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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-29 · Heft 18 (29.4.1873) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 18 (29.4.1873)
Date
1873-04-29
Page
Seite 298 (sequence 12)
Language
German
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296 »enden „Bürger" zugesandt erhielten, und wir unS deshalb gern entschließen, sic hier vollständig wiederzugeben. „Heilige, auf Ueberzeugung beruhende Glaubensansichten,aber auch leere Vorurtheilc, vie sich aus einer dunkelen Zeit bis in unsere Tage herübergesponnen haben, und deren Verantwortung daher nicht diesem Gcschlechre allein zur Last fällt, haben es vermocht, Menschen, die sonst friedlich und freundlich bei einander wohnen, und eine Sprache sprechen, in so starre, berührungslos nebeneinandergchende, ja oft in Haß und Lieblosigkeit sich gegenüberstehende Parteien zu trennen, daß es erst unserer Zeit Vorbehalten blieb, das der Menschheit so lange abhanden gekommene Bewußtsein gleicher Natur und Bestimmung wieder aufzufinden, und über allen Zwang engherzigen Togmenunterschiedes siegend empor zu halten; daß erst unserer Zeit ein Schimmer jenes strahlenden Glanzes achter edeler Menschlichkeit aufzudännncrn beginnt, in dem sich einst alle Menschen samnietn, und ihre früheren Borurtheile erkennen und belächeln werden. „Einst wird kommen der Tag, und er ist nicht fern, wo die einzelnen Glaubensansichten nicht feindlich mehr einander gegenüber stehen, wo alle, alle Menschen, die mit dem Kreuze in der Hand, und die mit den Steintafeln der Gesetze Mosis, zu einem einzigen Bunde werden vereinigt werden, der Wahrheit and der Liebe zu dienen; wo man auch auf Erden nicht mehr fragen wird: bist du Christ oder Israelit? Katholik oder Protestant? sondern einzig und allein: bist du ein wahrer und wirklicher Mensch? wo auf Erden keine Sectirung, keine kirchliche Gemeinschaft bestehen wird, als der Gefammtbund der Guten und Edelen, der allein das Recht haben wird, sich abzuscheidcn vom Gemeinen und Niederen. „Und warum spreche ich diese Ueberzeugung an einem Grabe ans? warum gerade an diesem Grabe? „Andächtige Trauernde! „Es wäre allerdings zunächst der Beruf der menschlichen Liebe gewesen, auf dem Wege der Ueberzeugung, durch das Gefühl res innersten Bedürfnisses, die Menschen zu diesem schönen Zuknnftöbundc zu erziehen. Sie wird es auch vollbringen, o zweifelt nicht daran! Aber weil die Liebe nie und nimmer eines gewaltsamen Wortes zur Erreichung ihrer edelsten Zwecke sich bedient; weil sie, Schritt für Schritt, jede einzelne Menschenseele ihres langjährigen Eises entkleiden will, und nicht weiter geht, als bis sic dieselbe ganz und dauernd mit diesen Ueberzeugungeu erwärmt und durchglüht hat; weil sie daher auf ihrem SiegeSgange durch die Menschheit, obschon sicher, so doch langsam sortschreitet. so hat es ein anderer großer Bundesgenosse übernommen, ihr v.oranzuschreiten, die Herzen mit scharfem, tief einschneidendem Eisen zu pflügen, und für die Aufnahme der Wahrheiten vorzubereiten, die sonst nicht so leicht Eingang gesunden hätten. — „Der Tod! ja der Tod ist der lauteste Verkünder menschlicher Liebe und Duldsamkeit! er setzt sich ohne allen Unterschied des Glaubens, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Unterschiede, welche die Menschen unter sich aufgerichtet haben, auf alle Gräber! Er predigt mit derselben gewaltigen Stimme an alle Herzen, die in den Bereich seiner Tonnerworte treten, dieselbe unterschiedslose Wahrheit, wie einst dem ersten Aelternpaare, so auch am Grabe des j ü n g st gestorbenen Kindes dieser Gemeinde: ihr seid Erde! ihr seid einerlei Erde, und müßt auch wieder zu einer und derselben Erde werden! Er beweiset ihnen mir hinreichender Wahrheit, daß sie alle einem und demselben Lose der Sterblichkeit unterworfen sind, und daß sie sich daher, um eines und desselben Loses willen, auch alle als Brüder erkennen und lieben müssen. Er wirft ihre schönsten Dogmen über den Hausen uud spricht: sie mögen wohl genügen Haß und Lieblosigkeit im Leben unter euch zu erhalten, aber über die Schwelle, die Ich euerem Fuße gesetzt habe, reickl ihre Macht und ihr Wahn nicht! Ihr habt wohl auf Erden mehrere Götter gemacht und gebildet, aber im Himmel ist nur ein Gott, und obwohl ihr ihn verschieden denk: und verehrt, er umfaßt euch alle mit einer und derselben Macht und Gewalt, und wenn ihr auch durch eueren Wahn Haß und Lieblosigkeit aus Erden genährt und verbreitet habt — auch mit einer Liebe und Güte. Derselbe dunkelschwingige Engel der Klage, ganz derselbe lichthäuptige Engel des Trostes, der Besänftigung und Beschwichtigung, sitzt an allen, allen Gräbern, und ich kann daher auch hier (nicht mit Zagen spreche ich es auö) keinen anderen Trostgefühlen Ausdruck geben, den diese allen trostbedürftigen Herzen zu bieten vermögen. „Es ist also nicht die absonderliche Stimme des ChristentHumes, es ist die Stimme der reinen, aber darum nicht minder mächtigen Menschlichkeit, in deren Dienste ich rede, wenn ich eueren tiefverwundeten Herzen Trost und Zuspruch zu reichen versuche, wenn ich euch also zunächst auf die natürlichen Trostgründe Hinweise, die Menschen von Menschen in solchen Lagen des Lebens erwarten können, wenn ich euch also daraus aufmerksam mache, daß ja euere Todte, nach dem allgemeinen Lose der Staubgeborenen, eine der weitesten Gränzen irdischen Wandelns und Lebens erreicht hat, die mit solcher Güte uns Allen wohl nicht zugemessen sein dürfte; daß Ihr derselben darum die Ruhe nach einem so langen und inhaltsvollen Leben gern gönnen, und nicht so sehr Klage in euerem Herzen fuhren wollt, daß Gott sie euch genommen, als Dank und Freude, daß er sie euch bisher gelassen hat; wenn ich euch sodann auf Das Hinweise, was trauernden Herzen zu allermeist so wohl lhut, auf die Liebe, auf die Thcilnahme und auf das Mitgefühl, mit denen aufrichtige Freundesherzen eueren Verlust euch tragen helfen, und so viel an ihnen liegt, zu lindern sich bestreben. Möchte euere Trauer namentlich darum nicht schwerer und anhaltender fein, daß euere Todte in fremdem Lande, so weit von der Heimath, wo ihre Wiege stand, zur Ruhe kommt — auch hier ist ja Gottes Erde! Dieselben Sterne, die über den deutschen Gauen ausgehen, dieselben alten ewigen Sterne, die in

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