten hcrauSpressen, und bei seinen Behauptungen bleiben werde. Dies geschah denn auch durch einen Artikel, welchen „das Vaterland" in seiner Nummer vom 18. unter der Ueberfchrift „Geständnisse des Judenthumes" brachte. So wenig, wie gegen den ersten Artikel vom ß., werden wir gegen den zweiten vom 18. April polemisircn. Gegen die Lüge, die Dummheit und die Unwissenheit läßt sich nicht kämpfen, und wer sich von diesen betrügen und beherrschen läßt, - dem ist doch nicht zu helfen. Wenn wir diese harten Worte gebrauchen, so geschieht es nicht aus Aerger, oder in irgend einer leidenschaftlichen Erregung, sondern weil in der That die Auslassungen des „Vaterlandes" sich beim kältesten Blute gar nicht anders bezeichnen lassen. Wir wollen dafür nur einige. wenige Beweise geben. Es heißt in diesenl Artikel, daß bei der Synode in Leipzig „die Großrabbiner von Rußland, Oestreich, England, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, der Türkei u. s. f." versammelt waren. Dies ist eine Lüge, denn auch nicht ein einziger Rabbiner, auch nicht ein einziger Laie aus Rußland, Frankreich, den Niederlanden, der Türkei, war bei der Synode zugegen. Aus ganz Oestreich war nur ein Rabbiner, aus ganz England nur ein Prediger zugegen. Aus dieser einzigen Lüge entnehme man, wie viele andere in dem Artikel vorhanden sind.. Zu den Dummheiten können wir wohl rechnen, wenn es in ihm heißt: „Tie russische Diplomatie voll Geheimnisse, vor der ganz Europa erbleicht, wer vrganisirt und leitet sie? Juden." . Auch dieses Beispiel wird genügen, um die vielen Dummheiten zu kennzeichnen, die in dem Artikel aufgehäuft sind. Als Unwissenheit stellt sich jedem Kundigen dar, was der haßerfüllte Artikelschreiber über den Talmud sagt, wenn er voraussetzt, Disraeli habe sich in feindlichem Sinne über die Juden geäußert, während dieser f ü r die Juden schwärmt, und in dieser Schwärmerei sich ausschweifende Ncbertreibungen hat zn Schulden kommen lassen, die von unseren Gegnern in hinterlistiger Weise ausgebeutet werden. Die Art, wie das Vaterland unsere Resolutionen in gefälschter Weise citirt hat, läßt uns auch voraussetzen, daß der von ihm in dem Artikel vom 6. April angeführte Ausspruch Disraeli's gefälscht ist, obgleich wir denselben zu ccntroliren im Augenblicke nicht im Stande sind. Sicherlich aber hat Crömieux niemals gesagt, was es ihn jetzt sagen läßt. Wenn wir uns hiermit begnügen, so geschieht cs, wie gesagt, weil, um gegen die Ungeheuerlichkeiten, die aus solchen Quellen fließen, zu streiten, jedes Wort verloren ist. Wenn nach dem ersten Artikel alle deutschen Gelehrten unter der Herrschaft der Juden stehen sollen, so führt dieser zweite aus, daß alle Freimaurerlogen nur die dienstwilligen Werkzeuge der Juden seien, Puppen, die nach dem Winke der Juden tanzen. Bekanntlich haben eS die ultramontanen Blätter dahin gebracht, daß selbst unterrichtete und gebildete Katholiken die Freimaurer' für die Urheber alles Dessen halten, waS gegen die unbedingte Herrschaft der katholischen Kirche geschieht. ES konnte ihnen dieö dadurch gelingen, daß die Freimaurerei noch immer den Mantel des Geheimnißvollen trägt. So vermochten die Jesuiten daraus ein Schreckbilv, einen Popanz, zu machen. Da sie nun jetzt Alles daran setzen, die Juden als die Träger der Antipathieen gegen den Ultramontanismus, d. h. in ihrem Sinne gegen die katholische Kirche, dem Volke darzustellen, ihnen dieses aber weniger gelingen kann, weil die Juden im Lichte des Tages leben, und. Jeder, der nur sehen will, sie daran gar nicht betheiligt sieht, so müssen die Juden die Leiter und Beherrscher der Freimaurerei werden, um sie aus dem Dunkel heraus wirken zu lassen, was/ ihnen bei Lichte nicht nachgewiesen werden kann. Hiergegen helfen Worte, helfen auch die kräftigsten Beweise Nichts. Zur Entschuldigung, daß er unsere Resolutionen so falsch/ citirt hat, sagt der Vaterländler, daß er sie aus Nr. 78 der/ Unitä cattolica übersetzt, also „dem italienischen Texte" ent-/ nommen habe. Es kann uns nicht überraschen, daß der Ultra?-, montane seine Quellen ultra moutos sucht, und wir könnten ihm. glauben, daß das italienische Jesuitenblatt bereits die Fälschung vorgenommen hat. Wir werden nur zweifelhaft daran, weil er- — wohl nicht ohne Absicht — die italienische Übersetzung als Textbezeichnet, und weiterhin sagt, unsere Worte mögen so tauten,, wie wir es angaben, aber „der Wortlaut und Sinn ist ganz: derselbe", wie er ihn angegeben hat — denn fragen müßten wir, ihn, wie ein „Wortlaut^ anders sein könne als die Worteselbst? Verlassen wir diesen Menschen, da seine Eigenschaften ihn nicht zu einem würdigen Gegenstände machen, sich länger mit ihm zu beschäftigen, sprechen wir nur noch einige Worte überdie Partei. Wir haben neulichst gesagt, daß, sobald diese wieder, irgend zur Geltung käme, sie die Juden aller bürgerlichen Rechte wieder berauben würde. Es verkündete dies bereits der Syllabus.. Allein katholische Bischöfe, und die Vorkämpfer des Jesuitismus., im deutschen Reichstage, behaupteten wiederholt, das wäre nicht.' wahr, der Syllabus spräche nur ganz allgemein und theoretisch,/ ohne auf das wirkliche Leben eine Einwirkung zu beanspruchen,. Es versteht sich, daß Niemand sich hiervon fangen ließ. Gegenwärtig aber sind die Sprecher ves Ultramontanismus nicht mehr? so zurückhaltend, und jeder Artikel ihrer Organe macht daraus, kein Hehl. So z. B. in der Nummer vom 17. April sagt das. Vaterland: „Die liberalen Regierungen haben die Katholiken', auf gleiche Stufe mit Altkatholiken, Juden, Sectirern und Atheisten^, herab ge drückt: gleiches Recht für Alle!" Daß die Gleichstellung aller Staatsangehörigen im staatsbürgerlichen und bürgerlichen Leben, in allen staatlichen und gesellschaftlichen Rechten ein „Herabdrücken" erscheint, also ein Hinunterstürzen der bis, jetzt Bevorrechteten auf die Stufe der Benachtheiligten, statt ein Erheben der Letzteren zur gerneinsamen Rechtsstasfel, ist so recht charakteristisch für ein feudales Blatt. Denn sicher ist es, daß die moderne Rechtsentwickelung eben so gut der großen katholischen Bolksmasse höhere Rechte gebracht hat, wie den Juden.

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